Auf der Intensivstation der Briefärzte

In der Postklinik Härkingen werden jeden Tag 2610 Briefe behandelt, die in der Sortiermaschine hängen bleiben. Die Reportage.

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Im Briefzentrum riecht es nach Fisch. «Wir haben den Übeltäter neu verpackt, aber ganz kriegen wir den Geruch nicht weg», sagt Beat Rothacher. Er leitet die Briefklinik der Post im Briefzentrum Härkingen. Seine Mitarbeiter haben soeben einen unappetitlichen Fund gemacht: Ein Absender versuchte, einen toten Fisch in einem Couvert zu versenden. Das hat nicht nur diese Sendung aufgeweicht, sondern auch jene Briefe, die unmittelbar vorher oder nachher sortiert wurden.

Dutzende Briefe sind auf dem Operationstisch der Briefklinik gelandet. Hier haben Mitarbeiter zunächst den Fisch mühselig aus seiner Verpackung gepult, gepolstert, säuberlich neu verpackt und zum Empfänger weitergeschickt. Dieser dürfte sich nicht besonders über den Brief gefreut haben – doch die Briefdoktoren hinterfragen die Post nicht, sondern stellen sicher, dass sie ans Ziel kommt. Dasselbe wiederholen sie nun mit den anderen stinkenden Sendungen, die ebenfalls verunreinigt wurden.

Dass ein Fisch in der Briefklinik landet, ist eher selten. Normalerweise werden hier Sendungen mit kleineren Makeln repariert. Manchmal reicht schon eine ambulante Behandlung. Mit Klebestreifen werden abgerissene Ecken angeklebt und Löcher in Briefen gestopft.

Rothacher erklärt, wie es überhaupt dazu kommt, dass Post beschädigt wird: «Meistens verheddert sich eine einzelne Sendung in der Sortiermaschine.» Briefe werden in einem enormen Tempo durch die riesige Maschine gejagt. Bis 100 Briefe pro Sekunde werden den Empfängern zugeordnet. Verschickt beispielsweise jemand spitze oder kantige Gegenstände in einem gewöhnlichen Umschlag, kann der Brief hängen bleiben und die Sortiermaschine lahmlegen. «Besonders Sendungen mit Schlüsseln, Münzen, Büroklammern oder USB-Sticks werden der Maschine gefährlich», so Rothacher. Blockiert sie, haben auch die nachfolgenden Briefe kaum eine Chance.

Jede Seite des vertraulichen Dokuments war zerrissen

Mitarbeiterin Sandra Kurth von der Briefklinik kümmert sich gerade um einen solchen Fall: eine Grusskarte mit einem aufgeklebten Rahmtäfeli. Beim Briefstau in der Maschine hat sich das Bonbon gelöst. Konzentriert klebt Kurth es neu auf die Karte. Sie steckt das Ganze in einen frischen Briefumschlag und klebt sorgfältig einen Entschuldigungssticker auf die Vorderseite.

Bei grösseren Problemen, wenn der gesamte Brief kaputt ist, braucht es eine intensivere Behandlung. Wie in jenem Fall, der der SonntagsZeitung bekannt ist. Die Sendung, ein Vertrag, wurde in einer Plastiktüte zugestellt. Jede Seite des vertraulichen Dokuments war zerrissen. Jede einzelne säuberlich mit Klebstreifen wieder zusammengeflickt. Auf dem Couvert klebte ein Sticker der Post: «Diese Sendung wurde bei der Verarbeitung beschädigt. Wir bitten Sie um Entschuldigung.» Eine Erklärung, warum dies passierte, lag nicht bei.

«Der Aufwand, den wir hier im Zentrum betreiben, ist eine Zusatzleistung», so Post-Sprecher Oliver Flüeler. «Statt die Sendung an den Absender zurückzuschicken, korrigieren wir in der Regel, was einzelne Kundinnen und Kunden bei der Auswahl der Verpackung versäumt oder unterlassen haben.» Die Kosten für die Bearbeitung trage die Post. Man will nicht den Anschein erwecken, dass die Post irgendeine Schuld an den zerstörten Sendungen trifft.

300 Paketsendungen täglich sind falsch angeschrieben, unsachgemäss verpackt oder beschädigt.

Rund 2610 Briefe werden pro Tag in der Klinik in Härkingen bearbeitet. Davon sind ein Grossteil, rund 1600 Stück pro Tag, falsch oder mangelhaft adressiert. 110 Sendungen müssen repariert oder neu verpackt werden, weil Umschlag und Inhalt beschädigt sind. Bei weiteren 900 Briefen muss nachgebessert werden, weil der Umschlag gestaucht ist oder einen Riss hat. Die Anzahl Brief- und ­Paketpatienten liege im Promillebereich, wenn man sie mit den 5,9 Millionen Briefen vergleiche, die täglich in Härkingen sortiert werden, betont Sprecher Flüeler.

Mitarbeiterin Kurth ist bereits seit zehn Jahren als «Briefärztin» in Härkingen tätig. Ausgerüstet mit Klebstreifen, Schere und einer Datenbank auf ihrem PC, sorgt sie dafür, dass beschädigte oder unvollständig adressierte Post trotzdem zugestellt werden kann. Ihr gefällt die Arbeit: «Jede kaputte oder nicht adressierte Sendung ist eine neue Herausforderung.»

Der einzige Ort, an dem Post ­geöffnet werden darf

Neben Reparaturen kümmern sich die Angestellten in der Briefklinik vor allem um verlorene Post, sprich: Briefe ohne Adresse oder Absender, mit unleserlichen oder unvollständigen Anschriften. Der Umgang mit diesen Fällen gleicht Detektivarbeit. Wenn eine Sendung nicht beschriftet ist, öffnen Mitarbeiter sie, um nach Hinweisen auf Absender oder Empfänger zu suchen. Gleichzeitig können sie sich durch Datenbanken der Post mit Kundendaten wühlen und unvollständige Adressen ergänzen.

Die Briefklinik ist der einzige Ort bei der Post, an dem bestimmte Mitarbeiter Sendungen öffnen dürfen. Sie sind dem Briefgeheimnis unterstellt und haben eine entsprechende Verschwiegenheitserklärung unterschrieben. Die meisten Empfänger einer kaputten Sendung hätten kein Problem damit, wenn ihre Post geflickt oder neu verpackt bei ihnen ankomme, sagt Post-Sprecher Flüeler.

Mitarbeitende in der Brief­klinik sind im Turnus auch an verschiedenen Stationen im Sortierzentrum tätig. Für Angestellte, die nach einer Krankheit oder Verletzungspause schrittweise den Arbeitsprozess wieder aufnehmen wollen, ist die Postklinik der ideale Ort, betont Flüeler. Es ist Detailarbeit, die körperlich weniger anstrengend ist als die Arbeit in den weitläufigen Hallen des Sortierzentrums.

6 Kliniken betreibt die Post insgesamt, unter anderem in Zürich-Mülligen, Härkingen SO und Ecublens VD.

Die Post hat in Härkingen neben der Briefklinik auch eine Paketklinik. Hier landen die vom Umfang her grösseren Patienten. Die Mitarbeiter im Paketzentrum entdeckten vereinzelt auch Gegenstände, die undeklariert nicht auf dem Postweg hätten verschickt werden dürfen, sagt Franz Köhli, Leiter der Paketklinik. «Parfümflaschen, Spraydosen, Farbe, Lacke und Lösungsmittel beispielsweise sind Gefahrengüter und müssen als Gefahrgutsendung speziell verpackt und gekennzeichnet werden.»

Es käme auch vor, dass für den Postweg verbotene Inhalte verschickt würden, etwa explosive Gegenstände wie Feuerwerk, Wunderkerzen, Gasflaschen oder Lithiumbatterien für E-Bikes, so Köhli. Das könne dann gefährlich werden für die Mitarbeiter. Auch Waffen und Drogen werden ab und zu gefunden.

Manchmal wird auch die Polizei hinzugezogen

Suspekte Sendungen aus dem Ausland würden in der Regel bereits am Zoll herausgefischt. Mit der Zunahme von Onlinebestellungen im Ausland über Onlineshops wie Amazon oder Alibaba, aber insbesondere über Anbieter im Darknet werde dies immer wichtiger, so Köhli.

Ganz verhindert werden kann aber nicht, dass ab und zu etwas bei ihnen auf dem Tisch in der Paketklinik landet. Seine vier Mitarbeiter seien geschult, mit solchen Sendungen umzugehen, sagt Leiter Köhli. Es komme vor, dass einer der Angestellten einen merkwürdigen Geruch feststelle oder verdächtiges Pulver aus einer beschädigten Sendung austrete.

Dann wird die Unternehmenssicherheit zurate gezogen, in gewissen Fällen auch die Polizei. «Es hat sich aber auch schon herausgestellt, dass der Inhalt eines Päckchens keine illegale Droge, sondern ein exotisches Teekraut war», sagt Köhli und lacht.

Oder eben ein Fisch, wie im Briefzentrum. Der ist zwar nicht gefährlich. Stinkt aber.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.10.2018, 18:20 Uhr

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