Depression: Die Stromtherapie kehrt zurück

Wenn bei Schwermut nichts mehr hilft, legen Ärzte neuerdings wieder Elektroden an den Kopf der Patienten. Das Comeback hat gute Gründe.

Elektrokrampftherapie im Jahr 1956: Bücher, Filme und Musik trugen zum schlechten Image der Methode bei. Foto: Getty Images

Elektrokrampftherapie im Jahr 1956: Bücher, Filme und Musik trugen zum schlechten Image der Methode bei. Foto: Getty Images

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Es ist 8.56 Uhr, als der Anästhesiepfleger der 71 Jahre alten Frau Propofol und Succinylcholin in ihre Venen spritzt, ein Narkosemittel und ein Muskelrelaxans. Zwei Minuten später wird ihr Körper erschlaffen. «60», sagt der Anästhesiepfleger in der Mainzer Psychiatrie nach einer Minute, und zählt runter: «40», «15». Es ist kurz vor 9 Uhr, als er «wir dürfen» sagt, der Assistenzarzt eine Hand-Elek­trode an den Hinterkopf der Frau hält und auf «Treat» drückt. 602,8 Millicoulomb schiessen ihr ins Gehirn, Milliarden Neuronen richten ihren Takt auf den Wechselstrom aus, feuern gleichzeitig. Die 71-Jährige bekommt einen Krampfanfall.

Die Patientin, nennen wir sie Käthe Meier, leidet an einer «rezidivierenden depressiven Störung mit gegenwärtiger schwerer Episode». Die Krankheit kommt, da ist Käthe Meier Ende 20 und zieht als Hausfrau gerade ihren Sohn gross. «Ich hatte keinen Appetit, ich wollte nichts machen, ich konnte nicht mal ein Buch lesen», erinnert sie sich. Jahre vergehen, Meier arbeitet mal hier, mal dort. Doch immer kehrt die Depression zurück, bleibt für Wochen oder Monate. Ihr hilft keine Therapie, und Meier verlässt die Psychiatrie stets mit der Gewissheit, in ein paar Monaten oder Jahren wieder vor der Pforte zu stehen.

Gruselgeschichten aus den Anfängen der Psychiatrie

Doch es kommt anders. Von einer Bekannten erfährt sie von der Elektrokrampftherapie, kurz EKT. Sie entschliesst sich für die Behandlung; im Februar 2018 wird Meiers Gehirn in der Mainzer Psychiatrie das erste Mal unter Strom gesetzt. «Beim ersten Mal war ich nicht so gelassen», sagt Meier. «Da fragt man sich schon: Und was, wenn ich danach mit einem schiefen Gesicht aufwache?»

Tatsächlich ist die Vorstellung einer Stromtherapie am Gehirn für viele Patienten eine grausame Vorstellung, gespeist durch allerlei Gruselgeschichten aus den Anfängen der Psychiatrie. 1938 erproben zwei Psychiater in Rom die weltweit erste Behandlung – ein voller Erfolg. Schnell erlangt die EKT weltweite Anerkennung. Ärzte belegen in zahlreichen Studien deren Wirksamkeit und setzen das Verfahren immer häufiger bei Schizophrenen, Depressiven oder Manikern ein. Für die Patienten ist die Behandlung in den Anfangsjahren allerdings äusserst unangenehm, denn zunächst wird sie ohne muskelentspannende Mittel durchgeführt. Die Körper der Behandelten verkrampfen so stark, dass nicht selten Wirbel brechen. Bis Muskelrelaxanzien und Narkosemittel zum Standard werden, vergehen ein bis zwei Jahrzehnte.

Der Einfluss von «Einer flog über das Kuckucksnest»

Doch das schlechte Image kommt auch von zahlreichen Missbrauchsfällen in der Nachkriegszeit. Besonders in den USA setzen Ärzte die EKT ein, um unliebsame Patienten ruhigzustellen oder damals als krank angesehene Homosexuelle heilen zu wollen. Auch deshalb flammt gegen Ende der 1960er-Jahre eine Anti-Psychiatrie-Bewegung auf, die teilweise sogar die Existenz psychischer Störungen infrage stellt.

Die Kritik an der EKT erreicht die breite Öffentlichkeit über Bücher, Filme und Musik. Ernest Hemingway, dessen Depression auch per EKT behandelt wurde, schrieb: «Operation gelungen, Patient tot.» Wenig später nimmt er sich das Leben. Den wohl grössten Einfluss hat aber der 1975 erschienene und oscarprämierte Film «Einer flog über das ­Kuckucksnest», in dem Jack Nicholson als widerspenstiger Psychiatriepatient zur Strafe mit der EKT malträtiert wird. In dem Film sieht man, wie Nicholson an ein Bett gefesselt wird und dort herumzappelt.

Das nunmehr katastrophale Image der EKT führt dazu, dass zahlreiche Kliniken die Behandlung nicht mehr anbieten. Es dauert Jahrzehnte, bis die EKT in die Spitäler zurückkommt. Zum schlechten Bild trage auch heute noch bei, dass schwere und chronische psychische Erkrankungen im Alltag der Normalbevölkerung kaum vorkämen, sagt Michael Grözinger von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN). Eine EKT erscheine daher als eine inadäquate Behandlung. «Zudem ist den meisten Menschen die Vorstellung fremd, dass psychische Erkrankungen somatische Ursachen haben könnten», sagt Grözinger.

«Das war das schönste Geschenk in meinem Leben. Ich war wieder froh.»Patientin Käthe Meier

So bestimmen weiterhin Vorurteile und Unwissenheit das Bild der EKT – selbst unter Medizinern. Die Leiterin der Mainzer Psychiatrie, die Oberärztin Sarah Kayser, erinnert sich, wie bei einer ihrer ersten Therapien plötzlich jemand gerufen habe: «Alle weg vom Tisch!» – «Ich stand da und dachte mir: ‹Was passiert denn hier gerade?›» Gefahr durch starken Strom gibt es bei der EKT indes nicht.

Immerhin scheinen sich die Vorurteile langsam zu lösen. Heute erhalten deutlich mehr Patienten eine EKT als noch 2010. Gemäss Hochrechnungen von Annette Brühl, der Leiterin des Zentrums für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK), liegt die Gesamtzahl der EKT-Behandlungen schweizweit bei gut 4000 pro Jahr. 2010 waren es noch halb so viel, im Jahr 2000 noch viel weniger.

Das Comeback der EKT hat gute Gründe. Denn die Therapie zeigt eine der höchsten Effektstärken, die es in der Psychiatrie gibt. Zwischen 50 und 90 Prozent jener Patienten, denen wie Käthe Meier weder Psychotherapie noch Antidepressiva helfen, sprechen auf die EKT an. In Deutschland bewerten Experten das Verfahren daher mit dem höchsten Empfehlungsgrad.

Nach 45 Sekunden ist der Anfall vorbei, der Puls fällt

Doch selbst die «bestmögliche Behandlung» kann Nebenwirkungen auslösen. So können Blutdruck und Puls ansteigen, weshalb das Verfahren für kreislaufinstabile Patienten wenig geeignet ist. Manche Patienten klagen zudem über Kopfschmerzen und Muskelkater, besonders nach den ersten Sitzungen. «Ganz normal ist auch, dass es unmittelbar nach der Behandlung zu Gedächtnisstörungen kommt», sagt Sarah Kayser, «aber die dauern nicht lange an.» Grundsätzlich gelte: Wer eine Narkose verträgt, verträgt auch die EKT. Selbst bei Kindern, Schwangeren oder Menschen mit Herzschrittmacher könne man sie einsetzen. Oder eben bei Älteren wie Käthe Meier.

Hilfe ist gefragt, wenn Menschen nicht mehr ein und aus wissen. Keystone

Etwa zehn Minuten bevor der Strom fliesst, schieben die beiden Pfleger Käthe Meier aus Station 4 heraus, die Ärzte warten bereits auf sie. Binnen wenigen Minuten schliessen sie Kabel um Kabel an Meiers Körper an, kleben ihr die Elektrode auf ihre rechte Schläfe und stülpen ihr eine Beatmungsmaske über. «Dann gute Nacht und bis später», sagt der Pfleger und zählt den Countdown.

Als der Strom fliesst, zuckt Meiers Mund zusammen, als würde sie mit aller Kraft die Zähne zusammenbeissen. Ihr linker Unterarm schnellt zur Brust, die Finger sind zu einer Klaue gekrampft. Mit einer aufgepumpten Blutdruckmanschette haben die Ärzte den Blutfluss gestaut und verhindern damit, dass das Muskelrelaxans in Meiers Arm fliesst und ihn lähmt. So sehen sie, dass der Strom auch tatsächlich einen Anfall auslöst.

Was genau im Gehirn passiert ist, darüber weiss man heute fast genauso wenig wie vor 80 Jahren.

Genau 7,6 Sekunden lang verharrt Meier in voller Anspannung, bis der Stromfluss stoppt und der eigentliche Krampfanfall beginnt. Ihr Kopf sackt auf die Schultern, der linke Unterarm beginnt zu zittern. Nach weiteren 45 Sekunden ist der Anfall vorbei, der Puls fällt auf 50 Schläge in der Minute. Die Uhr über der Tür ist noch nicht auf 9 Uhr gesprungen, da lösen Ärzte und Pfleger schon die ersten Kabel von Meiers Körper.

Was nun genau in ihrem Gehirn passiert ist, darüber weiss man heute fast genauso wenig wie vor 80 Jahren. Ein paar Hypothesen gibt es, etwa die, dass durch den Krampfanfall Zellen vermehrt antidepressiv wirkende Hormone wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin ausschütten. Oder, das ist die aktuellere Theorie, dass der Anfall dazu führt, dass vermehrt Nervenwachstumsfaktoren gebildet werden und neue Zellen oder Synapsen entstehen.

Appetit, Konzentration und Antrieb kehren zurück

Ein Grossteil der Forschung konzentriert sich derzeit allerdings eher auf die Frage, wie genau und mit wie vielen Wiederholungen die Behandlung den grössten Erfolg bringt – und welche Patienten überhaupt profitieren. Bei Käthe Meier kehrten nach der fünften Sitzung Appetit, Konzentration und Antrieb zurück. «Das zu fühlen», sagt sie, «war das schönste Geschenk in meinem ganzen Leben. Ich war wieder froh.»

Fünf Minuten nach dem Anfall schlägt Käthe Meier die Augen auf. «Hallo Frau Meier, wie geht es ­Ihnen?», fragt der Anästhesist. Sie murmelt etwas, schaut mal ­hier-, mal dorthin, die Augen suchen, aber finden nichts. «Haben Sie schön geträumt?» Keine Antwort. Zwei Pfleger schieben sie zurück auf Station 4.

Nach etwa einer Stunde setzt Käthe Meiers Gedächtnis wieder ein. Sie sitzt auf der Bettkante und wackelt mit den Füssen, die weissen Haare zerzaust, auf Fragen antwortet sie leicht verzögert. Wie es ihr gehe? «Danke, ganz gut.» Wie sie die EKT erlebt habe? «Ich kriege da gar nichts mit.» Ob sie Schmerzen gespürt habe? Sie überlegt kurz, dann erinnert sie sich: «Beim Blutabnehmen, da haben die zweimal probiert und erst dann die Vene getroffen.»



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Erstellt: 07.05.2019, 21:29 Uhr

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