Und täglich grüsst der Drogenhund

Flauschige Tierli, Schneeballschlachten, Frühschichtromantik: So präsentiert sich die Polizei auf Instagram. Wofür eigentlich?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Endlich. Seit drei Wochen sind auch die Berner auf Instagram dabei. Sechs Bilder und ein Video hat die Kantonspolizei bisher gepostet. Man gibt sich bürgernah: als Tierfreund (mit Büsi auf Tastatur), romantisch angehaucht (Sternenhimmel mit Dienstauto), menschlich (Morgenmuffel mit fünf Weckern), aber auch hart im Nehmen (Tauchen im Winter) und vor allem total entspannt (Beamte machen La-Ola-Welle).

Was noch fehlt, wohl aber bald schon zu bestaunen sein wird: Katzenrettung als Fotostory, Polizeiauto im Sonnenuntergang, Diensthunde­galerie, spektakulärer Drogenfund, cooles Werde-Polizist-Video, und wenn gerade nichts Bürgernahes passiert, wünscht deine Freundin, die Polizei, mit einem schönen Bild einfach einen schönen Tag. So jedenfalls machen es all die anderen Kapos und Stapos.

Doch was bringt die digitale Volksberieselung? Die Polizei muss dort sein, wo die Bürger sind, damit sie Prävention betreiben und für Sicherheit sorgen kann, heisst es allgemein als Begründung. Konkret bedeutet dies: Auf Twitter können die Ordnungshüter zum Beispiel zeitnah über Unfälle, Brände oder Diebstähle informieren. Über Facebook lassen sich gut Zeugen suchen oder Fahndungserfolge vermelden. Die meisten ­Sicherheitskräfte haben heute zudem ein Instagram-Profil – Zürich, Basel oder Genf bereits seit einigen Jahren, der Kanton Zug erst seit einem Monat, Bern seit ein paar Wochen. Was aber will eine Behörde auf einer Plattform wie Insta­gram, auf der die Mehrheit der jungen User entweder geschönte Selfies postet oder den perfekten Lifestyle imitiert?

Anbiedernd oder volksnah?

Die Kapo Bern begründet ihr Engagement mit der Nähe zu einem jüngeren Publikum, das sie weder über Facebook noch über Twitter erreicht und das sich nicht mit trockenen Fakten ködern lässt. «Die geteilten Momente und Werte sind immer auch Teil einer Vertrauensbildung», heisst es auf Anfrage. Sprich: Es geht ums Image. Die Posts müssen locker, vor allem aber authentisch wirken, will eine Behörde bei den Jungen punkten, egal, ob als Freund und Helfer oder künftiger Arbeitgeber.

Stolz präsentiert die Stapo Zürich deshalb ihre neuen Motorräder (will heissen: «Bei uns ist Action»), die Kapo Baselstadt zeigt sich bei der Rettung eines unterkühlten Taubenkükens («Wir sind Helden»), die Stapo Winterthur veranstaltet eine Schneeballschlacht («Wir haben Spass») und bewirbt ihren Job mit dem Slogan «Adrenalin auf Arbeitszeit».

Bürger über 30 mögen diese Art von behördlicher Bespassung anbiedernd oder gar überflüssig finden. Aber: «Wenn die Polizei Teenager und junge Erwachsene erreichen will, gehört Unterhaltung mit einer Prise Humor dazu», sagt Michael Wirz, der früher für den Social-Media-Auftritt der Stapo Zürich verantwortlich war und heute bei der Stapo Winterthur Kommunikationschef ist. Der Grat zwischen Infotainment und blamabler Selbstdarstellung ist jedoch schmal.

«Eine Instagram-Modeschau in Uniformen wäre bei uns eher lächerlich», findet Wirz, weil es aufgesetzt wirken würde, wenn Polizisten Models spielten. Ein witziges Selfie bei der Arbeit mit Sanitätern oder Drogenhunde mit Trophäen haben laut Wirz hingegen nichts Peinliches an sich, im Gegenteil: «Solche authentischen Einblicke in die Polizeiarbeit können das Vertrauen festigen.»

Kuppel-Aktion löst Kopfschütteln aus

Dass man sich auf sozialen Medien quasi täglich blamieren kann, bekam kürzlich selbst die digital erprobte Berliner Polizei zu spüren. In einer Instagram-Story machte sie Ende Januar einen «Fahndungsaufruf», der da lautete: «Du warst gestern am U-Bhf Halleschen Tor & hast unseren Kollegen nach dem Weg gefragt? Dein Lächeln hat ihn verzaubert. Wenn du das warst, bitte melde dich.»

Einige Follower fanden die Kuppel-Aktion rührend, vielen ging der Post jedoch zu weit, wie Berliner Medien berichteten. Vor allem auf Twitter hagelte es Spott und Kritik. «Wozu braucht es Tinder, wenn es die Polizei Berlin gibt?», schrieb eine Userin. «Läuft das nicht schon unter Stalking?», fragten sich andere. Und manch einer wünschte sich: Könnte sich die Polizei bitte wieder mehr wie die Polizei verhalten?

Wie das in digitalen Zeiten geht, muss manch ein Korps sicher noch üben. Immerhin: Eines der populärsten Social-Media-Sujets hat die Polizei bereits im Inventar. Genau, den flauschigen Schäferhund.

Erstellt: 03.03.2019, 20:55 Uhr

Artikel zum Thema

Weg von der normierten Schönheit

Interview Professorin Eva Wunderer erklärt, weshalb Instagram oder Sendungen wie Germany's Next Topmodel Essstörungen begünstigen und was dagegen zu tun wäre. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Zum Anbeissen: Dieser Eisfischer in Peking versucht sein Glück mit mehreren Angeln. (7. Dezember 2019)
(Bild: Ma Wenxiao (VCG/Getty Images)) Mehr...