Wenn Angehörige zu Tätern werden

Noch nie wurden so viele Übergriffe auf Rentner gemeldet wie 2018 – oft verübt durch überforderte Familienmitglieder.

Fast die Hälfte aller Konflikte fanden zu Hause statt. Foto: PD

Fast die Hälfte aller Konflikte fanden zu Hause statt. Foto: PD

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Ein Bluterguss auf der Hand der Seniorin zeugt vom Übergriff durch ihren Ehemann. Nicht zum ersten Mal hat er sie verletzt. Und doch ist auch der Rentner Opfer, wie sich am Familiengericht Baden AG zeigt. Er fühle sich hilflos, sagt er bei der Anhörung. Und traurig. Seine eigene Frau erkenne ihn nach all den Ehejahren nicht wieder.

Schuld ist die Demenz. Die Krankheit macht die Partnerin oft aggressiv, etwa dann, wenn sie mitten in der Nacht aus dem Haus will. Mit Worten lässt sie sich nicht beruhigen. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Er sei mit der Pflege überfordert, sagt der Ehemann.

So wie er kümmern sich immer mehr Schweizer um ihre Angehörigen. Das zeigt die neue, repräsentative «Gesundheitsbefragung 2017» des Bundes. Bei dieser gaben 35 Prozent an, einen Mitmenschen mit gesundheitlichem Problem unterstützt zu haben. Indem sie die Betroffenen pflegten, mit dem Auto fuhren, für sie einkauften und kochten oder administrative Aufgaben erledigten. Vor fünf Jahren waren es erst 23 Prozent.

Fast die Hälfte passiert im häuslichen Bereich

Profitiert davon haben vor allem Personen über 75. Jeder Fünfte gab an, sein Umfeld habe ihn unterstützt. Das entspricht 123'000 Personen. «Durch die Alterung der Gesellschaft könnte sich die Zahl bis 2030 fast verdoppeln», sagt ­Andreas Bircher von der Interessengemeinschaft (IG) Angehörigenbetreuung. Diese wurde letzten September von namhaften Organisationen wie etwa dem Roten Kreuz gegründet. «Um allen pflegenden Angehörigen eine Stimme zu geben.»

Die Politik habe in der Vergangenheit zwar viel für die Vereinbarkeit von Kind und Beruf unternommen. «Aber nicht für Personen, die sich um Senioren kümmern», sagt Bircher. «Obwohl auch diese dringend Entlastungen brauchen.» Sonst drohen gravierende Folgen. Bei der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA) gingen letztes Jahr 426 Fälle aus der Deutschschweiz ein, wie bisher unveröffentlichte Zahlen zeigen. Das ist ein deutlicher Rekord im über zehnjährigen Bestehen.

Angehörige, Gesundheitspersonal oder betroffene Senioren selbst können sich bei einem Konflikt an die Stelle wenden. Meist machten sie dies 2018 wegen finanzieller Streitigkeiten. Dahinter folgten psychische Belastungen, Verletzungen der Grundrechte und physische Übergriffe.

Fast die Hälfte aller Konflikte fanden zu Hause statt. «Misshandlungen sind häufig Ausdruck von Überforderung der pflegenden Angehörigen», sagt UBA-Geschäftsleiterin Ruth Mettler Ernst. «Nicht jeder ist dafür geschaffen, andere zu pflegen, und muss diese Rolle trotzdem übernehmen. Oft völlig unvorbereitet.» Arbeitstätigen fehle die Zeit, gerade jenen, die auch noch selbst Kinder haben. «Eine Reaktion kann die Vernachlässigung sein», sagt Mettler Ernst. «Aber auch Beleidigungen und handfeste Gewalt kommen vor, um Senioren zurechtzuweisen.»

Unterstützung holen sich überforderte Angehörige kaum. «Vor allem Senioren nicht, die sich selbst um den Partner kümmern.» Heute sei eine Generation im Rentenalter, die sich bei der Eheschliessung noch versprochen habe, bis zum Tod füreinander da zu sein. «Was für viele bedeutet, dass man keine Hilfe von aussen zulässt.»

Mehrere tödliche Dramen von Rentnerpaaren wurden letztes Jahr publik. In Oftringen AG etwa erschoss ein 82-Jähriger seine Partnerin und sich selbst. Die Ermittlungen wurden laut Fiona Strebel von der Aargauer Staatsanwaltschaft mittlerweile eingestellt. «In der Wohnung des Ehepaares konnte ein Abschiedsbrief gefunden werden, in dem stand, dass sie wegen der unheilbaren Krankheit der Ehefrau und ihres absehbaren baldigen Todes beschlossen hätten, sich das Leben zu nehmen.»

Familienloyalität, Scham und Angst vor dem Heim

Auch die Opfer schweigen bei Konflikten oft. Mirjam von Felten, Leiterin der Aargauer Fachstelle gegen häusliche Gewalt: «Sie sind auf die Pflege der Verwandten angewiesen und trauen sich nicht, etwas gegen diese zu sagen.» Die Familienloyalität spiele eine grosse Rolle, aber auch Scham und Angst. «Davor, alles zu verlieren, wenn man Angehörige meldet. Und davor, dann im Heim zu landen.»

Nun setzt man auf die Spitex. Häufig seien deren Angestellte die Einzigen, welche Einblick in das Leben von Senioren haben, die zu Hause wohnen. «Wir haben als Pilotprojekt alle Mitarbeiterinnen im Bezirk Brugg geschult», sagt von Felten. «Ihnen wurde vermittelt, wie sie Gewalt erkennen, auch in subtilen Formen. Und wie sie darauf reagieren können.»

Künftig sollen auch pflegende Angehörige entlastet werden. Der Bund präsentierte im Sommer einen Gesetzesentwurf. Dieser erlaubt Arbeitnehmern bis zu drei Tage bezahlten Urlaub, um bei Unfall oder Krankheit «verwandte und nahestehende Personen» umsorgen zu können. Die Vernehmlassung ist abgeschlossen, noch im ersten Halbjahr 2019 will der Bund dem Parlament eine Botschaft vorlegen.

Andreas Bircher von der IG Angehörigenbetreuung kritisiert: «Häufig geht es um chronische Krankheiten, die Angehörigen müssen über Monate oder Jahre da sein. Da reicht es keinesfalls aus, wenn man nur drei Tage frei bekommt.» Zudem beschränke sich die Massnahme auf Arbeitnehmer. «Aber auch Rentner, die sich um ihre Partner kümmern, brauchen Unterstützung», sagt Bircher.

UBA: Tel 0848 00 13 13; info@uba.ch

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.03.2019, 12:43 Uhr

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