Who cares? Nicht nur die Frauen, Roger Schawinski!

Die Sendung mit der Edelprostituierten Salomé Balthus zeigt, dass der Star-Interviewer völlig aus der Zeit gefallen ist.

Das hat Schawinski Salomé Balthus in der Sendung gefragt. Video: SRF

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Roger Schawinski war über Jahrzehnte hinweg der beste Talker der Schweiz. Kein anderer (ausser Markus Gilli) hatte das Metier, die Themen und die Gäste so im Griff wie er. Mit seiner Unerschrockenheit, Neugier und nicht zuletzt seiner Virilität war Schawinski ein Vorbild für Generationen von Journalisten – und von Schweizer Männern insgesamt.

Nur mit den Frauen hatte er es nie. Die Liste weiblicher Gäste, die keine Lust hatten, sich seinem stets konfrontativen, oft herrischen und teils herablassenden Interview-Stil auszusetzen – oder es danach lange bereuten –, ist nicht gerade kurz. Lange Jahre konnte sich Schawinski diese Attitüde leisten. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Das zeigte sich deutlich diese Woche. Schawinski lud als Chef-Talker des SRF die Edel-Prostituierte Salomé Balthus in seine Sendung ein, die Philosophie studiert hatte und auch als Kolumnistin arbeitet. Kurz nach Beginn fragte er sie vor versammeltem TV-Publikum, ob sie als Kind missbraucht worden sei. Zuvor hatte er ein Bild ihres Vaters eingeblendet und so insinuiert, dass der imaginäre Kinderschänder womöglich ihr eigener Erzeuger gewesen sein soll.

Als besonders empathischer Mann war Schawinski nie bekannt. Doch die Szene – Mann fragt Frau vor laufenden Kameras mal eben, ob sie als Kind missbraucht worden sei – hätte selbst ihn alarmieren müssen. Statt sich nach Ausstrahlung der Sendung bei Balthus zu entschuldigen, oder auch nur nachzufragen, drehte er den Spiess aber sogar um und inszenierte sich selber als Opfer.

Denn Balthus hatte in ihrer Kolumne in der deutschen «Welt» über die Sendung geschrieben, darin geschildert, wie sie auf dem Rückweg noch am Flughafen seelisch auseinandergefallen sei, weil Schawinski sie angeblich gefragt habe, ob sie vom eigenen Vater missbraucht worden sei. Tatsächlich hatte er das nicht direkt gefragt, sondern lediglich darauf angespielt.

Also meldete sich Schawinski bei der Chefredaktion der «Welt» und beklagte sich empört über die ungenaue Wiedergabe seiner Fragen («Arge Verunglimpfung meiner Person und meiner Integrität als Journalist»). Damit hatte er formell zwar recht – doch erklärte er der Frau somit gleich auch noch mit, wie sie gefälligst seine Fragen zu verstehen und wann genau sie sich verletzt zu fühlen habe.

«Die Chefs trauen sich kaum, ihn zu ­kritisieren, geschweige denn, ihn abzusetzen.»

Dass Balthus als Kolumnistin von der «Welt» per sofort entlassen wurde, ohne zuvor auch nur angehört worden zu sein, hat Schawinski wohl nicht beabsichtigt. Aber wenn Autorin Simone Meier auf «Watson» schreibt, dass es sich dabei um klassischen strukturellen Sexismus handelt – wer wollte ihr da widersprechen? Das Drehbuch ist uralt: Mann benimmt sich daneben, Frau beschwert sich. Mann kann auf die Hilfe seiner Kollegen zählen, Frau büsst, auch dafür, sich beschwert zu haben. Männer klopfen sich gegenseitig auf die Schulter, Fall erledigt.

In den letzten Jahren haben sich die Regeln durch die #MeToo-Debatte jedoch geändert. Das zeigen auch die Reaktionen: Ob «Tages-Anzeiger», «Watson», «Weltwoche», NZZ oder «Spiegel online» – alle kritisierten Schawinski einhellig und deutlich. Vernichtend ist das Urteil in den Leserkommentaren: Hunderte Zuschauerinnen und Zuschauer beschwerten sich dort über den SRF-Talker.

Kein Grund für Schawinski, seinen Fehler einzugestehen oder sich zu entschuldigen. Er weiss, vom SRF hat er wenig zu fürchten. Die Chefs trauen sich kaum, ihn zu kritisieren, geschweige denn, den bald 74-Jährigen abzusetzen. Zwar war seine Sendung diese Woche auch SRF-intern grosses Gesprächsthema, doch persönlich musste sich Schawinski dem Vernehmen nach nicht einen einzigen tadelnden Satz anhören. Auch öffentlich wollen sich, trotz der seit einer Woche laufenden, bis nach Deutschland reichenden Debatte, weder Chefredaktor Tristan Brenn noch die Medienstelle dazu äussern.

Das riecht nicht nur nach Männerbündelei, sondern auch nach Feigheit.

Beim Schweizer Journalistenausbildungszentrum MAZ brauchte es einen unabhängigen Studienleiter aus Deutschland, um die richtigen Worte für Schawinskis Interview zu finden: «handwerklich schlecht», «aus der Rolle fallend», «grenzüberschreitend». Der Chef des MAZ, der ehemalige SRF-Chefredaktor Diego Yanez, will den Talk angeblich nicht gesehen haben, sodass er sich nicht dazu äussern wolle, wie er auf Anfrage mitteilt.

Das riecht nicht nur nach Männerbündelei, sondern auch nach Feigheit. Vermutlich fürchten sie sich alle vor seiner Reaktion. Denn wird Schawinski attackiert, schiesst er doppelt und dreifach zurück. Würde sich eine Frau des öffentlichen Lebens solches Verhalten erlauben, sie gälte als emotional und hysterisch. Ironischerweise handelt es sich dabei um den alten Trick von Donald Trump, der seine Kritiker stets ebenso einzuschüchtern pflegte – und eigentlich nicht als Vorbild Schawinskis bekannt ist.

Man hätte es dem grossen Medienpionier nicht zugetraut: dass er die Zeichen der Zeit verkennt. Dass er die Debatten der letzten zwei Jahre um männliche Übergriffe und strukturelle weibliche Benachteiligung nicht wirklich mitbekommen hat.

Vielleicht waren die Frauen, die sich Schawinskis Interviews verweigert hatten, immer schon klüger. Weil sie wussten, dass seine Fragen oft einfach nur grob – statt hart waren. Weil sie Unanständigkeit und Aufsässigkeit unterscheiden konnten. Und sie als Frauen bereits längst entschieden hatten, auf Schawinski aus guten Gründen zu verzichten.

Erstellt: 13.04.2019, 22:25 Uhr

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