Wir Kinder von der Samenbank

Ihre Eltern sollten schweigen, sie selbst suchen vergeblich nach ihren Wurzeln. Zwischen 1970 und 2000 entstanden in der Schweiz Tausende Kinder aus anonymen Samenspenden.

Spenderkind Flavia Suter: «Ich suche keinen Vater. Ich suche mich». Foto: Daniel Ammann

Spenderkind Flavia Suter: «Ich suche keinen Vater. Ich suche mich». Foto: Daniel Ammann

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Es sind die kleinen Irritationen, die grosse Krisen auslösen. Die ­Augenfarbe, die nicht passt. Die Blutgruppe, die nicht sein kann. Die Grossmutter, die sich verplappert. Bei Flavia Suter (Name geändert) war es ein Satz, eines Nachmittags dahin­gesagt von ihrer Mutter, kurz vor ihrem 26. Geburtstag: «De Bappe isch nüd din Bappe.» Ihr leiblicher Vater, erfuhr Suter, war ein anonymer Samenspender, damals wahrscheinlich Student an der Hochschule St. Gallen, unauffindbar.

Zehn Jahre ist das her, und ­Suter ist die Erschütterung noch heute anzumerken. Sie sieht jünger aus, als sie ist, ein goldener Ring in der Nase, die dunklen Locken hochgesteckt. «De Bappe isch nüd din Bappe.» Sie wiederholt den Satz, der sie umwarf und doch endlich alles erklärte. Das ewige Gefühl, anders zu sein. Die Kinderzeichnungen, auf denen Flavia Suter ihre Familie malte, Vater, Mutter, die beiden Schwestern – und sich daneben, abseits. Die Schwestern, die sich aufs Haar glichen, nur ihr nicht. Die Fragen an die Eltern: «Bin ich im Kreisssaal vertauscht worden?» und «Bin ich adoptiert?» Als sie die Wahrheit erfuhr, brach sie in Tränen aus. «Dann kommt der Moment, in dem du dich im Spiegel anschaust und denkst: ‹Wer bin ich eigentlich?›» Schliesslich die Wut.

Absolute Anonymität garantiert

Flavia Suter ist eines von schätzungsweise 5000 bis 10 000 Spenderkindern, die in der Schweiz ­zwischen 1970 und 2000 geboren wurden. Vor zwei Jahren haben sie einen Verein gegründet. Ihre genaue Zahl ist unbekannt. Doch schon 1980 berichteten Fortpflanzungsmediziner von knapp 2000 Schwangerschaften mit Spendersamen. Unter anderem in den ­öffentlichen Frauenkliniken von Bern, Basel, St. Gallen und Schaffhausen liessen sich Frauen behandeln, deren Männer an Unfruchtbarkeit oder Erbkrankheiten litten. 1988 schrieb eine Expertenkommission des Bundes, jährlich würden 350 Spenderkinder geboren.

Sie haben praktisch keine Chance, ihre biologischen Väter zu finden. Die Ärzte garantierten den Spendern absolute Anonymität und schärften den Eltern ein, niemandem etwas zu verraten, nicht einmal der eigenen Familie. Eine der umstrittensten Figuren der Reproduktionsindustrie war Ulrich Gigon, Oberarzt an der Frauenklinik des Berner Unispitals. In einem Dok-Film von 1980 sagt er: «Sie sollen das weiss Gott niemandem sagen. Je mehr Leute es wissen, desto grösser ist die Gefahr, dass es das Kind erfährt. Das Kind gehört der Familie, und fertig.»

Krankenschwestern spritzten die Spermien ein

Anonyme Samenspenden waren in der Schweiz bis 2001 erlaubt. Doch den Ärzten war offensichtlich bewusst, dass sie sich in einer ethischen Grauzone bewegten. Das Honorar für die Inseminationen – etwa 200 bis 400 Franken pro Monat – verlangten sie bar auf die Hand oder sie stellten Rechnungen ohne Betreff aus, Dokumente wurden später vernichtet. Am Berner Unispital erhielten die Frauen jedes Mal Spermien eines anderen Mannes – oder sogar Samenmischungen, wie Ulrich Gigon 1980 in einem Fachartikel offen zugab. Niemand sollte wissen, wer der ­Vater des Ungeborenen war. Das Einspritzen der Spermien mittels Gummiröhrchen überliessen die meisten Ärzte den Krankenschwestern. Gigons Begründung: Es bestehe die Gefahr, dass sonst «eine starke affektive Bindung» zwischen Frau und Arzt entstehe. Keine ­Spuren hinterlassen, nirgends.

Selbst unter Medizinern wurde wenig darüber gesprochen. Gynäkologe Peter Fehr, der heute eine Kinderwunschpraxis in Zürich führt, erinnert sich an seine Assistenzzeit Mitte der Achtzigerjahre an der Frauenklinik in Schaffhausen: «Es gab einen Raum mit einem Stickstofftank, wo die Spermien gelagert wurden. Wir Assistenzärzte sahen nur, wie der Chefarzt ab und zu hineinging, mit einer Samenprobe herauskam und im Behandlungszimmer verschwand. Mehr wussten wir nicht.» Sein ­damaliger Chef, der pensionierte Gynäkologe Mario Litschgi, sagt: «Die Frau wurde schwanger oder nicht, mehr interessierte nicht.»

Auch Flavia Suters Eltern hielten sich an die Empfehlung der Ärzte, niemanden einzuweihen. Sie hatten jung geheiratet, doch das erste Kind liess auf sich warten. Also fuhr die Mutter vom Rheintal nach St. Gallen in die Frauenklinik, liess sich «vom Fräulein», so erzählte sie es später, das Sperma eines Unbekannten einspritzen, vielleicht achtmal, bis Flavia geboren wurde. Ein Wunschkind. Ein Jahr später kam über­raschend eine zweite Tochter zur Welt, natürlich gezeugt, später nochmals eine. Ungewiss blieb, ob Flavia Suter tatsächlich ein Spenderkind war, erst ein Vaterschaftstest mit 26 brachte Klarheit.

«De Bappe isch nüd din Bappe.»Die Mutter

Dennoch behandelte der Vater Flavia Suter gleich wie seine leiblichen Töchter, liess sie nie merken, dass sie anders war. «Ich habe keinen Zweifel, dass er mich als vollwertige Tochter betrachtete», sagt sie. Aber er wollte nicht, dass man mit ihr darüber sprach. «Was nützt es ihr?», pflegte er zu sagen, wenn die Mutter mit dem Geheimnis haderte. Und als die Tochter vor zehn Jahren dem Vater sagte, sie wisse nun Bescheid: «Hät d Muetter wider nüd chöne ruhig sii.»

Die SonntagsZeitung hat mit mehreren Spenderkindern gesprochen, die wie Flavia Suter erst im jungen Erwachsenenalter von den Umständen ihrer Zeugung ­erfahren haben. Sie alle beschreiben den Moment als «inneres Erdbeben», als «Schlag ins Gesicht». Sie berichten von gescheiterten Beziehungen und abgebrochenen Studien, weil sie derart aus der Bahn geworfen wurden. Fast alle haben den ­dringenden Wunsch, ihren leiblichen Vater zu finden – egal wie gut die Beziehung zum sozialen Vater ist. Sie fragen sich, ob der Nachbar im Zugabteil vielleicht ein Halbgeschwister ist. Suter sagt: «Es holt einen immer wieder ein, spätestens wenn man sich eigene Kinder wünscht.» Auch aus der Adoptionsforschung ist heute bekannt, dass die Kenntnis der biologischen Herkunft ein Grundbedürfnis ist – und Kinder möglichst früh aufgeklärt werden sollten.

Spendewillige jungen Männern von der Uni

Lange wurde dieser Aspekt vernachlässigt. Man sicherte dem Spender Anonymität zu, besprach die Folgen von Samenspenden für die Paarbeziehung, diskutierte medizinische und juristische Fragen – nur eines war nie Thema: das Empfinden des Kindes. Reproduktionsmediziner Peter Fehr sagt: «Man hat völlig ausser Acht gelassen, dass dabei ein Kind entsteht.» Den Eltern wurde eingetrichtert, sie müssten mit einer «Lebenslüge» fertigwerden. Bis 2001 kannten nur einzelne Kantone Vorschriften zu Samenspenden. Entsprechend ausufernd ging mancher Arzt mit dem medizinischen Fortschritt um. An der Berner Frauenklinik spendeten offenbar regelmässig Assistenzärzte. Wie der «Beobachter» kürzlich schrieb, soll Ulrich Gigon, der vor drei Jahren gestorben ist, geprahlt haben, er wisse nicht, wie viele Kinder er habe.

«Intelligenz: Studenten, Alter: unter 35, Charakter: gesellschaftsfähig.» So beschrieb die Berner Frauenklinik 1980 geeignete Spender, die auch auf familiär bedingte Erb- oder Geisteskrankheiten getestet wurden. Rund 100 Franken erhielten sie. Oft wurden Kliniken an medizinischen und juristischen Fakultäten von Unis fündig. Peter Fehr erinnert sich, wie er auf Anschlagbrettern und an Stammtischen spendewillige Studenten suchte.

Letzte Chance ist ein DNA-Test im Internet

Ende der 1980er wuchsen die ethischen Bedenken, Kliniken stoppten die Inseminationen. Peter Fehr, der in seiner privaten Praxis noch bis 2001 anonyme Samenspenden durchführte, sagt: «Ich würde heute anders handeln. Man darf einem Kind seine Herkunft nicht verschweigen.» Sein früherer Chef Mario Litschgi hingegen, der in Basel und Schaffhausen tätig war, ist sich keines Fehlverhaltens bewusst. «Ich würde alles noch einmal gleich machen.» Es sei richtig, dass Spenderkinder ihren leiblichen Vater nicht kennen lernten.

Seit 2001 verhindert das jedoch ein neues Bundesgesetz: Mit 18 Jahren haben Spenderkinder das Recht, die Akten ihres Erzeugers einzufordern. 2019 werden die ersten davon Gebrauch machen können. Doch die gesellschaftliche Realität hat das Gesetz längst überholt. Weil es unverheiratete Paare oder alleinstehende Frauen von der Samenspende ausschliesst, lassen sich diese im Ausland befruchten – teilweise auch anonym. Wieder kommen Kinder zur Welt, die ihren Vater nie kennen lernen werden.

«Bin ich im Kreisssaal vertauscht worden?» – «Bin ich adoptiert?»Flavia Suter

Flavia Suter bleibt eine kleine Chance, ihren Erzeuger zu finden: mit einem DNA-Test im Internet, der sie zu Verwandten führen könnte. Eben hat sie wieder einen bestellt, er liegt zu Hause. Aber, sagt sie, und wirkt etwas ratlos, sie habe auch Angst vor einer weiteren Enttäuschung. Manchmal fragt sie sich, ob all die Spender, und es müssen viele sein, ab und zu an ihren Studentenjob von damals denken. Ob sie, die vielleicht Familie haben, ihre Kinder eingeweiht haben. «Sind sie in ­wichtigen gesellschaftlichen Positionen? Sind sie interessiert daran, dass plötzlich Verwandte auftauchen?» Dabei gehe es Spenderkindern nicht um finanzielle Forderungen: «Ich suche ­keinen Vater. Ich suche mich.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.02.2018, 17:04 Uhr

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