«Zuerst kamen Männer mit Bärten – dann mit Kalaschnikows»

Mina Ahadis floh aus dem Iran und gründete den Widerstand. Die Staatsfeindin über die Revolution und linke Frauen, die Steinigungen verteidigen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sieht man Menschen an, was sie erlebt haben? Wenn Mina Ahadi ihre Lebensgeschichte erzählt, bricht sie manchmal in lautes Lachen aus, trotz all des Unglücks, das sie gesehen hat, offenbart ihr Gesicht weder Angst noch Verbitterung. Als junge Frau demonstrierte sie 1979 im Iran nach dem Sturz des Schahs gegen die Islamische Revolution durch Ayatollah Khomeini – und musste teuer dafür bezahlen. In ihrem Exil in Köln kämpft Ahadi bis heute gegen die Islamisten und für die Rechte der Frauen. Sie sitzt in einem Café in der Innenstadt, prüft die Nachrichten auf ihrem Handy und bestellt einen Cappuccino.

40 Jahre Islamische Revolution – Ihr erster Gedanke?
Ich hätte nie gedacht, dass es so lange dauert. Dass die Mullahs so lange an der Macht bleiben können.

Warum nicht?
Ich weiss noch, ich war damals 23 Jahre alt und traf mich, bevor ich geflüchtet bin, an einem geheimen Ort mit meiner Mutter. Wir dachten, der Spuk sei nach 3, 4 Monaten vorbei. Wir hätten es nicht für möglich gehalten, dass sich das Regime etablieren und sich der politische Islam sogar ausbreiten kann.

Ohne Khomeini würden wir heute kaum über Kopftücher oder Burkas reden.
Damals übernahmen die Islamisten die Macht, die Scharia wurde zum Gesetz. Das erste Ziel waren die Frauen. Khomeini sagte: Entweder ihr tragt ein Kopftuch, oder wir schlagen euch.


Proteste: Zahlreiche Iranerinnen legen öffentlich ihr Kopftuch ab (Februar 2018). Video: Tamedia/Twitter


Warum gegen die Frauen?
Mit der Machtübernahme verwandelten sich die Islamisten in eine Terrororganisation, die alles unter ihre Kontrolle bringen wollte. Ihr erster Angriff richtete sich gegen den angeblich schwachen Teil der Gesellschaft, die Frauen. Mit dem Zwang zum Kopftuch, dem Symbol der Unterdrückung im Islam. Und mit der Steinigung als Strafe.

Was erlebten Sie?
Wir demonstrierten damals oft auf der Strasse gegen den neuen Kopftuchzwang. Ich hielt an der Universität in Tabriz meine erste öffentliche Rede und sagte, das neue Regime sei reaktionär und frauenfeindlich, wir dürften uns das nicht bieten lassen. Ich erinnere mich, wie ich vor 2000 Menschen von einem Auto auf ein Dach gestiegen bin und geredet habe – bis mich Männer heruntergezerrt und geschlagen haben.

Schergen des Regimes?
Zuerst kamen immer die Männer mit den Bärten, dann die Männer mit Messer und Ketten. Und am Schluss die Männer mit den Kalaschnikows.

Was für ein Leben hatten Sie als junge Frau vor der Revolution geführt?
Kritik an der Regierung war zwar auch unter dem Schah verboten, aber ich trug Minirock, es gab Discos, wir gingen mit den Männern Kaffee trinken und flirteten. Auf dem Land, wo ich aufwuchs, war es konservativer. Als Kind sollte ich einen Tschador tragen, aber ich weigerte mich, ging zu meiner Mutter, sagte, ich wolle Ärztin werden, und habe sie mit Fragen bombardiert, warum ich dieses und jenes als Mädchen nicht tun dürfe. Sie sagte immer nur, das sei wegen Allah. Ich antwortete: Was ist das für ein Allah? Den will ich aber kennen lernen . . . Meine Mutter gab mir den Koran, ich las ihn und sagte: Dieses Buch ist schlecht, widersprüchlich und ohne Struktur, aber voller Gewalt. Ich war 14 damals und habe aufgehört zu beten.

«Nur schon eine Schreibmaschine zu besitzen, galt als sehr gefährlich.»

Was sagten Ihre Eltern dazu?
Mein Vater starb, als ich 4 Jahre alt war. Meine Mutter war eine sehr starke Frau und hat mich immer unterstützt. Ihr Vater war damals schon Atheist, er las Bücher, trank Wein und hat Witze über den Propheten gemacht. Er sagte: Das sind alles Idioten!

Warum konnten Sie trotzdem nicht Ärztin werden?
Nach der Demo, an der ich geredet habe, bin ich von der Uni geflogen. Ich habe am nächsten Tag meine Studentenkarte gezeigt und wurde nicht mehr hereingelassen. Es gab eine schwarze Liste, Nummer 15 war Mina Ahadi. Mein Traum war vorbei – dabei hatte ich schon fast fünf Jahre studiert!

Was haben Sie getan?
Ich habe weiter Veranstaltungen organisiert für die Rechte der Frauen, mit bis zu 2500 Studentinnen. Doch es wurde immer gefährlicher. Wir mussten in den Untergrund, schrieben Flugblätter und hielten konspirative Treffen ab. Bis wir erwischt wurden.

Was passierte?
Ein Mann kam im Haus den Strom ablesen und sah, dass sich in unserer Wohnung junge Menschen trafen. Er verriet uns der Polizei. Eines Tages kam ich heim und sah bärtige Männer mit Gewehren. Ich konnte gerade noch fliehen, aber mein Ehemann sowie fünf meiner Freunde und zwei Freundinnen wurden festgenommen. Die Männer wurden hingerichtet, auch über mich wurde das Todesurteil gefällt.

Mit welcher Begründung?
Nur schon eine Schreibmaschine zu besitzen, galt als sehr gefährlich und war ein Grund für eine Hinrichtung. Viele Gerichtsverhandlungen dauerten gerade mal zwei Minuten – es ging bloss darum, ob man ein guter Muslim war oder nicht. In den ersten zehn Jahren nach der Revolution sind geschätzte 350'000 Oppositionelle hingerichtet worden.

«Erst vor 20 Tagen ­wurde ein schwuler Mann auf der Strasse gehängt.»

Wie konnten Sie entkommen?
Zuerst bin ich von Täbris nach Teheran geflüchtet, wo ich neun Monate im Untergrund leben musste – eine schwierige Zeit voller Angst. Ich war kurz davor, mir das Leben zu nehmen.

Warum?
Ich war sehr jung und auf der Flucht, hatte meinen Mann und meine Freunde verloren. Und in Teheran kontrollierte die Polizei damals von beiden Seiten her die Strassen – wenn Frauen kein Kopftuch trugen oder geschminkt waren, wurden sie an Ort und Stelle zusammengeschlagen. Deshalb habe ich damals zum ersten – und letzten Mal in meinem Leben – wieder ein Kopftuch getragen.

Wie schafften Sie die Flucht?
Im Fluchtauto sass neben mir eine Frau mit Baby, die mir bei jeder Kontrolle ihr Kind an die Brust hielt und sagte, tu so, als ob du stillen würdest – die Kontrolleure sind so religiös, dass sie sich nicht zu gucken und zu fragen trauen. Das hat tatsächlich funktioniert. Ich landete im Grenzgebiet zum Irak, in Kurdistan, wo ich die nächsten zehn Jahre in einer kleinen Zeltstadt gelebt habe.

Damals herrschte Krieg zwischen dem Iran und dem Irak.
Das iranische Regime bekämpfte uns, weil wir die Opposition waren. Saddam Hussein liess uns grösstenteils in Ruhe.

Grösstenteils?
Einmal bombardierte er uns mit Chemiewaffen. Um zu zeigen, wer der Chef war im Gebiet.

Wie gelangten Sie nach Europa?
Ich war 34 Jahre alt und habe das Leben im Zelt nicht mehr ausgehalten. Zum Glück kamen 1990 internationale Organisationen zu uns. Es hiess, ich könne nach Österreich. Ich fragte, was erwartet mich da? Man gab mir ein Buch mit einer einzigen Seite über das Land. Ich sah die rot-weisse Flagge und las unter anderem, dass Frauen in Österreich eine höhere Lebenserwartung haben als Männer. Da wusste ich: Da will ich hin! (lacht)

Wie begannen Sie, hier den Widerstand zu organisieren?
Meine Lebensgeschichte war prädestiniert dafür. Ich erinnere mich, wie ich am 8. März 1991, dem Internationalen Frauentag, an einer Demo in Wien mitgelaufen bin und die Veranstalter gefragt habe, ob ich kurz reden dürfe. Ich war gerade mal sieben Monate im Land und versuchte auf Deutsch meine Geschichte zu erzählen. Schnell merkte ich, dass es nicht so läuft, wie ich es mir gewünscht hätte – aber nicht wegen der Sprache.

Sondern?
Die linken Frauenorganisationen haben meine Erfahrungen sofort verharmlost und relativiert. Sie sagten, das Kopftuch sei Privatsache, und gesteinigt würden nur wenige Frauen. Die Unterdrückung der Frau im Islam sei eine kulturelle Eigenart, die man respektieren müsse. Ich dachte, ich werde verrückt!

Steinigung als schützenswertes Brauchtum?
Als ich im Iran meine erste Steinigung gesehen habe, war ich mir sicher: Wenn die Weltöffentlichkeit davon erfährt, kommt es zum Aufschrei, die Uhren werden stillstehen . . . Und dann musste ich mir so was anhören – von Frauen, die sich angeblich für Frauenrechte einsetzen. Ich erlebe es seither leider immer wieder: Linke Feministinnen, die Verletzungen von Frauenrechten, Kopftuch, Burka oder Genitalverstümmelung rechtfertigen, weil sie gegen den Imperialismus des Westens sind und rückständige Kulturen lieber verteidigen als deren Barbareien überhaupt nur zu benennen – als ob Frauenrechte nicht universal wären.

Die Rückweisung muss für Sie brutal gewesen sein.
Ich war völlig deprimiert. Bis ich dann ein eigenes internationales Komitee gegen Steinigungen gründete, Veranstaltungen mit Prominenten organisierte und damit grosse Erfolge feierte. Wir machten Druck auf das iranische Regime und retteten zahlreiche Frauen vor der Steinigung. 2010 kam es zum Fall Sakineh Mohammadi Ashtiani, der alles verändert hat.

Wie sind Sie auf Ashtiani, die weltweit bekannt geworden ist, aufmerksam geworden?
In iranischen Gefängnissen besitzen viele Menschen meine Telefonnummer. 2006 rief mich ein junger Mann an und sagte: Hallo, hier Menschenrechte? Ich antwortete: Ja, hier ist Mina. Er erzählte, dass seine Mama gesteinigt werden solle wegen angeblichen Ehebruchs. Sie sitze im Gefängnis in Täbris – dem gleichen Ort, an dem bereits mein erster Ehemann hingerichtet worden war. Daraufhin habe ich den Protest organisiert, in 120 Städten weltweit ist es zu Demonstrationen gekommen. Die Mullahs mussten die Steinigung absagen und ein Abkommen unterschreiben, in dem sie versprachen, künftig darauf zu verzichten.


Video: Proteste im Iran

Tausende Iranerinnen und Iraner demonstrieren auf den Strassen. Video: Reuters/Tamedia


Hielten sie sich daran?
Seither hat es im Iran – bis auf zwei Ausnahmen – keine Steinigungen mehr von Frauen und Homosexuellen gegeben.

Homosexuelle landen weiterhin am Strick.
Das stimmt leider, erst vor 20 Tagen wurde ein schwuler Mann auf der Strasse gehängt. Aber ich bekomme E-Mails von Frauen, die mir schreiben, dass ihre Ehemänner sie anklagen wollten wegen angeblichen Ehebruchs – und die Mullahs hätten gesagt, dass sie nicht mehr steinigen dürfen wegen des internationalen Drucks. So was freut mich immens.

Zu wie vielen Steinigungen war es im Iran seit der Revolution gekommen?
Dokumentiert sind über 500, wahrscheinlich gab es noch viel mehr.

Das Regime wird keine Freude an Ihnen gehabt haben. Bekamen Sie das zu spüren?
Von Anfang an. In Europa konnte ich zum ersten Mal nach zehn Jahren wieder meine Mutter und meine Geschwister anrufen – sie hatten keine Ahnung, wo ich gewesen war. Naiverweise dachte ich, mein Leben sei wieder normal, und ich lud meine Mama nach Wien ein. Bei ihrer Rückkehr nach Teheran wurde sie verhaftet. Sie hielten sie zwei Wochen lang gefangen. Ich hatte grosse Angst, denn auch als ich meine Geschwister anrief, verleugneten sie mich und sagten, nein, nein, nein, falsch verbunden. Dann endlich meldete sich meine Mutter.

Was erzählte sie?
Dass sie gefoltert worden war und den Schergen meine Adresse und Telefonnummer geben musste. Sie warnte mich, dass sie mir und meinen Kindern etwas antun wollten.

Und?
Wir gingen zur Polizei, wechselten die Wohnungen. Letztlich zogen mein zweiter Mann und ich nach Köln, wo wir viele Freunde haben.

Werden Sie vom Geheimdienst überwacht?
Ich bekam Hassmails und anonyme Telefonanrufe, in denen sie drohten, dass sie mich kriegen werden. Einmal lag ein Zettel in meinem Briefkasten, auf dem stand: Wir wissen, wo du wohnst. Das ist alles nicht schön, vor allem, wenn man Kinder hat. Kürzlich hörte ich aus dem Iran von einem Treffen der iranischen Geheimpolizei. Sie soll die gefährlichsten ausländischen Oppositionellen aufgelistet haben, und in Deutschland soll ich die Nummer 1 sein, hiess es.

Wie gefährlich leben Sie?
Angeblich soll Khamenei bei dieser Sitzung befohlen haben, auf terroristische Mittel zu setzen wie früher. Tatsächlich kam es kürzlich in Holland zu zwei Morden und in Dänemark und Frankreich zu mehreren Mordversuchen durch den iranischen Geheimdienst. Ich muss schon aufpassen und bin wieder vermehrt mit der Polizei in Kontakt.

Warum greift der Iran wieder auf diese Mittel zurück?
Das Regime hat Angst. Die Opposition wächst – im Inland wie im Ausland. Auch ich gebe viele Interviews in Persisch, Kurdisch, Türkisch, Deutsch . . .

Von Ihnen erscheinen Interviews im Iran?
Ja. Aber nur von Radio- und TV-Kanälen, die aus dem Ausland senden. Im Staatssender komme ich zwar auch vor, aber eher negativ. (lacht) Dort bin ich eine «Terroristin». Am meisten mache ich über Telegram.

Den verschlüsselten Social-Media-Dienst?
Das ist grossartig! Schauen Sie, diesen letzten Post von mir haben im Iran schon 280'000 Menschen gesehen. Und diesen Post noch mehr.

Sie erreichen 350'000 Menschen mit einer kleinen Textnachricht?
Ja, alle sind verrückt nach Informationen aus dem Ausland. Und am meisten läuft über Telegram – weil das Regime den Dienst nicht kontrollieren kann. Hier, die Menschen schreiben mir zurück und machen sogar Witze.

Witze über das Regime?
Ja, das wäre früher unmöglich gewesen. Wenn Khomeini das wüsste! Digitalisierung und soziale Medien haben den Iran in eine Moderne katapultiert, mit der die Mullahs nicht mehr zurechtkommen.

Was soll der Westen machen: Druck ausüben oder auf das ­Regime zugehen?
Auch wenn Donald Trump sich sicher nicht als Kämpfer für die Sache der Frauen eignet, spricht er zumindest Klartext. Die verklemmten Europäer hingegen hofieren den Iran. Der Westen muss den Druck aufrecht erhalten – sollte sich aber nicht direkt einmischen. Der Regimewechsel muss von den Iranern selber kommen.

Was würden Sie machen, wenn Sie zurück in die Heimat könnten?
Ich habe meine Familie und meine Freunde seit 40 Jahren nicht gesehen. Der Flug von hier dauert nur fünf Stunden. Sobald das Regime weg ist, bleibe ich keinen Tag länger, das können Sie glauben.

*Dieses Interview erschien am 10. Februar 2019 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.02.2019, 12:04 Uhr

Die Freiheitskämpferin

Mina Ahadi kämpft für Menschenrechte und gegen den politischen Islam. Im Jahr 2000 gründete sie das Internationale Komitee gegen Steinigung, das sich zu einem Netzwerk von rund 200 Organisationen entwickelte. 2007 rief sie den Zentralrat der Ex-Muslime ins Leben, dessen Vorsitzende sie ist. Die 62-jährige Ahadi redet an Veranstaltungen und Universitäten, sie engagiert sich in der Sexualaufklärung und hält über Telegram auch Vorträge im Iran. Am Montag tritt sie bei der UNO in Genf auf.

Artikel zum Thema

Das Regime feiert, das Volk geht auf die Strasse

Analyse Die iranische Führung ist davon überzeugt, dass der Gottesstaat gottgewollt sei. Die Iraner sehen das aber immer weniger so, vor allem wenn sie nach der Islamischen Revolution geboren wurden. Mehr...

Proteste im Iran fordern weitere Opfer

Video In vielen Teilen Irans ist es zu teils heftigen Demonstrationen gegen die Regierung gekommen. Mehr...

Schleierlose Freiheit im Iran

Immer mehr iranische Frauen widersetzen sich der Kopftuchpflicht. Das Regime will hart durchgreifen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Trägt ein aufwändiges Kostüm: Ein maskierter Mann posiert bei einer Kundgebung des senegalesischen Präsidenten in Dakar für Fotografen. (21. Februar 2019)
(Bild: MICHELE CATTANI) Mehr...