Wie krank ist Franz Beckenbauer wirklich?

Der ehemalige deutsche Fussballweltmeister und Beschuldigte im Fifa-Skandal ist angeblich nicht vernehmungsfähig, trotzdem tritt er öffentlich auf.

Am «Kaisercup» hielt er eine Rede: Franz Beckenbauer am 13. Juli im bayrischen Bad Griesbach. Foto: Getty Images

Am «Kaisercup» hielt er eine Rede: Franz Beckenbauer am 13. Juli im bayrischen Bad Griesbach. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Bundesanwaltschaft kämpft in den prestigeträchtigen Fifa-Verfahren gegen die Verjährung. Insbesondere das Verfahren um das sogenannte Sommermärchen verjährt im April 2020, wenn bis dann kein erstinstanzliches Urteil vorliegt. Darum versucht die Bundesanwaltschaft mit allen Mitteln, endlich die Anklage vorzulegen. Deshalb hat sie das Verfahren gegen Franz Beckenbauer abgetrennt, weil dieser angeblich zu krank sei, um vernommen zu werden. Die anderen Beschuldigten, die Deutschen Horst Rudolf Schmidt, Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und der Schweizer Urs Linsi, hingegen sollen bald angeklagt werden. Dies ist einem Schreiben an die Betroffenen zu entnehmen, das der SonntagsZeitung vorliegt und über das die NZZ berichtete.

Gemäss dem Schreiben ist Beckenbauer «von ärztlicher Seite jegliche Aufregung untersagt». Weitere Einvernahmen kämen aus gesundheitlichen Gründen nicht infrage. Vor dem Hintergrund der Krankheiten würden «Belastungen im Rahmen des Strafverfahrens gravierende, womöglich gar lebensbedrohende Gesundheitsrisiken mit sich bringen». Darum könne die Verteidigung den Fall mit Beckenbauer nicht einmal mehr besprechen und der vorgelegte Fragenkatalog nicht fristgemäss beantwortet werden.

Dazu reichte die Verteidigung mehrere ärztliche Atteste ein. Eines davon am 5. April, ein anderes am 25. Juni. Darin wird argumentiert, dass Beckenbauer in stationärer neurologischer Behandlung sei, frühestens am 4. Juli entlassen werde und «in jedem Fall der Verteidigung nicht zur Verfügung stehe».

Dem gegenüber steht allerdings die Tatsache, dass Beckenbauer noch immer öffentliche Auftritte hat. So zum Beispiel am 13. Juli, als er am «Kaisercup», einem Golfturnier im bayrischen Bad Griesbach, die Turniersieger ehrte. In einer Rede gestand er, dass er «a bisserl Probleme» mit der Gesundheit habe. «Seids mir also nicht böse», bat er die Anwesenden laut «Focus online», «wenn ich einen von euch nicht sehe und ihn umrenne.»

«Es geht mir besser, ich bin zufrieden»

Auf das Golfspielen musste Beckenbauer zumindest vorerst verzichten. Aufgrund seiner Augenprobleme – die Rede ist von einem Augeninfarkt – könne er in diesem Jahr nicht bei seinem eigenen Golfturnier auf dem Platz antreten, erklärte er dem Sender n-TV. Beckenbauer musste sich zudem 2016 und 2017 jeweils einer Herzoperation unterziehen. Im vergangenen Jahr bekam er eine künstliche Hüfte. Dafür muss man sich normalerweise einer Herzkontrolle unterziehen. Zudem sagte er der Tageszeitung TZ: «Es ist nicht gerade die Zeit, um Bäume auszureissen, aber es geht mir besser, ich bin zufrieden.»

Ob das Gesundheitsproblem wirklich reicht, um nicht vernehmungsfähig zu sein, muss sich die Bundesanwaltschaft auch von den übrigen Beschuldigten fragen lassen. Vor allem auch darum, weil Beckenbauer im Verfahren eigentlich der Hauptbeschuldigte ist, denn er war es, der im Vorfeld der entscheidenden Abstimmung über die Vergabe nach Deutschland 10 Millionen Franken nach Katar überwies. Das Geld ging an Mohamed bin Hammam, der damals Vizepräsident der Fifa war.

Ist die Abtrennung verfassungsmässig?

Wenn das Verfahren Beckenbauer wirklich abgetrennt wird, dann wird nur noch derjenige Teil gegen die Randfiguren weitergeführt. Es stellt sich die Frage, ob das mit dem Gleichbehandlungsgebot der Verfassung in Übereinstimmung gebracht werden kann. Die Bundesanwaltschaft behauptet dies und argumentiert mit der drohenden Verjährung, wenn man bei Beckenbauer immer wieder die Fristen abwarte, obwohl er in nächster Zeit kaum genese. Offenbar vertraut die Bundesanwaltschaft trotz den öffentlichen Auftritten Beckenbauers fast blind auf die ärztlichen Atteste. In Kürze dürfte darum die Anklage der Bundesanwaltschaft erfolgen, dem Protest der Betroffenen gegen die Auftrennung des Verfahrens zum Trotz. Abzuwarten bleibt darum die Beurteilung des Falls durch die Richter.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 21.07.2019, 17:52 Uhr

Artikel zum Thema

Nicht vernehmungsfähig – verjährt Beckenbauers Verfahren?

Der Chef der umstrittenen WM 2006 ist gesundheitlich angeschlagen. Die Bundesanwaltschaft legt seinen Fall deshalb derzeit zur Seite. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...