Swiss bittet Economy-Passagiere für Essen an Bord zur Kasse

Die Airline führt ab Genf ein neues Verpflegungskonzept ein. Die Lufthansa-Tochter will Kunden vermehrt zur Kasse bitten.

Fliegen bei Wasser und Schokolade: Wer in der Swiss-Holzklasse ab Genf mehr will, muss zahlen. Foto: Keystone

Fliegen bei Wasser und Schokolade: Wer in der Swiss-Holzklasse ab Genf mehr will, muss zahlen. Foto: Keystone

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Freibier, kostenloser Wein und Sandwiches – sie sind für Economy-Passagiere, die mit der Swiss auf Europaflügen ab Genf unterwegs sind, bald Vergangenheit. Denn die Lufthansa-Tochter führt noch diesen Frühling ein neues Verpflegungskonzept ab der Westschweizer Metropole ein und will Kunden vermehrt zur Kasse bitten.

Passagiere in der Holzklasse mit dem tiefsten Handgepäcktarif Light sollen künftig nur noch Wasser und Schoggi gratis ausgehändigt bekommen, wie es in gut informierten Kreisen heisst. Economy-Gäste mit Classic-Tarif (mit Koffer) oder Flextarif (Umbuchung ohne Gebühr) sollen dazu voraussichtlich noch einen Snack wie Nüssli oder Schoggiriegel erhalten. Sandwiches, ­weiteres Essen und Getränke sollen kostenpflichtig werden. Passagiere können in verschiedenen Währungen und mit Karte zahlen.

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Zwar beschränkt sich das Konzept zunächst auf Genf. Innerhalb der Lufthansa prüft aber eine Arbeitsgruppe, ob es im Europaverkehr auf die Premium-Airlines – sprich Lufthansa, AUA und den Rest der Swiss – ausgeweitet werden kann. Falls es so weit kommt, würde es auch auf Flügen ab ­Zürich umgesetzt. Die Swiss will sich nicht äussern, sie verweist auf eine ­Medienkonferenz am Donnerstag. Neben den Jahreszahlen würden auch Entwicklungen in Genf ­behandelt, sagt eine Sprecherin. Hinter den Kulissen werkelt die Fluglinie schon lange an dem Thema. Chef Thomas Klühr hatte im Sommer eingeräumt, dass die Airline Alternativen bei der Verpflegung ab Genf prüft.


Bilder: Pöbelnde Passagiere sind zunehmend ein Problem


Der Kabinenpersonalverband Kapers ist skeptisch. «Grundsätzlich sind wir nicht gegen kostenpflichtige Verpflegung», sagt ­Präsident Denny Manimanakis. Allerdings befürchtet er einen deutlichen Mehraufwand, wenn Flugbegleiter die Economy-Gäste unterschiedlich bedienen und ­sowohl Gratissnacks als auch bezahltes Essen ausgeben müssen.

Doch der Vorstoss entspricht dem Branchentrend. Auch renommierte Gesellschaften wie British Airways verlangen auf kurzen Strecken mittlerweile Geld für Essen an Bord. Früher oder später würden auch Fluglinien wie Luft­hansa und Air France nachziehen, sagt der Chef der deutschen Ferienfluggesellschaft Condor, Ralf Teckentrup, der lange Jahre im Lufthansa-Management tätig war. «Das ist mittlerweile das Marktniveau in Europa. Schon allein, damit man im Wettbewerb um die Passagiere preislich mithalten kann, braucht es Tarife ohne Verpflegung.»

Die Swiss ist in Genf fast in den schwarzen Zahlen

Dass die Swiss das Konzept in Genf einführt, ist kein Zufall. Genf gilt als Versuchslabor. Die Airline lancierte dort Handgepäck- und One-Way-Tarife für die Europastrecken. Diese Konzepte wurden später auf die ganze Fluglinie ausgeweitet. In Genf ist die Swiss in Konkurrenz mit dem Billigflieger ­Easyjet, der dort einen Marktanteil von über 40 Prozent hält – und keine Gratisverpflegung anbietet.

Ausserdem muss die Swiss in Genf sparen. Nachdem sie am Standort jährlich Verluste in Höhe von 30 Millionen Franken einfuhr, machte die Lufthansa 2016 Druck und schickte die konzerneigene Billigairline Eurowings ins Rennen, um einen Businessplan für Genf zu erarbeiten. Damit drohte der Swiss der Verlust des Standorts. Swiss-Chef Thomas Klühr muss bis Ende 2018 eine schwarze Null erreichen. Seine Mass­nahmen: Das Netzwerk wurde ausgedünnt, die neuen, effizienten ­C-Series-Maschinen von Bombardier sparen im Vergleich zu ihren Vorgängern, den Jumbolinos, kräftig Sprit, und die Airline sucht nach Zusatzeinnahmen.

Nun hat sich die Lage zugunsten der Swiss verändert. Eurowings ist nach der Übernahme grosser Teile der Air Berlin mit der Integration des Unternehmens beschäftigt und zeigt wenig Interesse an Genf. Die Swiss macht dort hingegen Fortschritte. Dem Vernehmen nach hat sie bereits vergangenes Jahr fast ein ausgeglichenes ­Ergebnis erreicht. Auch Klühr räumt gegenüber der Sonntags­Zeitung ein, Genf habe sich über den Erwartungen entwickelt. «Ich gehe stark davon aus, dass wir das Ziel, 2018 schwarze Zahlen in Genf zu schreiben, erreichen.» Damit dürfe die Swiss ihre Basis in Genf wohl behalten, sagt Klühr.

Präzisierung: Nach der Publikation dieses Artikels hat die Swiss Stellung genommen. Der Snack für den Classic- und den Flextarif werde aus lokalen Produkten bestehen und frisch zubereitet. Zudem gebe es keine Pläne, das Konzept auf Flügen von und nach Zürich einzuführen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.03.2018, 19:06 Uhr

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