Swisscom blockt Anrufe renommierter Marktforscher

Meinungsforschungsinstitute sind erbost: Die Swisscom setzt sie auf die schwarze Liste unseriöser Anrufer und verhindert repräsentative Umfragen.

Callfilter: Bei den Abonnenten ist die Sperrfunktion beliebt. Foto: Getty Images

Callfilter: Bei den Abonnenten ist die Sperrfunktion beliebt. Foto: Getty Images

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Was Swisscom-Kunden seit gut einem Jahr viel Ärger erspart, treibt Meinungsforscher auf die Barrikaden: der Callfilter. Abonnenten, die ihn aktivieren, werden nicht mehr belästigt von unseriösen Werbeanrufen. Die Swisscom verspricht, dass das System solche erkennt und blockiert.

Die Swisscom sperrt aber auch Nummern renommierter Meinungsforschungsinstitute. Betroffen sind etwa Demoscope und das vom Politologen Claude Longchamp gegründete GFS Bern. Die Swisscom behandle die Institute wie dubiose Telefonverkäufer und setze sie auf die schwarze Liste der blockierten Nummern, klagt die Branche. «Wir sind vom Callfilter betroffen», bestätigt Stefan Klug von Demoscope. Für Auftraggeber, die das grösste Schweizer Marktforschungsinstitut für hochstehende wissenschaftliche Umfragen einsetzen, sei das ein ernsthaftes Problem. «Wenn wir Swisscom-Kunden weniger gut erreichen, ergibt sich in Umfragen ein systematischer Fehler», so Klug. «Denn Swisscom-Kunden bilden eine spezifische Personengruppe.» So sei etwa der Anteil Besserverdienender bei der Swisscom wohl höher als bei anderen Anbietern. Folge davon laut Klug: «verzerrte Umfrageergebnisse».

Der Verband Schweizer Markt- und Sozialforschung legte bei der Swisscom Protest ein. Es sei ein «riesiges Problem», sagt Präsidentin Susan Shawn, «wenn die Filter bei einem Institut greifen, obwohl es die Verbandsregeln einhält.» Die Swisscom müsse «sicherstellen, dass keine seriösen Forschungs­institute auf der schwarzen Liste landen». Der Konzern zeige sich zwar gesprächsbereit, eine Einigung sei aber nicht erreicht.Der Streit wird nun zum Politikum. Grünen-Nationalrätin Sibel Arslan will vom Bundesrat wissen, wie er den «unhaltbaren Zustand» unterbinden will. Sie betont, dass sie den Filter sehr gut finde. Es sei aber «völlig unverständlich», dass der grösste Schweizer Telefonanbieter anerkannte Forscher blockiere.

Anrufe sind nur bis 21 Uhr gestattet

Die Swisscom sieht kaum ein Problem: Institute, die sich an die Richtlinien des Branchenverbandes hielten, würden nicht auf die schwarze Liste gesetzt. Gemäss den Richtlinien seien Anrufe nach 21 Uhr verboten. Swisscom-Sprecher Armin Schädeli sagt etwas ausweichend: «Uns sind keine Fälle bekannt, bei welchen der Callfilter Institute gesperrt hat, die sich an die Richtlinien halten.» Klar sei aber, dass es Kunden gebe, welche mit einem Einzelfilter individuell Nummern von Umfrageinstituten blockierten.

So simpel, wie es die PR-Abteilung der Swisscom darstellt, ist es allerdings bei weitem nicht: Welche Nummern blockiert werden, bestimmt nämlich ein Computergrogramm automatisch nach einem komplexen Algorithmus. In der Software sind über 100 Kriterien definiert, die dazu führen, dass ein Institut auf der schwarzen Liste landet. Die Swisscom hält die Kriterien vor den Meinungsforschern geheim. Die Liste ist dynamisch. Das heisst, die Software definiert laufend neu, welche Nummern auf der «Blacklist» stehen.

Geheime Formel für die schwarze Liste

Für Andreas Schaub, Chef von GFS Zürich, ist klar, dass sein Ins­titut schon gelistet war: «Wir stellen fest, dass wir seit der Einführung der Callfilter viel öfter ins Leere telefonieren. Daraus müssen wir schliessen, dass wir vom Filter betroffen sind.» Dass man nie wisse, ob man gerade blockiert sei oder nicht, mache es noch schlimmer. Denn so sei es nicht einmal möglich, den systematischen Fehler möglicherweise nicht erreichter Swisscom-Kunden behelfsmässig herauszurechnen.

Nur das Bundesamt für Statistik geniesst laut Swisscom einen Sonderstatus. Dessen Umfragen werden von den Filtern privilegiert behandelt. Damit verleihe die Swisscom dem Amt eine Monopolstellung für hochwertige Umfragen. Das sei ein ungerechter Marktvorteil des Staatsbebtriebes, klagen die Meinungsforscher.

Der Callfilter scheint beliebt zu sein: Seit der Einführung Ende 2016 haben ihn 260'000 Festnetzkunden und 120'000 Mobilekunden aktiviert. Es gebe weiterhin grossen Zuwachs, teilt die Swisscom mit. Und: Im zweiten Quartal des laufenden Jahres habe die Swisscom 12 Millionen Anrufe blockiert. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.08.2018, 18:32 Uhr

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