Wer ist die Liebste im ganzen Land?

Heute ist Stepmother’s Day – zumindest in den USA. Von so viel Wertschätzung können Stiefmütter hierzulande nur träumen. Eine neue Bewegung will das ändern.

Illustration: Corinna Staffe

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In den USA gilt der dritte Sonntag im Mai seit den Nullerjahren als Stiefmuttertag. Es handelt sich zwar um keinen offiziellen Feiertag, doch steht er zumindest für den Willen, die grossen Leistungen der Stiefmütter anzuerkennen. Und nein, nicht die Grusskartenindustrie steckt hinter der Idee, sondern ein neunjähriges Mädchen, das seiner heiss geliebten Stiefmutter einen Ehrentag schenken wollte. Lizzie Capuzzi schrieb deshalb zusammen mit ihrer «Vize-Mom» Joyce Capuzzi einen Brief an den republikanischen Abgeordneten Rick Santorum. Dieser präsentierte den Vorschlag dem Kongress und machte ihn so landesweit bekannt. Allerdings stehen auch in den Vereinigten Staaten die Mütter hierarchisch klar über den Stiefmüttern: Zuerst kommt der Muttertag, der Stiefmuttertag folgt eine Woche später. Dass Stiefmütter in der Schweiz gar nicht gefeiert werden, ist symptomatisch und hat viel mit unserem althergebrachten Mutterbild zu tun: Nur sie allein könne ihre Kinder wirklich lieben, so die tief in unseren Köpfen verankerte ­Vorstellung.

Höhere Scheidungsrate führt zu mehr Stiefmüttern

Eine Stiefmutter dagegen ist per se verdächtig. Ihr angeschlagenes Image hat eine lange Tradition. Spätestens seit der Romantik weiss jeder: Wenn in einem Märchen der Gebrüder Grimm eine Stiefmutter vorkommt, dann wird etwas Schlimmes passieren. Vor allem im deutschsprachigen Raum hält sich das Bild hartnäckig, genauso wie dasjenige der duldsamen, für ihre Kinder sämtliche Bedürfnisse aufgebenden Mutter. Ganz anders in Frankreich, was wenig überraschend ist, weil man dort grundsätzlich einen entspannteren Umgang mit der Mutterschaft pflegt. Die Stiefmutter heisst bei den Franzosen bezeichnenderweise belle-mère, was positive Assoziationen auslöst. Gleichzeitig bedeutet belle-mère auch Schwiegermutter. Der Begriff steht damit in erster Linie für eine sehr enge weibliche Bezugsperson.

Die hohen Scheidungsraten in der Schweiz führen dazu, dass es immer mehr Stiefmütter gibt. Momentan handelt es sich gemäss Bundesamt für Statistik bei rund 5,5 Prozent aller Familienhaushalte um Patchworkfamilien. Immerhin 2,6 Prozent aller Kinder wachsen so auf. Zwar bleiben nach der Trennung die meisten Söhne und Töchter bei der Mutter, bekommen also eher einen Stiefvater. Doch sie besuchen in der Regel ihren Vater regelmässig. Wenn dieser mit einer neuen Frau zusammenzieht, beginnt für diese das oft schwierige Stiefmutterdasein. Denn die Anforderungen an sie sind nach wie vor viel höher als diejenigen an einen Stiefvater.

«Das liegt daran, dass man denkt, wir Frauen haben automatisch ein Herz für Kinder, und opfern uns gerne auf für andere», sagt Ria Eugster von der Beratungsstelle Patchwork-Familie.ch. Sie selbst hat zwei Töchter und drei Stieftöchter. «Ich habe das auch geglaubt und vieles für die Kinder meines Mannes gemacht, das er für meine nicht getan hätte», sagt sie – ohne Bitterkeit. «Man muss einfach aufpassen, dass man nicht frustriert wird, weil man sich zu sehr verausgabt.» Gerade sehr bemühte Stiefmütter, die im Wissen um die vielen Vorurteile alles richtig machen möchten, überfordern sich häufig. Sie riskieren so, am Ende tatsächlich zur bösen Ersatzmutter zu werden, die auf alles und jeden wütend ist.

Grosser Einsatz bleibt fast unsichtbar

Dass die Kinder des Partners von der neuen «Mutter» vor allem am Anfang nicht begeistert sind, ist verständlich. Von ihnen Dankbarkeit zu erwarten, wäre verfehlt. Sie müssen damit klarkommen, dass ihr Vater ihre Mutter nicht mehr liebt. Dass seine Liebe vielmehr einer fremden Frau gilt. Und sie werden in gewisser Weise ­entthront. Wo die Konfliktlinien verlaufen, zeigt sich an einem typischen Beispiel, das oft zu Streit führt: Solange der Vater noch ­alleine lebt, darf das älteste Kind oft im Auto vorne neben ihm sitzen. Kommt eine neue Frau dazu, muss es wieder auf dem Rücksitz Platz nehmen.

«Die Frau kommt in der Rangfolge vor dem Kind, das ist auch richtig so», sagt Ria Eugster. Wenn eine Stiefmutter dem Frieden zuliebe darauf verzichtet, die ihr zustehende Position einzunehmen, werden ähnliche Streitereien immer wieder auftauchen. Ebenfalls typisch ist, dass die Söhne und Töchter austesten, wer wie viel zu sagen hat. Dann schleudern sie der neuen Frau Sätze entgegen wie denjenigen, den Stiefmütter am meisten fürchten: «Du bist nicht meine Mutter! Du hast mir gar nichts zu sagen!» Wer sich davon verunsichern lässt oder es persönlich nimmt, hat jedoch verloren. «Wenn der Partner – am besten vor allen Beteiligten – deutlich macht, dass sie in diesem gemeinsamen Haushalt genauso der Chef ist wie er, dann kommt eine solche Aussage nie mehr», sagt Ria Eugster.

Wenn der Mann aus schlechtem Gewissen seinen Kindern den Vorzug gibt, dann hat die neue Beziehung kaum eine Chance.

Entscheidend ist eben, dass der Mann hinter seiner Partnerin steht. Wenn er aus Angst vor Liebesverlust oder aus schlechtem Gewissen seinen Kindern den Vorzug gibt, dann hat die neue Beziehung kaum eine Chance. Die Stiefmutter wird höchstwahrscheinlich desillusioniert die Flinte ins Korn werfen – und in den Augen der Kinder die bösen Klischees bestätigt haben.

Dass Stiefmütter innerhalb der Stieffamilie um Anerkennung kämpfen müssen, ist also fast unvermeidlich. Aber auch nach aussen wird oft nicht sichtbar, wie viel sie leisten. Zahlen dazu, wie viele Stunden Betreuungsarbeit sie übernehmen, gibt es keine. Wie gross der Aufwand im Einzelfall sein kann, zeigt jedoch exemplarisch Petra K. Sie hat drei eigene Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren sowie drei Stiefkinder zwischen 12 und 18 Jahren. «Neben meinen eigenen Kindern sind meine Stiefkinder einen Tag in der Woche und jedes zweite Wochenende da», erzählt sie.

«Gutmütterbewegung» fordert einen Stiefmuttertag

Das bedeutet, sie muss regelmässig für sechs Kinder und Jugendliche einkaufen, kochen, waschen, putzen, aufräumen, sie zu Schulaufführungen begleiten und natürlich alle Termine organisieren. Eine immense Leistung, auch wenn der leibliche Vater tatkräftig mithilft. «Ich brauche keinen Zuspruch von aussen», meint Petra K. «Ich habe meine Stiefkinder unheimlich gern, und die wertvollste Anerkennung ist, dass ich eine gute Beziehung zu ihnen habe.»

Stiefmütter dürfen ihre Leistungen gar nicht zu sehr hervorstreichen. Das gilt als unfein, weil sie ihr Schicksal schliesslich selbst gewählt hätten. Zudem würden sie dadurch die leibliche Mutter konkurrenzieren. Wenn diese nach wie vor eine wichtige Bezugsperson ist, wäre das nicht sehr hilfreich. Einerseits könnten die Stiefkinder in einen Loyalitätskonflikt geraten, andererseits brächte dies die Ex möglicherweise gegen die neue Partnerin auf. Durch diese selbst auferlegte und indirekt erwartete Bescheidenheit bleibt das Engagement der Stiefmütter aber weiterhin unsichtbar – womit sich am Rollenbild nichts zum Besseren verändern kann.

Genau dies kritisiert Barbara Tóth in ihrem gerade erschienenen Buch «Stiefmütter. Leben mit Bonuskindern». Die Österreicherin fordert nichts weniger als eine Stiefmütterbewegung. Man müsse wegkommen vom überkommenen Bild der Stiefmutter als zweite Wahl, «als bedauernswerter Kompromiss, als Antipode zum Klischee der guten, aufopfernden, natürlichen Mutter». Dafür brauche es positive Vorbilder. Die Bemühungen, das Stiefmutterimage aufzuwerten, spiegeln sich auch in der Suche nach neuen Namen. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul etwa spricht konsequent von «Bonuseltern» statt von «Stiefeltern». Das klingt etwas sehr bemüht, Barbara Tóth schlägt den Begriff Gutmütter vor. Die Gutmütterbewegung soll die Rechte von Stiefmüttern verbessern – und dafür sorgen, dass auch hierzulande ein Gutmuttertag eingeführt wird. Wieso nicht am dritten Maisonntag, analog zum Stepmother’s Day in den USA?

Erstellt: 18.05.2018, 15:42 Uhr

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