Wenn das Kindermädchen zum Sushi-Messer greift

Leïla Slimanis Roman über die Abgründe des ganz normalen Alltags einer Mittelklassefamilie bewegt Frankreich.

Schreibt über «all jene, von denen die Welt nichts mehr wissen will»: Schriftstellerin Leïla Slimani. Foto: Thomas Laisne/Contour

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Das Baby ist tot.» Und seine Schwester, die kleine Mila, wird man auch nicht mehr retten können: Mit diesem Schock setzt der Roman ein. Wir kennen von Anfang an die Tat und auch die Täterin: Louise, die Nanny, hat die beiden Kinder mit einem Sushimesser umgebracht. Die Thrillerqualitäten von «Dann schlaf auch du» liegen auf einer anderen Ebene. Atemlos liest man, wie kommen muss, was man schon weiss, sucht nach Indizien, die auf das Schreckliche hinweisen, und weiss, dass man es dennoch nicht aufhalten kann.

Das Schreckliche, der absolute Horror für alle Eltern (und jeden, der sich das vorstellen kann) besteht darin, dass jene Person, der man die eigenen Kinder anvertraut, sie uns nimmt. Für immer. Leïla Slimani, die junge französische Autorin aus Marokko, die für diesen Roman den Prix Goncourt bekommen hat, hat selbst einen kleinen Sohn. Und ihn einer Nanny anvertraut. Wie es so viele Mittelschichtspaare tun – weil sie müssen, weil sie wollen: ihre Karrieren vorantreiben, ihr gewohntes Leben zwischen Beruf, Restaurant­besuchen, Treffen mit Freunden weiterführen, das so viel interessanter ist, als zu Hause zwischen Windeln, vollgekotzten Kinderkleidern und herumliegendem Spielzeug zu versauern.

Wozu gibt es Nannys, jenes dienstbare Volk?

Für Männer gilt das ohnehin, für viele Frauen heute auch (mit etwas mehr schlechtem Gewissen). Myriam, die Topstudentin, hat versucht, Mila und Adam eine Vollzeitmutter zu sein; aber nicht lange, da fiel ihr die sprichwörtliche Decke auf den Kopf. Wozu gibt es schliesslich Nannys, jenes dienstbare Volk? Den soziologischen Hintergrund zu Leïla Slimanis Roman liefert die kürzlich erschienene Darstellung von Christoph Bartmann über «Die neuen Diener», ohne die eine moderne urbane Mittelklassefamilie nicht mehr funktioniert.

Aber «Dann schlaf auch du» ist kein «Roman zum soziologischen Befund», weil die Autorin zwar ein anschauliches Bild der buntscheckigen Pariser Nanny-Fauna zeichnet, sich aber vor allem die Psychodynamik vornimmt, die aus der Nanny-Situation entsteht. Myriam und Paul sind einerseits Arbeitgeber, sie wollen es korrekt, nehmen deshalb auch «keine ohne Papiere». Anderseits lassen sie Louise in die Intimität ihres Hauses hinein, vertrauen ihr ihr Kostbarstes an (wie sie meinen; in Wirklichkeit sind das wohl eher ihre Freiheit, ihre Selbstverwirklichung, ihr Status). «Sie gehören zur Familie», sagt Myriam einmal, ein – selbst wenn er gut gemeint wäre – verlogener Satz. Denn Louise kann nicht nur jederzeit entlassen werden, ihre Position hat ein Ablaufdatum: Spätestens wenn das ganztätige Erziehungs- und Betreuungssystem Frankreichs greift, wird sie überflüssig. Die Machtverhältnisse sind allerdings komplizierter. Denn die Eltern verlieren, wie das immer so ist (nachzulesen von Hegel bis Beaumarchais), indem sie delegieren, an Kompetenz. Louise kann viel besser mit den Kindern umgehen, und bald hat sie auch den Haushalt umgekrempelt, alles läuft wie am Schnürchen.

Ein wachsendes Unbehagen

Die perfekte Nanny als Statussymbol: Sie wird im Freundeskreis gerühmt und vorgeführt, auch als Köchin. Die Kehrseite ist ein wachsendes Unbehagen, das sich in zunehmender Gereiztheit äussert. «Sie hat sich so gründlich in ihrem Leben eingenistet, dass es jetzt unmöglich erscheint, sie daraus zu entfernen», stellen die Eltern fest. Die Nestmetapher gebraucht auch Louise. Ihr ist viel klarer, was sich da für eine Verflechtung herausbildet. Sie weiss, «dass ihr Glück von ihnen abhängt. Dass sie selbst ihnen gehört und die beiden ihr gehören».

Das ertragen die Eltern immer weniger. Zwar können sie sich beruflich verwirklichen, sie als Anwältin, er als Musikproduzent – Paul erscheint «endlich einmal sein Dasein auf der Höhe seines Erlebnishungers». Sind sie aber mal bei den Kindern, kommt es zu kleinen Kultur-Clashs: Paul ertappt Louise, wie sie die kleine Mila «ordinär» schminkt; Myriam stört sich an Louises Resteverwertungstick. Als Rache stellt diese ihrer Arbeitgeberin ein verdorbenes Huhn, das diese weggeworfen hat, als sauber abgenagtes Gerippe auf den Küchentisch – «wie ein unheilvolles ­Totem».

Wir Leser wissen längst mehr über Louise, nicht nur, weil wir das Ende kennen. Die Autorin hat uns wie Detektive darauf angesetzt, Indizien zu finden, Zeichen zu lesen, die sie über die Seiten gestreut hat. Etwa die Geschichten, mit denen Louise die Kinder fesselt: «Aus welch schwarzem See und welch tiefem Wald schöpft sie diese grausamen Erzählungen, an deren Ende die Guten sterben, nachdem sie die Welt gerettet haben?» Oder das Lieblingsspiel der Nanny, Verstecken, mit unverkennbar sadistischen Zügen. Wir wissen von Louises immer stärker hervortretender «delirierender Melancholie», die ein Arzt einst diagnostiziert hatte.

Eine Welt, die in zwei Klassen zerfallen ist

Was uns Leser noch von den Eltern unterscheidet: Diese interessiert nicht, was Louise jenseits ihrer Arbeitskraft für ein Mensch ist, uns schon. Weil Leï- la Slimani unser Interesse behutsam auf Louises «anderes Leben» lenkt, ihr seelenloses Zimmer in einem heruntergekommenen Quartier. Ihre eigene Tochter, für die sie keine Gefühle entwickeln konnte und die ihr weglief. Die Schulden, die ihr verstorbener Mann ihr hinterliess, was bis zu einer Pfändungsforderung des Finanzamtes führt, die bei ihren Arbeitgebern landet. Die wollen es aber lieber nicht so genau wissen, «das sind Ihre Angelegenheiten». Leïla Slimani zeichnet über dieses Drei- oder Fünf-Personen-Drama (wenn man die Kinder mitzählt) hinaus eine Welt, die in zwei Klassen zerfallen ist. Louise und ihresgleichen sind «auf die falsche Seite gefallen», wie all die, von denen im Winter die Parks heimgesucht werden, «von Streunern, Clochards, Arbeitslosen und Alten, von Kranken, Ziellosen, Abgehängten. Denen, die nichts arbeiten, die nichts produzieren. Denen, die kein Geld verdienen.» Von «all jenen, von denen die Welt nichts mehr wissen will» .

An der Grenze der modernen Sklaverei

Von platter Sozialkritik ist dieser Roman aber weit entfernt. Auf beiden Seiten leben erschöpfte, überforderte Seelen, ineinander verstrickt in ungesunden Beziehungen, die von der blossen Ambivalenz bis an die Grenze moderner Sklaverei reichen. Etwa bei Louises Kollegin Wafa, die illegal in Frankreich ist und für ein gut situiertes Paar arbeitet: «Sie zahlen die Miete, aber dafür kann ich ihnen nie Nein sagen.» Die mörderische Art, mit der Louise zu ihrem Leben und dieser Welt Nein sagt, bleibt bei allem soziologischen und psychologischen Aufwand letztlich unerklärlich. Das will der Roman so, und daraus schöpft er, jenseits der Horrortat selbst, seine unheimliche, bedrohliche Kraft.


Leïla Slimani: «Dann schlaf auch du», aus dem Französischen von Amelie Thoma, Luchterhand, 224 Seiten, 28.90 Franken. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.10.2017, 15:09 Uhr

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