Wie Eltern ihre Töchter abschotten und wegsperren

Flucht vor den Eltern: Das gibt es auch in der Schweiz. Junge Frauen aus konservativen Familien müssen um ihre Rechte kämpfen.

Flucht vor den Eltern: Die 18-jährige ­Rahaf Mohammed al-Qunun erhält in Kanada Asyl. (12. Januar 2019)

Flucht vor den Eltern: Die 18-jährige ­Rahaf Mohammed al-Qunun erhält in Kanada Asyl. (12. Januar 2019) Bild: Carlos Osorio/Reuters

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Sie floh aus Saudiarabien – aus Angst vor ihrer eigenen Familie. Sie floh vor Unterdrückung und Zwangsheirat. Ein halbes Jahr, berichtet die 18-jährige ­Rahaf Mohammed al-Qunun, sei sie von den Eltern eingesperrt worden, weil sie sich die Haare abgeschnitten hatte. Am letzten Wochenende wurde Rahaf bei einer Zwischenlandung in Bangkok von den thailändischen Einwanderungsbehörden gestoppt. Auf Twitter startete sie eine Kampa­gne. Mit Erfolg: Am Freitag wurde bekannt, dass sie nach Kanada weiterfliegen konnte und dort Asyl erhält.

Flucht vor den Eltern: Das gibt es auch in der Schweiz. Auch hier versuchen junge Frauen, der Bevormundung, Gewalt, Zwangsheirat zu entkommen. Sie stammen aus konservativen Migranten­familien, in denen enge Moralvorstellungen die Grundlage für eine Gesellschaftsordnung liefern, in denen Frauen damit rechnen müssen, als Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden.

Das Wegsperren wie im Fall von Rahaf sei auch in der Schweiz «nicht unüblich», heisst es bei der Fachstelle Zwangsheirat, dem Kompetenzzentrum des Bundes. Erst letzte Woche habe eine junge Migrantin aus der Innerschweiz hier Hilfe gesucht – die Eltern hatten sie eine Woche lang eingesperrt, um sie in ihrem Sinne zu «normalisieren». Dem Lehrmeister ihrer Tochter sagten sie, das Mädchen sei krank.

Gewaltsteigerung bis hin zur Zwangsverheiratung

Manchmal ist Einsperren erst der Anfang. Wenn sich die Tochter dem religiösen und traditionellen Verhaltenskodex widersetze, komme es oft «in kurzer Zeit zu einer massiven Gewaltsteigerung bis hin zur Zwangsverheiratung», sagt Anu Sivaganesan, die Präsidentin der Fachstelle. 2300 Fälle hat man hier in den letzten zehn Jahren beraten. «19 Prozent der Betroffenen entscheiden sich, von ihren Familien wegzugehen», sagt sie. «Sie haben keine andere Wahl.»

Die Betroffenen stammten «aus der Türkei, Sri Lanka und dem westlichen Südosteuropa, also aus den sogenannten Balkanstaaten». Daneben gebe es «zunehmend» auch Fälle aus dem Asylbereich, also aus Ländern wie Syrien, dem Irak, Somalia und Eritrea. 20 Prozent der Opfer, die sich bei der Beratungsstelle melden, stammen zurzeit aus klassischen Asylländern.

Abtrünnige können nicht auf Verständnis hoffen

Heirat auf Befehl, das trifft zwar auch junge Männer. Aber meist sind die Opfer Mädchen und Frauen. Von Geburt an werden sie ins programmierte Leben gezwungen. «Dazu gehört das Tragen von langen Haaren als Norm, das Verbot jeglicher Kontakte mit Buben, die Verweigerung von Ausgang oder die Vorschrift, die Haut zu bedecken», sagt Sivaganesan. «Wer aus der Familie ausschert, stösst selten auf Verständnis.» Die Abtrünnigen würden dann ins Herkunftsland verschleppt und dort zwangsverheiratet.

Wenn sie im Ausland festgehalten werden, ist eine Flucht aus der Ehehölle kaum mehr möglich – bei Landesabwesenheit erlischt die Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz nach sechs Monaten. Anders in Deutschland. Hier wurde das Rückkehrrecht auf zehn Jahre erhöht. In der Schweiz scheiterte ein entsprechender Vorstoss 2012 im Parlament.

Dass auch gut ausgebildete ­Eltern nicht vor Bevormundung und Unterdrückung schützen, zeigt der Fall der Saudi Rahaf: Ihr Vater ist Gouverneur. Auch bei der Fachstelle Zwangsheirat kennt man ­Beispiele. Kürzlich ­berichtete eine junge Migrantin von ihrem Bruder, der sich zum Arzt ausbilden liess: «Er sagt, dass er wie seine Eltern zu Hause nicht über Sexualität sprechen werde – um keinen Freipass zur Freizügigkeit zu geben.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.01.2019, 22:31 Uhr

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