Streit um Notrufe wegen vergifteter Tiere

Das Schweizer Gift-Telefon war für Tierärzte bisher gratis – jetzt sollen sie 110 Franken pro Anruf zahlen.

Ist Yucca fürs Büsi giftig? Der Rat von Tox Info Suisse ist teuer. Foto: Keystone

Ist Yucca fürs Büsi giftig? Der Rat von Tox Info Suisse ist teuer. Foto: Keystone

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Die Englische Bulldogge, nicht gerade für ihre Schnelligkeit bekannt, schien stolz auf den Fang. Der Besitzer hingegen war besorgt. Denn sein Hund hatte ausgerechnet nach einem Feuersalamander geschnappt. Das Tier sieht giftig aus. Aber wie gefährlich ist es für einen Hund? Mehrere Tierärzte wussten darauf keine eindeutige Antwort. Schliesslich wählten sie die Nummer 145, um Rat bei Tox Info Suisse einzuholen.

2180 Anfragen zu Tieren erhielt die Anlaufstelle für Vergiftungen im letzten Jahr. Ein Höchstwert und 62 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Meist geht es um Hunde, dahinter folgen Katzen, dann Pferde sowie Ponys.

Bei rund der Hälfte dieser Fälle greifen nicht Halter zum Hörer, sondern die behandelnden Tierärzte. «Sie sind in der Regel nicht spezifisch in Toxikologie ausgebildet und gerade in komplexen Fällen auf die Beratung eines Spezialisten angewiesen», sagt Hugo Kupferschmidt, Direktor von Tox Info. Nicht selten geht es um lebensrettende Informationen.

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Bisher konnten Tierärzte gratis anrufen. Seit Anfang April ist damit Schluss. 110 Franken verlangt die Anlaufstelle neu pro Beratung. Grund für den massiven Aufschlag ist das Finanzierungsmodell. Die Stiftung Tox Info erhält zwar über 1,3 Millionen Franken im Jahr von den Kantonen. Aber dieses Geld ist zweckgebunden und dient nur dazu, dass Bürger selbst unentgeltliche Auskünfte zu Vergiftungen einholen können.

Daneben bestehen weitere Leistungsvereinbarungen. So zahlt zum Beispiel Pharmasuisse einen Beitrag, um Apothekern kostenlose Unterstützung zu ermöglichen. Oder der Verband H+, damit Spitalärzte gratis beraten werden. «Anfragen von Tierärzten bezahlten wir bisher aus dem eigenen Hosensack», sagt Kupferschmidt. «Von den verschiedenen anderen Beiträgen und auch von den Spenden an unsere Stiftung blieb bisher genug dafür übrig.»

Doch in den letzten zehn Jahren hat der Druck zu stark zugenommen. 2008 gingen bei Tox Info gut 33'000 Anfragen ein. Im vergangenen Jahr waren es über 41'000. Gleichzeitig haben verschiedene Geldgeber ihre Beiträge gekürzt. So etwa Scienceindustries, der Verband der Unternehmen aus Chemie, Pharma und Life Sciences. Einst schoss er jährlich 315'000 Franken ein, jetzt noch knapp die Hälfte. Der Schweizerische Versicherungsverband wiederum strich Zahlungen von 161'000 Franken pro Jahr.

Auch Heime sollen zur Kasse gebeten werden

Tox Info wollte nun neu die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) in die Verantwortung nehmen und zu Beiträgen verpflichten. Doch der Deal scheiterte. «Wir erachten es nicht als Aufgabe eines Berufsverbands, eine Auskunftsstelle für Anwendungen und damit einen Bestandteil von Behandlungen bei Tieren zu finanzieren», sagt Geschäftsführer Peter Glauser. Es gehe um fast 1000 Anfragen im Jahr zu je 110 Franken. «Diese von Tox Info geforderten 100'000 Franken übersteigen die finanziellen Möglichkeiten der GST beträchtlich.» Glauser fordert «eine gleiche Dienstleistung für die Tiermedizin wie für die Humanmedizin».

Tatsächlich könnten die hohen Kosten dazu führen, dass sich Tierärzte im Zweifel weniger melden. Dessen ist man sich auch bei Tox Info bewusst. «Natürlich nutzt man eine Leistung eher, wenn sie gratis ist», sagt Direktor Kupferschmidt. «Aber bei der aktuellen Finanzierungssituation sind wir gezwungen, auch Geld von Nutzern zu verlangen, die bisher nichts bezahlten.» Das trifft nicht nur auf Tierärzte zu. In den letzten Jahren verzeichne die Anlaufstelle auch vermehrt Anfragen durch Personal von Alters- oder auch Jugendheimen. «Auch diese Leistungen haben wir bisher gratis angeboten», sagt Kupferschmidt. «Wir sind mit dem Verband der Heime im Gespräch, um dies zu ändern.»



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Erstellt: 04.05.2019, 20:25 Uhr

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