Streit um Apu

Ein Lehrstück über die aktuelle Rassismus-Debatte.

Betreibt den Einkaufsladen Kwik-E-Mart: die Simpsons-Figur Apu Nahasapeemapetilon.

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Die einen sagen Karl Marx oder Michail Gorbatschow. Für andere ist es Steve Jobs oder Bill Gates. Dabei ist die Antwort auf die Frage, wer die Welt am meisten verändert hat, zumindest mit Blick auf die letzten dreissig Jahre sonnenklar: Niemand hat mehr Menschen erreicht, die besseren Geschichten erzählt und dadurch einen grösseren Einfluss ausgeübt als Matt Groening mit seiner TV-Serie «The Simpsons».

Jeden Tag verfolgen weltweit Abermillionen Zuschauer über alle kulturellen Gräben hinweg eines der mittlerweile über 600 Abenteuer der verrückten gelben Familie aus Springfield. Nichts und niemand ist vor den Produzenten der Serie sicher: Ohne wirklich böse zu sein, machen sie sich lustig über Katholiken und Protestanten, Hindus und Buddhisten, Demokraten und Republikaner, über Deutsche, Franzosen, Schotten oder Japaner. Kaum landet ein Thema auf der gesellschaftspolitischen Agenda, wird es von den Simpsons persifliert. Selbstironisch, liebenswürdig und immer mit einem Happy End. Genauso, wie man es sich im wahren Leben auch wünschen würde.

Umso grösser war das Erstaunen, als die ­Simpsons kürzlich unter Beschuss gerieten. Die Figur des indischen Ladenbesitzers Apu Nahasapeemapetilon soll rassistisch sein, behauptete der ­indische Comedian Hari Kondabolu in seinem Dokfilm «The Problem with Apu». Die «New York Times» meinte ebenfalls, die Serie würde sich damit «über eine Minderheit lustig machen, um eine Mehrheit zu unterhalten». Kritisiert wird nicht nur das Stereotyp des indischen Immigranten, der einen unaufgeräumten 24-Stunden-Shop führt, es mit dem Ablaufdatum der Ess­waren nicht so genau nimmt, in einer arrangierten Ehe mit acht Kindern lebt und alles andere als akzentfrei spricht. Unerhört sei vor allem, dass diese Stimme ausgerechnet von einem weissen Schauspieler gesprochen werde – es sich dabei also um eine ­kulturelle Aneignung handle, was eindeutig rassistisch sei.

Sprecher sieht sich zu einer Entschuldigung genötigt

Bald wurde der Shitstorm so gross, dass sich Hank Azaria, Apus Stimme, zu einer Entschuldigung genötigt sah: Es mache ihn traurig, wenn sich jemand wegen Apu benachteiligt fühle. Das sei nie seine Absicht gewesen. Und er würde seinen Job sofort aufgeben, wenn dies zur Lösung des Konflikts beitragen würde. Leider vergass der offenbar nicht mit dem stärksten Rückgrat ausgestattete Schauspieler zu erwähnen, dass auch alle anderen Figuren der Simpsons auf Stereotypen basieren, dass solche Vereinfachungen elementar sind für eine Cartoonserie. Und dass der grösste Depp im gelben Universum kein Ausländer, sondern Hauptfigur Homer ist: eine Karikatur des tumben, verfressenen, faulen US-Mittelständlers, dem Schweinekoteletts und Bier wichtiger sind als die eigenen Kinder.

Und so drehte die Debatte stetig weiter mit all jenen üblichen Verdächtigen, die sich als besonders frömmlerisch und tugendhaft erweisen wollen, sobald sich irgendwo auch nur ein Hauch von politischer Unkorrektheit andeutet. Der Streit um Apu ist zu einem Lehrstück über die aktuelle ­Rassismusdebatte geworden, in der sich alles nur noch um angeblich diskriminierte Identitäten, böse Hierarchien und falsche Privilegien dreht.

Bis zur Überraschung aller Matt Groening selber das Wort ergriff und – heutzutage noch überraschender – überhaupt keine Lust zeigte, sich zu entschuldigen. Er sei sehr stolz auf die Serie, sagte Groening. Um dann die Sache mit einer Gelassenheit zusammenzufassen, die man sich häufiger wünschte: «Wir leben in Zeiten, in denen Leute es lieben, so zu tun, als seien sie beleidigt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2018, 19:27 Uhr

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