Welche Männer eine Glatze kriegen

Bei den allermeisten Männern lichtet sich das Haar irgendwann. Fakten, Mythen und Zahlen zur Kahlwerdung des Mannes.

Oft von der Mutter an den Sohn vererbt: Fallen die Haare aus, bleibt meist ein Kranz übrig. Foto: Getty Images/iStockphoto

Oft von der Mutter an den Sohn vererbt: Fallen die Haare aus, bleibt meist ein Kranz übrig. Foto: Getty Images/iStockphoto

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Im Drama des menschlichen Körpers nehmen Haare eine Hauptrolle ein. Exponiert, wie sie sind, kommt ihnen grosse Beachtung zu. Die Frisur wird entsprechend gepflegt und gehegt, sie verleiht dem Menschen Persönlichkeit.

Kein Wunder, stürzt der Verlust der Haare manchen Mann – Frauen sind weit weniger betroffen – in Verzweiflung: Wenn Haare symbolisch aufgeladen sind, was bedeutet eine Glatze? Alter? Tod? Wohl deshalb sieht man ab und zu Männer, die ihre Resthaare über die Platte kämmen, in einem sinnlosen Versuch, dem Verfall entgegenzuwirken. Allerdings ist dieses Phänomen seltener geworden. Immer mehr Männer bekennen sich zur Glatze, vielleicht, weil Studien zeigen, dass Kahlköpfe durchaus attraktiv wirken können. Andere bekämpfen Haarausfall mit Chemie und Chirurgie, es ist so ein Milliardenmarkt entstanden.

Was sind die Erfolgsaussichten? Wer bekommt eine Glatze – und wer nicht? Diese und weitere Fragen klären wir hier.

Wie viele Männer kriegen eine Glatze?
Bis zu 80 Prozent der männlichen Mitteleuropäer haben Haarausfall. 30 Prozent sind bereits mit 30 Jahren betroffen. Mit 50 Jahren ist es schon die Hälfte. Und mit 70 Jahren hat nur noch jeder fünfte Mann keine Anzeichen von Haarausfall.

Wieso bekommen diese Männer eine Glatze?
Aristoteles dachte, es liege am Sexualverkehr. Die Römer gaben den Helmen die Schuld. Noch um 1900 machte man Mikroben dafür verantwortlich. Doch die Kahlwerdung des Mannes liegt am Stoffwechselprodukt des männlichen Sexualhormons Testosteron: Dihydrotestosteron, kurz DHT. Sind die Follikel (die Stätten der Haarproduktion) empfindlich auf DHT, kommt es zum Haarausfall.

Wie sieht das Drama im Detail aus?
Haare fallen nicht aus, sondern wachsen nicht mehr nach: Zuerst kommt es zu einer Verkürzung der Wachstumsphase des Haares und damit zu einer Verminderung der Haarschaftdicke. Dieser als «Miniaturisierung» bezeichnete Prozess wandelt die dicken Kopfhaare in dünne Flaumhaare um, wie sie den ganzen Körper bedecken. Am Ende dieses Prozesses wird das Haarwachstum vollständig eingestellt.

Können sich Glatzköpfe mit einer erhöhten Potenz trösten?
Nein. Die Menge Testosteron ist nicht für den Haarausfall entscheidend, sondern ob seine Follikel empfindlich darauf reagieren – oder der DHT-Spiegel besonders hoch ist. Glatzköpfe haben also nicht unbedingt mehr Testosteron als Männer ohne Haarausfall.

Auf dem Kopf eine Glatze – in Ohren und Nase spriessen die Haare dagegen mit zunehmendem Alter. Wieso eigentlich?
Die Follikel auf der Körperhaut reagieren umgekehrt zu jenen der Kopfhaut: DHT stimuliert sie. Der Sinn des zunehmenden Körperhaarwuchses ist unbekannt. Nasen- und Ohrenhärchen haben aber alle Menschen, sie schützen vor Bakterien.

Das mütterliche Erbgut leistet einen etwas grösseren Beitrag zur Glatze als das väterliche.

Wer bekommt eine Glatze?
Das ist genetisch bedingt. Weisse Männer bekommen eher eine Glatze als solche mit asiatischen, indoamerikanischen oder afrikanischen Wurzeln. Studien weisen auch darauf hin, dass kleine Männer häufiger kahl werden als grosse.

Stimmt die Regel «Hat der Grossvater mütterlicherseits eine Glatze, bekommt man auch eine»?
Jein. Es gibt nicht ein einzelnes «Glatzen-Gen», sondern über hundert. Deren Zusammenspiel ist entscheidend. Einige davon liegen auf dem weiblichen X-Chromosom, welches nur von der Mutter an die Söhne vererbt wird. Das mütterliche Erbgut leistet also tatsächlich einen etwas grösseren Beitrag zur Glatze als das des Vaters.

Gibt es verschiedene Arten von Kahlheit?
In 95 Prozent der Fälle handelt es sich um erblich bedingten Haarausfall, die sogenannte androgenetische Alopezie, wobei Geheimratsecken und eine Tonsur am Hinterkopf sich über die Jahre aufeinander zubewegen. Komplett lichtet sich das Haar selten, meistens bleibt ein Kranz übrig. Selten sind der kreisrunde Haarausfall, bei dem münzgrosse Lücken entstehen. Oder der diffuse Haarausfall, bei dem die Haarpracht insgesamt dünner wird.

Lässt sich Alopezie verhindern?
Die Wikinger behandelten das lichter werdende Haupthaar mit Gänsekot. Heute empfiehlt sich zunächst der Gang zu einem Haarmediziner oder Dermatologen, um die Art des Haarausfalls und die beste Therapie zu definieren. Die gute Nachricht: Erblich bedingter Haarausfall kann bekämpft werden. Wissenschaftlich bewiesenen Erfolg haben die Wirkstoffe Minoxidil und Finasterid, Letzteres wird auch von Donald Trump angewendet. Die Medikamente vermögen den Haarausfall bei neun von zehn Männern zu stoppen.

Und wo ist der Haken?
Wie bei jedem Medikament können Nebenwirkungen auftreten. Diese reichen von Kopfschmerzen und Juckreiz hin zu Libidoverlust und Depressionen. Langfristige Studien dazu fehlen allerdings. Und: Die Substanzen können lediglich den Haarverlust verlangsamen, aber kein verlorenes Haar zurückbringen. Wichtig sind der frühzeitige Beginn einer Therapie und die fortlaufende Behandlung – jeden Tag. Sonst fallen die Haare wieder aus.

Auf Parship.ch steht die Option «keine Glatze» zur Auswahl.

Was, wenn der Haarverlust schon zu weit fortgeschritten ist?
Wenn man ohne Kopfhaare nicht leben kann: Ein Toupet oder eine Perücke schaffen Abhilfe – oder eine Haartransplantation, wie sie etwa Wayne Rooney oder Jürgen Klopp gemacht haben. Bei dieser werden resistente Follikel aus dem Haarkranz am Hinterkopf an die kahlen Stellen auf dem Oberkopf verpflanzt. Die Transplantate werden präpariert und unter örtlicher Betäubung in kleine Schlitze oder Löcher eingesetzt.

Kostenpunkt solcher Behandlungen?
Eine Behandlung mit einem Milligramm Finasterid kostet etwa einen Franken am Tag, mit Minoxidil etwa die Hälfte. Haartransplantationen sind teuer: Je nach Aufwand ist mit 3000 bis 13'000 Franken zu rechnen. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht.

Ein lukrativer Markt!
In der Tat, 635189 Haartransplantationen wurden im Jahr 2016 laut dem Internationalen Dachverband ISHRS weltweit durchgeführt. Das entspricht einem Umsatz von 4 Milliarden Franken. Neuere Zahlen sind nicht erhältlich, aber die Anzahl neu eröffneter Institute deutet auf einen Anstieg hin.

Weshalb ist den Männern ihre Haarpracht so viel wert?
Für viele Betroffene symbolisiert Haarverlust Älterwerden. Andere fühlen sich laut Studien weniger begehrenswert.

Wie ist es um den Erotik-Faktor von Glatzen bestellt?
Eine Umfrage des Dating-Portals Parship.ch ergab: 63 Prozent der Single-Frauen mögen keine Glatzen. Auf dem Portal gibt es bei der Auswahl denn auch die Option «keine Glatze». Verschiedene Studien legen nahe, dass Glatzköpfe älter wirken. Aber: Sie wurden auch als dominanter und intelligenter wahrgenommen. Probanden trauten ihnen ausserdem zu, über 10 Kilo mehr an Hanteln stemmen zu können als Vollhaarige.

Gilt das auch für Halbglatzen?
Nein. Männer mit Halbglatze wurden in Studien als wenig attraktiv und schwach eingeschätzt. Nur wenn Männer den Mut haben, sich den Schädel ganz kahl zu rasieren, signalisieren sie offenbar Stärke und Selbstbewusstsein. Und über Resthaare, die über die Glatze gekämmt werden, gibt es nur etwas zu sagen: Tun Sie das nicht.


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Erstellt: 09.02.2020, 13:21 Uhr

Charismatische Glatzköpfe

Telly Savalas (1922–1994): Der US-Schauspieler («Kojak») rasierte sich in den 50ern den Haarkranz ab und machte sich die Glatze zum Markenzeichen. Foto: Getty Images

Pitbull, 39: Beim US-Rapper setzte der Haarausfall bereits vor 30 ein. In seinem Musikgenre sind Haare aber ohnehin unpopulär. Foto: Keystone

Andre Agassi, 49: Aus Scham über sein früh ausfallendes Haar trug der Tenniscrack jahrelang ein Toupet, auch in Grand-Slam-Finalen. Foto: Getty Images

Jeff Bezos, 56: Auch der reichste Mann der Welt zog nach frühem Haarausfall die Konsequenzen und rasiert seinen Kopf seither nass. Foto: Reuters

Michael Stipe, 60 : Der R.E.M.-Sänger sagt, dass er sowieso nie androgyn wie Bowie aussehen könnte – dann lieber grad eine Glatze.

Bruce Willis, 64 : Seiner Haarlinie konnten die Zuschauer in den «Die Hard»-Filmen beim Rückzug zuschauen.

Vin Diesel, 52 Der Hollywood-Schauspieler wurde 2016 zum ­«Sexiest Man Alive» gewählt. Dis­kussionen über seine fehlenden Haare erübrigen sich.

In Zahlen


  • 80 % der Männer in Mitteleuropa leiden früher oder später unter Haarausfall. In Asien und Afrika ist die Zahl etwas tiefer.

  • 10 kg beträgt das Zusatzgewicht, das Männern mit Glatze gegenüber Vollhaarigen beim Hanteln-Stemmen zugetraut wird.

  • 95 % aller Männer, die kahl werden, haben eine genetische Veranlagung dazu. Es gibt aber auch andere Arten von Haarausfall.

  • 500'000 Haare haben Menschen ungefähr auf dem Körper. Ein Viertel davon entfällt auf die Kopfhaare.

  • 4 Mrd. Fr. wurden im Jahr 2016 weltweit mit Haartransplantationen im Minimum umgesetzt.

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