Yo Picasso

Der spanische Maler zieht die Besuchermassen an wie kein anderer. Eine Ausstellung geht dieser Besessenheit auf den Grund.

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Es ist, als ob unsere Zeit von einem nie versiegenden Picasso-Hunger ergriffen wäre: Allein letztes Jahr gab es in Europa über zwanzig Ausstellungen des Spaniers, und alle wurden vom Publikum überrannt. Drei grosse Picasso-Ausstellungen sah man in den letzten zwei Jahren in London, darunter die bemerkenswerte «Picasso 1932» in der Tate Modern, und auch Paris glänzte mit mehreren Sonderschauen – dabei gibt es doch in der Seine-Stadt auch ein eigens Picasso gewidmetes Museum an der Rue de Thorigny.

An den Auktionen sieht es nicht anders aus: Picasso schlägt Rekorde. Jedes Jahr steht eines oder gar mehrere seiner Werke auf der Top-Ten-Liste der versteigerten Bluechips, zuletzt das «Junge Mädchen mit Blumenkorb» aus der Rosa Periode, das Christie’s 2018 für 115 Millionen Dollar verkaufte. «Picassomania» hiess vor zwei Jahren eine Schau im Grand Palais in Paris. Der Titel erweist sich auch heute als richtig.

Kein Zweifel: Noch nicht ganz 50 Jahre nach seinem Tod ist Pablo Picasso (1881–1973), der als Maler der «zerstückelten Körper» in seiner kubistischen Zeit um Anerkennung kämpfen musste, auch für die bürgerliche Öffentlichkeit dort angekommen, wo ihn Kunstkenner schon zu Lebzeiten wähnten – auf dem Podest mit der Aufschrift «Der wichtigste Künstler unserer Zeit». Seine Bilder scheinen eine nie versiegende Kraftquelle zu sein, sie konfrontieren die Betrachter direkt mit dem Mysterium des Lebens, mit seinen ekstatischen Freuden und unabänderlichen Grausamkeiten. Die Tatsachen von Picassos Biografie geben zudem faszinierende Rätsel auf: Wer war dieser Spanier mit dem stechend dunklen Blick? Ein Genie? Ein Suchender? Ewiges Kind? Ein Frauenverschlinger? Ein luzider alter Mann, der selbst noch in seinem Spätwerk einige der lebensprallsten Leinwände der Kunstgeschichte schuf?

Die Bilder aus den Jahren 1901–1907 sind voller Lyrik

Den vielen Picasso-Schauen zum Trotz: Dem Rätsel Picasso auf den Grund zu kommen, den Hintergrund seiner enormen Popularität zu verstehen, scheint immer noch ein notwendiges Unterfangen zu sein. Die Schau, die dem Frühwerk von Picasso gewidmet ist und kommenden Sonntag in der Fondation Beyeler eröffnet wird, könnte dabei Aufklärungsarbeit leisten. Denn gerade die frühen Werke aus den Jahren 1901–1907 zeigen einen anderen als den bekannten Picasso. Sie sind voller Lyrik und Melancholie, zeugen von einer dem spanischen Kraftmeier nicht zugetrauten Sensibilität, ja fast schon Sentimentalität.

Die Bilder der traurigen Blauen Periode bevölkern ausgemergelte Gestalten von Frauen und Männern, Alkoholiker, Prostituierte. Sie wirken in ihrem Elend zwar menschlich und würdig, doch man ahnt, dass ihre Existenz nur auf der Leinwand zu Schönheit finden kann. Und dann wechselt die Stimmung, die Befreiung aus der blauen Depression führt Picasso ins pudrige Rosa, das ab und zu ins Rostrot oder in ein sonnenverbranntes Ocker changieren kann. Junge Männer in Harlekinkostümen und verträumte Mädchen posieren wie aus der Zeit gefallen, Seiltänzer und Gaukler geben einander Schutz und Halt abseits der Bühne.

Für den Beyeler-Direktor Sam Keller «gehören Picassos blaue und rosa Bilder mit den einsamen Menschen in der Grossstadt und den zärtlichen Harlekinfamilien zu den schönsten und berührendsten nicht nur dieses Künstlers, sondern des ganzen 20. Jahrhunderts».

«Viele dieser Bilder sind den Menschen als Kartensujets oder Illustrationen von Texten bekannt, doch sie assoziieren sie nicht mit Picasso.»Raphael Bouvier, Kurator der Ausstellung

Auch für Raphael Bouvier, den Kurator der Ausstellung, «fängt die Kunst des 20. Jahrhunderts mit diesen Bildern an», obwohl sie rückwärts gewandt zu sein scheinen. «Viele dieser Bilder sind den Menschen als Kartensujets oder Illustrationen von Texten bekannt, doch sie assoziieren sie nicht mit Picasso», sagt Bouvier. Etwa das Bild «Arlequin assis» von 1901, ein heimliches Selbstporträt des Künstlers, und «das beliebteste Bild des Metropolitan Museums in New York». In den Schweizer Museen gibt es sehr wenige Bilder aus dieser Zeit. («La buveuse assoupie» von 1902, die sich im Kunstmuseum Bern befindet, wird übrigens auch bei Beyeler zu sehen sein.) «Umso wichtiger ist es, gerade bei so berühmten Künstlern», sagt Sam Keller, «die zu Ikonen gewordenen Werke in jeder Generation neu zu betrachten und ihre Bedeutung für unsere Zeit zu ergründen – sonst riskieren wir, dass sie zu Klischees werden.»

Das Riehener Museum besitzt selbst eine der besten Picasso-Sammlungen weltweit. Ernst Beyeler und seine Frau Hildy waren mit dem Künstler persönlich bekannt, Beyeler kaufte Werke für sich, organisierte Ausstellungen und vermittelte weitere Bilder an private und öffentliche Sammlungen. Als er aber seiner Fondation 34 Picassos schenkte, war darunter kein einziges aus der Blauen oder Rosa Periode. Beyelers Fokus war die Moderne, diese frühen Bilder schienen aber mit ihrer figurativen Lyrik noch in das abtretende Jahrhundert zu gehören. «Gerade weil wir aus der für die Entwicklung der modernen Kunst eminent wichtigen Blauen und Rosa Periode keine Werke besitzen, ist es ein lang gehegter Traum, diese präsentieren zu können», sagt Keller.

Die Fondation Beyeler wird zum reinen Picasso-Museum

Das ist nun dank Zusammenarbeit möglich geworden. Zum ersten Mal haben dabei zwei oft konkurrierende Pariser Museen, das Musée d’Orsay und das Musée Picasso, Gemeinsames zu einem Projekt beigetragen. Die Pariser Ausstellung fand 2018 im Musée d’Orsay statt. Was man dort von «Picasso. Blau und Rosa» bereits gesehen hat, ist schlichtweg spektakulär. In Riehen BS wird die Schau noch um einige äusserst seltene Leihgaben ergänzt – etwa dem Werk «Le Mort. (La mise au tombeau)» von 1901, welches seit Jahrzehnten nicht mehr gezeigt wurde.

Dazu kommt, und das ist ein enormer Gewinn für das richtige Verständnis der blau-rosa Sensibilitäten, das hauseigene «Picasso-Panorama»; nicht weniger als 40 Werke. Das erste stammt aus dem Jahr 1907, es schliesst also nahtlos an das gezeigte Frühwerk an, das letzte, von 1972, gehört zum Spätwerk. Die Fondation zeigt sie alle, parallel zu «Blau und Rosa», und verwandelt sich damit in ein reines Picasso-Museum. So kann jeder mit eigenen Augen nachvollziehen, warum dieser Pablo Ruiz, der erst ab 1901 mit «Picasso» signierte, als das entscheidende Scharnier zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert gilt.

Das junge Genie entwickelt laufend neue Ausdrucksformen

Deutlich wird, dass Picassos Entwicklung niemals einer geraden Linie entlanglief. Da war immer alles gleichzeitig da. Das 19-jährige Genie, das im Herbst 1900 zum ersten Mal am Orsay-Bahnhof in Paris aus dem Zug stieg, entwickelte in den Folgejahren seines Boheme-Lebens am Montmartre einen ganzen Fächer an möglichen malerischen Ausdrucksformen. Vor der Blauen Periode gab es nämlich schon einen postimpressionistisch farbigen Stil, mit einem energischen Pinselstrich, der an Van Gogh erinnerte – zur Freude des Picasso-Galeristen Ambroise Vollard gut verkäuflich. Es gibt in der Ausstellung ein Selbstporträt Picassos in diesem Stil von 1901, betitelt «Yo Picasso». Selbstbewusst schaut er darauf dem Betrachter entgegen, ganz der romantische Maler mit weissem Hemd und einer Farb­palette in der Hand.

Die schnelle Abkehr Picassos von diesem erfolgreichen Stil ist das eigentliche Faszinosum dieser Jahre (später lässt er auf die gleiche abrupte Art den Kubismus fallen, der sich übrigens durch Romben und Kuben bereits in der Rosa Periode ankündigt). Seine sich in der darauffolgenden blauen Zeit offenbarende Reise ins Innere, in die Beschäftigung mit der menschlichen Trauer, verblüfft. Die tief empfundene Empathie, die aus diesen Bildern spricht, erstaunt bei einem energiegeladenen Jüngling von 20 Jahren, dessen Talent für alle sichtbar zutage liegt.

Nur wenige Monate nach dem kraftvollen «Yo Picasso» entsteht nämlich Picassos Winter-Selbstbildnis von 1901. Picasso stellt sich als Bohemien dar, bleich, seine Wangen sind eingefallen, er malt sich älter, als er ist. War wirklich der Liebeskummersuizid von Picassos katalanischem Freund Carlos Casagemas der Grund für diese Wandlung, wie die Biografen vermuten? Oder nimmt hier einer, der die Kunst für immer revolutionieren sollte, erst einmal Anlauf, indem er einen Schritt rückwärts tritt? Es kommt einem vor, als ob diese frühe, unerwartete Wendung zur Bild- und Symbolsprache des 19. Jahrhunderts Picassos Gefühlspalette für immer mit Menschlichkeit und Anteilnahme sättigt.

Fondation Beyeler, 3.2. bis 26.5.

Erstellt: 27.01.2019, 15:08 Uhr

Blaue und Rosa Periode

«Der junge Picasso» ist das aufwendigste Ausstellungsprojekt der Fondation Beyeler. Die 75 Werke haben einen Versicherungswert von rund 4 Milliarden Franken. Die Leihgaben kommen aus 28 Museen, auch viele Privatsammlungen haben beigetragen. Die Fondation bietet ein umfangreiches Vermittlungsprogramm an, 60 zusätzliche Mitarbeiter betreuen die Besucherströme. Onlinekauf der Tickets ist möglich und empfohlen.

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