Tausend Tage oder Ein Leben mit Brexit

Fast drei Jahre lang Brexit zum Breakfast. Wer verkraftet das schon? Unser Korrespondent zieht eine persönliche Bilanz.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Tausend Tage waren es am Mittwoch. Aber uns allen kommt es vor, als wäre es gestern gewesen. Die Nacht, in der das Drama begann, wird uns immer vor Augen stehen. Dabei gab es warnende Vorzeichen. Ein paar Umfragen passten nicht ins Bild. Viele von uns hatten das Gefühl, dass man dem Frieden nicht trauen konnte. Ein Strafgericht kündigte sich an. Etwas lag in der Luft.

Uralte Ressentiments gegen «Brüssel», so lange Zeit genährt von so vielen britischen Regierungen, wollten sich Luft verschaffen. David Cameron hatte sich gründlich verkalkuliert. Sechs Jahre Austeritätspolitik hatten weite Teile des Landes gegen «das Establishment» aufgebracht. Und Jeremy Corbyn suchte nicht einmal den Anschein zu erwecken, als sei er an der EU interessiert.

Viele Brexit-Gegner hielten es, in sträflicher Überheblichkeit, nicht für nötig, an die Urnen zu gehen. Dagegen fühlten sich Brexiteers, die ich in den letzten Wochen der Referendumskampagne interviewte, zu jener Zeit von Missionsgeist beseelt und von echtem Aufwind getragen.

Brexit-Gegner stören Farage-Auftritte: Bei den Auftritten des Ex-UKIP-Chefs wurden Videos aus der Vergangenheit des Politikers gezeigt. (Video: Led By Donkeys via Storyful)

Und doch: Nicht einmal die Wortführer des Brexit, Leute wie Boris Johnson oder Nigel Farage, hatten mit diesem Sieg beim EU-Referendum des 23. Juni 2016 gerechnet. Farage hatte sich in jener unvergesslichen Nacht ja sogar voreilig geschlagen gegeben.

Ein paar Wochen zuvor hatte er die Pro-Europäer gewarnt, dass «die Sache mit einem 52-zu-48-Prozent-Resultat keineswegs abgehakt wäre», sondern dass womöglich «ein zweites Referendum» nötig werden könnte – wegen des zu erwartenden «Grolls» bei den Verlierern. Mit den Verlierern meinte er sich selbst und die Brexiteers.

Kurioserweise ergab das Referendum dann auch genau 52 zu 48 Prozent: nur eben zugunsten Farages. Heute mag der frühere Ukip-Führer von seinem Schwur trotzigen Widerstands gegen den «Volkswillen» natürlich nichts mehr wissen. Das Recht, das er damals für sich in Anspruch nahm, billigt er anderen nicht zu.


«Aber alles ­Witzeln verging uns, als wir ­begriffen, was die Stunde geschlagen hatte.»
Peter Nonnenmacher

Wir aber, im Familienkreis, schauten einander ungläubig an, als in den frühen Morgenstunden des 24. Juni klarwurde, wohin die Reise ging – nämlich raus aus der EU. Sohn und Tochter hatte ich am Vortag noch spasseshalber versprochen, dass ich ihnen regelmässig Postkarten schicken würde aus meiner alten Heimat, falls «wir Ausländer» post Brexit in unsere Ursprungsländer zurückgeschickt würden. Einen britischen Pass zu beantragen, war mir nie in den Sinn gekommen. Meine Frau hat als Irin eh unbegrenztes Bleiberecht.

Aber alles Witzeln verging uns, als wir begriffen, was die Stunde geschlagen hatte. Als das Referendumsresultat sich in dieser Nacht in nüchternen Zahlen niederschlug. Als Farage sich korrigierte und seine Landsleute zur «Morgenröte» ihres «Unabhängigkeitstags» beglückwünschte. Als draussen auf der Strasse im Triumph hupende Autos zu hören waren.

Binnen kurzer Zeit kam die ganze Insel ins Schleudern

Und als uns klarwurde, dass weder Farage noch Johnson noch sonst jemand auch nur den blassesten Schimmer einer Ahnung hatte, wohin dieser Brexit führen sollte – und was er bedeuten würde für die Nation.

Der Austrittsbeschluss warf das Vereinigte Königreich vollkommen aus der Bahn. Da keine Pläne vorlagen, eine frisch gewählte Premierministerin alles an sich riss, das Parlament jäh verstummte und alles zerfiel in bitter streitende Fraktionen, kam binnen kurzem die ganze Insel ins Schleudern. Und das war nur der Anfang dieser «neuen Zeit».

Vom Sommer 2016 an dominierte der Brexit buchstäblich unser Leben. Ein Wörtchen, das noch wenige Jahre zuvor gar nicht existierte, bezeichnete mit einem Mal Umbrüche beispielloser Art.

Video: Eine Million Briten demonstrieren gegen den Brexit

In London gab es eine Grosskundgebung gegen den Austritt aus der EU. Video: Reuters

Kaum zu fassen waren das Tempo und die Selbstverständlichkeit, mit der sich so vieles änderte. Plötzlich gab es in Whitehall ein «Brexit-Ministerium» und in Downing Street grandiose Träume von neuer Weltgeltung. Dann wurde klar, dass die Zugbrücken zum Kontinent wirklich hochgehen sollten. Mit Brüssel wurde verhandelt über Visumspflicht bei einem Sprung über den Kanal.

Kaum ein Gespräch hier ist in diesen tausend Tagen vom Brexit unverschont geblieben. Kaum hat es ein Nachrichtenprogramm gegeben, das uns nicht erklärte, was der neueste Schachzug, was die letzte Entwicklung war.

Stöhnend nahmen wir alle zur Kenntnis, wie komplex dieser Brexit wurde. Wie viel hitzige Debatte er auslöste. Wie viel Streit aufzurühren er imstande war. Andere Themen – die wachsende Armut im Land, die Gefahren des Klimawandels – fanden sich unsanft beiseitegeschoben. Stattdessen erfuhren wir, dass Champagner bald auch wieder im imperialen Pint-Mass verkauft werden würde. Eines, das 1993 EU-Verordnungen zum Opfer fiel und das schon Winston Churchill für eine feine Sache hielt.

Niemand zuvor hatte sich je stundenlange Liveübertragungen aus dem Unterhaus zugemutet.

Später, als mit den Austrittsverhandlungen alles immer komplizierter wurde und sich die Fronten verhärteten, war schon gar kein Entkommen mehr. Welche wirtschaftlichen Folgen standen zu erwarten? Wie würde man künftig die Grenzen überqueren? Was würden Englands Krankenhäuser tun, wenn ihr EU-Personal abreiste? Wen kümmerte eigentlich noch der Friede in Nordirland? Was dachte die Queen?

Ein ganz neues Vokabular lernten wir, angefangen von den «roten Linien» Theresa Mays über ihren «Chequers Deal» bis hin zum berühmt-berüchtigten «Backstop». Parlamentarische Debatten kuriosester Natur rollten, wenn wir uns zuschalteten, vor unseren Augen ab. Niemand zuvor hatte sich je stundenlange Liveübertragungen aus dem Unterhaus zugemutet. Jetzt formierte sich eine ganze Gemeinde von Fans, denen die Vorgänge in der Hohen Kammer so fantastisch anmuteten wie sieben Serien «Game of Thrones».

Jeden Morgen hörte man im «Today»-Programm der BBC unausgeschlafene Politiker sich um die aktuelle Lage balgen. Manchen kam versehentlich das Wörtchen Breakfast statt Brexit über die Lippen. Ein gutes Frühstück war offenbar, wovon sie träumten. Nicht die erhoffte oder gefürchtete Abkoppelung von der EU.

Theaterstücke mit Brexit-Thematik

Vieles wurde uns vertraut in dieser Zeit: blühende Fantasien, ministerielle Manöver, Lügengespinste. «Brexit bedeutet Brexit», tönte die Regierungschefin immer wieder, Tag für Tag. Wir hörten schnell auf, zu zählen. Dass May den Weg zur «gloriosen Zukunft Grossbritanniens» wie ein schlecht programmiertes Navigationsgerät herunterspulte, trug ihr irgendwann den Spitznamen «Maybot» ein.

Nicht einmal der Sport, diese heilige Nische, blieb verschont. Fussballveteranen wie Chris Waddle und Peter Shilton fanden Brexit eine runde Sache. Gary Lineker hielt dagegen. Er wurde geradezu zu einem «Remainer»-Idol. Und Liverpools Jürgen Klopp ignorierte den Rat, dass Deutsche sich besser nicht in britische Belange einmischen sollten. Auch für ihn machte der Austritt Grossbritanniens aus der EU «überhaupt keinen Sinn».

In den Theatern tauchten Dramen mit Brexit-Thematik auf. Ausstellungen zum Austritt wurden geboten. Buchhandlungen stellten Brexit-Bücher und Brexit-Kinderbücher in die Regale. Zeitungskarikaturen suchten uns zu warnen oder aufzuheitern.

Tusk und Juncker werden als«schmutzige Ratten» bezeichnet

Ein besonders böses Foto, welches das Satiremagazin «Private Eye» auf die Frontseite rückte, zeigte May in einer Nervenheilanstalt, daneben eine Krankenschwester. In der Sprechblase sagt May: «Wissen Sie, ich bin die Premierministerin.» Die Schwester antwortet: «Natürlich sind Sie das, meine Liebe. Kommen Sie einfach mit mir.»

Mildere Scherze gab es auch. «Haben Sie sich schon entschieden, ob Sie Ihr Ei hart- oder weichgekocht wollen?», fragt auf einer Karikatur, die es inzwischen in eine Sammlung offizieller Brexit-Cartoons geschafft hat, ein Brüsseler Ober einen zu Gast weilenden britischen Unterhändler.

«Verlass mich nicht», ruft auf einer anderen ein Mann seiner Frau zu, die mit dem Koffer in der Hand aus dem Haus stürmt. «Du wirst ärmer sein. Du wirst weniger Einfluss haben. Und in Europa kommts wegen dir womöglich zum Krieg.»

Als profitablen Ersatzkrieg betrachtete die noch immer einflussreiche Rechtspresse im Lande den Brexit. Sie liess alle Hemmungen fallen und rief widerborstige Abgeordnete und Richter kurzweg «Verräter» und «Volksfeinde» – und druckte deren Bilder in Steckbrief-Format ab. Vielerorts drehte sich der Wind. Es kam ein übler Geruch auf. An Londons polnischem Zentrum, gleich bei uns um die Ecke, erschienen die ersten gehässigen Schmierereien.

Für äusserst clever hielt sich Rupert Murdochs Boulevardblatt «The Sun», das einmal den «Euro-Mobstern» Donald Tusk und Jean-Claude Juncker die Überschrift «EU Dirty Rats» entgegenschleuderte. Aber wen, fragten sich 3,5 Millionen in Grossbritannien lebende EU-Bürger mit unguten Gefühlen, schloss dieses Schmutzige-Ratten-Verdikt eigentlich ein?

Regelmässige Todesdrohungen an Brexit-Gegner

Den Fremden erstmals «Bescheid stossen» zu dürfen, setzte übrigens Ressentiments frei, die nicht auf EU-Bürger beschränkt blieben. In unserem Bus auf der Linie 220 fanden sich plötzlich Afrikaner attackiert und verhüllte Frauen angeschrien, sie sollten «endlich nach Hause» gehen. Das hatten wir so vorher nicht erlebt.

Die couragierte Tory-Politikerin Anna Soubry, mittlerweile eine unabhängige Abgeordnete, sah sich einmal draussen vor dem Parlament umringt von Rowdys, die sie übel beschimpften und auch den Nazigruss nicht scheuten. Soubry und andere Brexit-Gegnerinnen und -Gegner werden regelmässig mit Todesdrohungen eingedeckt.

Dabei legen all die Brexit-Wähler in unserer Strasse, die uns beim Heckenschneiden stets «Hello» sagen oder im Vorübergehen unsere Katzen streicheln, Wert auf die Feststellung, dass sie natürlich nicht «uns persönlich», ihre Nachbarn, aus dem Land verbannt sehen wollen.

Zu Silvester das Riesenrad in den europäischen Farben

Aber dass mit dem «privilegierten Zugang» für EU-Bürger Schluss sein müsse, wie es ja schon Theresa May verkündet hatte: Das fanden auch sie ganz richtig. Der Brexit, zu dem plötzlich jeder eine Meinung hatte, wurde zu einer Art sozialem Lackmustest.

Vielen britischen Freunden, die über ihr eigenes Land regelrecht erschrocken sind in den letzten Jahren, ist heute zutiefst peinlich, was der Brexit heraufgespült hat. Und in welches Chaos sich Grossbritannien verrannt hat, auf dem langen Weg zum Exit.

Interessanterweise aber hat der Brexit auch eine regelrechte Gegenbewegung aufgerührt – Versammlungen überwiegend junger Briten unter dem EU-Sternenbanner, Protestaktionen gegen Nationalismus, kecke Initiativen. Londons Bürgermeister Sadiq Khan hat das Riesenrad an der Themse zur letzten Silvesterfeier in die europäischen Farben getaucht.

700'000 Menschen brachte im vorigen Oktober eine proeuropäische Kundgebung auf die Beine. So etwas, dass sich aus den «grassroots» eine starke Stimme europäischer Verbundenheit erhob, war neu. Gestern Samstag gab es eine weitere Grossdemonstration in London. Der Kontrast ist bemerkenswert zu den Zeiten, in denen an der EU hauptsächlich Geschäftswelt und politische Elite interessiert waren – und Nigel Farage es leicht fand, «die Massen» gegen «Brüssel» zu mobilisieren.

Inzwischen schütteln mehr Briten denn je die Köpfe über so etwas wie die jüngsten ganzseitigen Anzeigen der Regierung in der Presse, auf denen britische Bürger ermahnt werden, Pässe rechtzeitig verlängern zu lassen, «wenn Sie nach Europa reisen».

Nicht so sehr der Rat selbst weckt Konsternation. Sondern dass der Begriff Europa die Briten hier schon nicht mehr einschliesst. Gewiss, die Redeweise von «uns» und «den Europäern» hat es ja auf der Insel seit Ewigkeiten gegeben. Aber mit den Anzeigen ist diese sprachliche Trennung erstmals offizielle Politik geworden.

Europe? That’s not us? Oder doch? Überlegt es sich die Nation noch anders? Nichts ist mehr sicher, seit jener Referendumsnacht vor fast drei Jahren. Private Wetten darüber, ob es letztlich zum Brexit kommen wird oder nicht, haben wir Betroffene in London schon vor langem miteinander abgeschlossen. Dass es Theresa May gelingen würde, uns bis ganz zuletzt im Ungewissen zu lassen, hatte freilich keiner prophezeit.

Erstellt: 24.03.2019, 19:06 Uhr

Artikel zum Thema

«Diese Krise ist eine britische»

Nach der Verschiebung des Brexit herrscht auf beiden Verhandlungsseiten Skepsis. Nur Theresa May gibt sich optimistisch. Mehr...

Briten protestieren gegen Theresa Mays Brexit-Pläne

Die Bürger sollen über den Brexit-Deal abstimmen dürfen, fordern die Demonstranten. Online haben bereits 4 Millionen Menschen eine Petition gegen den EU-Austritt unterzeichnet. Mehr...

So teuer wird der Brexit für die Schweiz

Die finanziellen Folgen eines harten oder weichen Brexit – heruntergerechnet auf Land, Region und Einwohner. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...