Wenn Tiere zum Psychiater müssen

Wenn der Hund nachts Terror macht oder das Büsi an die Wand pinkelt, helfen Verhaltenstierärzte mit Tricks und Kniffen.

Schlafender Hund auf dem Bett: Das Lernvermögen kann bei älteren Tieren infolge Demenz reduziert sein Foto: Getty Images

Schlafender Hund auf dem Bett: Das Lernvermögen kann bei älteren Tieren infolge Demenz reduziert sein Foto: Getty Images

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Nico läuft im Zimmer umher, beschnuppert die Einrichtung und kratzt mit der Pfote am Rattanstuhl, in dem Brigitte N. sitzt. «Genau das macht er zu Hause auch: Er kratzt ständig an irgendwas. Es gibt Nächte, in denen ich nur noch zwei bis drei Stunden schlafe», berichtet die müde Hundehalterin. Sie habe ihm schon mal Socken angezogen, damit er leiser sei. Seit einem Monat hält der elfjährige Belgische Schäferhund sie auch nachts auf Trab. «Nico läuft dann in der Wohnung umher. Abends schläft er nicht mehr gut ein. Und tagsüber bellt er gelegentlich, einfach so.»

Während N. erzählt, schläft Nico auf dem Teppich in der Tierarztpraxis von Ruth Herrmann ein. «Tiere sind nicht von sich aus ungehorsam», sagt die Verhaltenstier­ärztin. «Da steckt immer ein Problem dahinter. Je schneller man es behandelt, desto einfacher ist es.»

Im Gespräch in ihrer Praxis in Olten stellt Herrmann viele Fragen: Welche Marotten hat der Hund? Kann er allein sein? Welches Futter bekommt er? Trinkt er mehr als früher? Wie lange dauern die Spaziergänge? Wie reagiert Nico, wenn er etwas will und nicht bekommt? Wie verhält er sich anderen Hunden und Menschen gegenüber? So erhält sie einen Eindruck vom Tier und Hinweise auf mögliche Erkrankungen.

Der kastrierte Kater setzt Urinmarken

«Ich glaube, Nico hört auch schlecht», berichtet N. Herrmann klopft mit ihrem Kugelschreiber auf den Fenstersims. Der Hund reagiert kaum. Körperlich mache er für sein Alter einen guten Eindruck, fasst Herrmann nach über einstündiger Konsultation zusammen. Vermutlich habe Nico eine beginnende Demenz. Schätzungen zufolge lassen die geistigen Funktionen bei 14 bis 35 Prozent der älteren Hunde nach. «Dazu passt, dass Nico an fremden Orten noch unruhiger ist als daheim, dass sein Tag-Nacht-Rhythmus gestört ist und er manchmal scheinbar grundlos und unvermittelt bellt», sagt Herrmann. Sie rät zu einem entspannend wirkenden Medikament und zum Training.

Nicos Lernvermögen sei durch die Demenz reduziert, legt sie dar, es gehe in erster Linie darum, dass er sich nicht aufregt oder unruhig wird. Sie erklärt der Hundehalterin, wie sich Nico am besten beruhigt. N. will es versuchen.

Aggressionen oder Ängste nach Feuerwerk führen Hundehalter mit ihren Vierbeinern oft zum Verhaltenstierarzt. Bei Kaninchen ist es das Sozialverhalten, bei Katzen Unsauberkeit, und bei Pferden sind es Probleme beim Verladen oder eine Tierarztphobie. Häufig machen die Fachleute auch Haus- oder Stallbesuche, um sich das Problem anzuschauen.

«Der ganze Tagesablauf richtet sich danach, ihn abzulenken, damit er nicht markiert.» Besitzerin von Kater Faruk

Ein solcher Termin steht anderntags in Basel an. Maya Bräm, die sowohl in eigener Praxis als auch an den Tierspitälern in Zürich und Bern arbeitet, erscheint mit einer grossen Tasche. Darin sind allerlei Hilfsmittel, die Faruk vielleicht helfen. Seit einer Verletzung mit «Ausgangsverbot» und dem Einzug eines Familienhundes setzt der kastrierte Kater überall Urinmarken. Sogar ein Bild an der Wand habe er schon bespritzt, indem er auf die Stereoanlage im Regal geklettert sei, erzählt seine Besitzerin. «Der ganze Tagesablauf richtet sich danach, ihn abzulenken, damit er nicht markiert.» Die Familie ist gestresst.

Auch Bräm fragt viel und beobachtet das Tier. Sie rät, den cleveren Kater zu beschäftigen, und beginnt, ihre Tasche auszupacken. Gute Dienste leisten ein leerer ­Eierkarton, aus dem Faruk mit Geschick ein Leckerli herausholt, oder Katzenfummelbretter und Schnüffelteppiche*. Darin versteckt der Tierhalter Goodies, die das Tier «erbeuten» kann – was Zeit und Nachdenken erfordert.

Andere Tricks sind ein Verdampfer, der Pheromone verteilt. Sie sollen der Katze ein beruhigendes Gefühl vermitteln. Reiben ­Katzen sich mit dem Kopf an Gegenständen, hinterlassen sie die gleichen Geruchsstoffe. Auch manche ätherischen Öle haben sich Bräm zufolge bewährt, ebenso ­Futter, das bestimmte Aminosäuren enthält. Zudem erhält Faruk ein Medi­kament, das auf die Psyche wirkt. «Meist versuchen wir zuerst anderes, aber diese Familie ist am Anschlag», sagt Bräm. Sie vermutet, dass der Kater gestresst ist, eventuell durch andere Katzen im Quartier, denn viele Urin­marken setze er in der Nähe der Katzentür.

«Der Züchter in Deutschland gab Luna schon mit acht Wochen ab.»Susanne L.

Bräms Patienten haben die unterschiedlichsten Probleme: Da ist zum Beispiel der aus dem Ausland importierte Hund, der solche Angst hat, dass er sich von alleine nicht bewegt. Seine Besitzerin muss ihn vom Sofa heben und aufstellen. Oder der Schäferhund, der ständig seinen Schwanz jagt. Ebenso vielfältig sind die Lösungsvorschläge. Einer blinden Katze, die täglich zwei bis drei Stunden miaute, half etwa ein Futterautomat.

Susanne L. konsultierte Bräm, weil ihre fünf Monate alte Luna immer wieder zuschnappte, zum Beispiel, wenn die Hündin etwas wollte und nicht bekam. Nicht einmal ihre Waden waren vor den Milchzähnen des Terriers sicher. Luna habe wohl noch «Lehrzeit» bei ihrer Mutter gefehlt, vermutet L. «Der Züchter in Deutschland gab sie schon mit acht Wochen ab.»

Die Stürme im Frühwinter stressen den Hund

Luna sei eine intelligente, sensible Hündin mit geringer Stresstoleranz, stellt Bräm fest. «Ihr Verhalten ist keine eigentliche Aggression, sondern eher ein Kontrollverlust, wenn sie stark erregt ist, sei dies aus Freude beim Spiel oder aus Frustration oder Unsicherheit.»

Die Verhaltenstierärztin rät, Luna möglichst nur in Situationen zu bringen, mit denen sie umgehen und in denen sie ruhig bleiben kann, und alles zu vermeiden, was sie überfordert wie Menschenmengen oder zu erregendes Spiel. Auch Rituale, etwa beim Nachhause­kommen, könnten helfen, die Erregung und damit das Beissen zu vermindern. Zudem sei es wichtig, dass Luna einen sicheren Ort habe. «Alles, was sie entspannt, kann helfen. Machen Sie anstelle von Zerr- oder Ballspielen besser Such­spiele. Und statt zusammen zu ‹kämpfen›, massieren Sie den Hund lieber langsam.» Vorbeugend könne L. Luna auch spielerisch an den Maulkorb gewöhnen. Er gibt in unvermeidbaren Situationen Sicherheit, dass nichts passiert.

«Die Tipps haben wunderbar geholfen. Nach zwei Wochen war alles gut. Luna schnappt nicht mehr», berichtet L. wenige Wochen später erfreut.

Auch Nico geht es – mithilfe eines Medikaments – rund zehn Monate lang deutlich besser. Er ist fröhlicher, auf Spaziergängen viel entspannter und schläft nachts meist gut. Ist er unruhig, geht Brigitte N. früher schlafen, worauf Nico ebenfalls einschläft. Dann aber ändert das Wetter. Die stürmischen Tage im Frühwinter und nicht mehr therapierbare Hüftschmerzen setzen dem alten Hund zu. Damit eskalieren auch seine Verhaltensprobleme. Anfang Dezember schliesslich wurde Nico eingeschläfert.

* Schnüffelteppiche gibt es bei www.ausgeglichenerhund.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.01.2018, 17:23 Uhr

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