SVP crasht Oscar-Party

Ein Dokfilm über eine Imkerin wurde mit Geld aus dem Schweizer Entwicklungshilfe-Budget unterstützt – Politiker sind verärgert.

Das Aussendepartement von Iganzio Cassis hat ganz nebenbei einen Oscar-Kandidaten finanziert und wird jetzt kritisiert. Iganzio Cassis am WEF. Foto: Alessandro Della Valle (Keystone)

Das Aussendepartement von Iganzio Cassis hat ganz nebenbei einen Oscar-Kandidaten finanziert und wird jetzt kritisiert. Iganzio Cassis am WEF. Foto: Alessandro Della Valle (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist fast wie bei einer ­Party, wenn plötzlich die Polizei auftaucht. Die Beamten im Aussendepartement sind in ­Festlaune. Grund dafür ist der Dokumentarfilm «Honeyland», der für zwei Oscars nominiert ist. Der Film handelt von einer ­Imkerin in Nordmazedonien, die im Rahmen eines Naturschutzprogramms der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) des Bundes­ entdeckt wurde. «Wir freuen uns sehr über diese Nominierungen», sagt Ruth Huber, Chefin des ­Bereichs Ostzusammenarbeit.

Doch jetzt platzen Politiker in die Oscar-Party herein. Der von einer lokalen Crew gedrehte Film ­wurde mit Geld aus dem Schweizer ­Entwicklungshilfe-Budget unterstützt. Genau genommen sind es 57'000 Franken, bestätigt das Aussendepartement EDA. Das sorgt bei Bürgerlichen für Ärger.

«Es ist nicht Aufgabe der Deza, Filmprojekte zu finanzieren», sagt SVP-Nationalrat Andreas Glarner. «Das hat nichts mit Entwicklungshilfe zu tun.» Erst einmal müsse den Ärmsten auf der Welt ­geholfen werden. Sie hätten es am ­nötigsten. «Mir geht es nahe, wenn jeden Tag in Burkina Faso Kinder an ­Hunger sterben.» Nordmazedonien hingegen sei kein Krisen- oder Katastrophengebiet.

Der Aargauer SVP-Nationalrat Andreas Glarner ist verärgert, dass Geld für Filme statt für hungernde Kinder eingesetzt wird. Foto: Keystone/Anthoney Anex

Selbst aus der Partei von Aussenminister Ignazio Cassis gibts einen Rüffel. «Das ist internationale Filmförderung und nicht Entwicklungshilfe», sagt FDP-Ständerat Andrea Caroni. Hier ­zeige sich, wie die Gelder an ­Orten versickerten, wo sie gar nicht hingehörten. Nebst der Not- und Katastrophenhilfe solle sich die Schweiz prioritär auf die institutionelle Entwicklungshilfe fokussieren. Der Aufbau demokratischer Strukturen bringe den Ländern Wohlstand. «Filme über Imkerinnen sind Geldverschwendung.»

Glarner will Deza-Projekte vor Ort selber begutachten

Für den Bund kommt die Kritik in einem ungünstigen Moment. Bald diskutiert das Parlament die ­künftige Ausrichtung der Entwicklungshilfe. Korrekturen sind ­absehbar. Solche Beispiele ­könnten dafür sorgen, dass diese weiter gehen als bisher geplant.

Gemäss EDA stiessen Biologen bei der Kartierung von Ökosystemen auf die Imkerin. Sie lebt im Gleichgewicht mit der Natur, ­indem sie nur die Hälfte des ­Honigs beansprucht und den Rest den Bienen überlässt. Das Filmteam, das die Kartierungsarbeiten begleitete, erstellte zuerst einen Kurzbeitrag über die Imkerin und erkannte dabei, dass die Story Potenzial für einen Dokfilm hat.

Video: «Honeyland» Trailer Quelle: Youtube

Das EDA verteidigt zudem das Naturschutzprogramm in Nordmazedonien, das insgesamt 8 Millionen Franken kostet. «Solche ­Programme helfen, neue Perspektiven für die lokale Bevölkerung vor Ort zu schaffen, und ­reduzieren damit auch den wirtschaftlichen Druck zur Migration in die Städte oder ins Ausland.»

SVP-Mann Glarner kündigt derweil an, er werde im Sommer «fragwürdige Deza-Projekte» vor Ort anschauen. «Ich will ­entlarven, wie Steuergelder zum Fenster ­hinausgeworfen werden.» So schnell werden die «Polizisten» die Deza-Party also nicht verlassen.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 25.01.2020, 20:36 Uhr

Artikel zum Thema

«Joker» geht als Favorit ins Oscar-Rennen

Der Film von Todd Phillips führt die Liste der Oscar-Nominationen an. Von Gleichberechtigung ist man bei der Akademie aber noch weit entfernt. Mehr...

Schweiz unterstützt Projekte in Eritrea mit 6 Millionen Franken

Junge Eritreer sollen einen besseren Zugang zu Bildung erhalten und so eher in der Heimat bleiben. Für das EDA ist dies im Interesse der Schweiz. Mehr...

SVP greift die Entwicklungshilfe an

Eine neue Volksinitiative soll 1 Milliarde Franken zur AHV verschieben – doch diese könnte für ungültig erklärt werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...