Tausende Bauten der Armee sind am Vergammeln

Der Bund investiert in seine militärischen Immobilien nur noch das Nötigste – es drohen Unfälle und Schliessungen.

Beispielhaft für die Zukunft? Auf dem ausgemusterten Flugplatz Kägiswil OW mussten zwei Hangars abgerissen werden. Foto: Robert Hess/Neue OZ/LZ

Beispielhaft für die Zukunft? Auf dem ausgemusterten Flugplatz Kägiswil OW mussten zwei Hangars abgerissen werden. Foto: Robert Hess/Neue OZ/LZ

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Marode Schiessstände, ramponierte Truppenunterkünfte, einsturzgefährdete Flugunterstände: Laut einer internen Erhebung von Armasuisse Immobilien, dem Liegenschaftsverwalter der Schweizer Armee, sind heute mehr als 70 Prozent der noch ­benutzten 4500 Armeeanlagen sanierungsbedürftig.

11 Prozent der militärischen Bauten im Neuwert von 2,3 Milliarden Franken wurden laut der bundesinternen Datenauswertung in der Vergangenheit so schlecht unterhalten, dass sie abgerissen und neu gebaut werden müssten. 62 Prozent der Immobilien mit einem Wert von 12,8 Milliarden Franken müssten – Stand 1. Januar 2019 – teilweise saniert oder instand gestellt werden. Alles in allem wären laut Armasuisse heute 5,8 Milliarden Franken nötig, um die Bauten wieder in Form zu bringen.

Auch Vereine und Schulen übernachteten in den Unterkünften

Der schlechte Gebäudezustand der Armee-Liegenschaften ist mit Risiken verbunden. Laut der internen «Unternehmensstrategie Armasuisse 2017–2020» – die SonntagsZeitung verlangte sie gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz heraus – droht ein erhöhtes Ausfallrisiko. «Vermehrt muss mit Gebäudeschliessungen gerechnet werden», heisst es im von Rüstungschef Martin Sonderegger unterschriebenen 22-seitigen Papier. Zudem seien Unfälle und Personenschäden in Gebäuden möglich, weil aufgrund der fehlenden Mittel die Instandhaltung nur mangelhaft ausgeführt werden kann. Um das Schlimmste zu verhindern, hat das Rüstungsamt inzwischen regelmässige Sicherheitsaudits für die Armeebauten eingeführt. «Unser oberstes Ziel ist es, Personenschäden zu verhindern», sagt Marcel Adam, der leitende Armasuisse-Portfoliomanager. Im Zweifelsfall würde ein Objekt geschlossen.

Dazu ist es in der Vergangenheit immer wieder gekommen. Letztes Jahr wurden die Duschanlagen in der Kaserne Neuchlen bei Gossau SG wegen Legionellen gesperrt. In sanierungsbedürftigen Gebäuden könne das Auftreten von Legionellen nicht gänzlich ausgeschlossen werden, teilte Armasuisse der Öffentlichkeit damals mit. Auf dem Flugplatz Payerne VD musste der Betrieb eines Hangars für Flugzeuge und Helikopter wegen statischer Probleme eingeschränkt werden. Das Gebäude ist laut dem Flugplatzkommandanten seit dem Jahr 1953 «mit keinem Pinselstrich» unterhalten worden. Jetzt muss die Halle abgerissen und für 40 Millionen Franken neu gebaut werden.

Im Gruppenlager in Brigels GR mussten die Belegungskapazitäten 2014 wegen Brandgefahr eingeschränkt werden. In der Armeeunterkunft übernachteten jeweils bis zu 150 Personen, nicht nur Militärs, sondern auch Vereine und Schulen, welche die Unterkunft gemietet hatten.

Damit sich die Schwierigkeiten nicht häufen, hat Armasuisse eine rigorose Portfoliostrategie installiert. Bei mittelfristig genutzten Objekten wird die Instandhaltung auf das Nötigste beschränkt. Bei Objekten, bei denen nicht gesichert ist, ob sie langfristig militärisch genutzt werden, nimmt das Rüstungsamt sogar «Schäden und eine eingeschränkte Gebrauchstauglichkeit» in Kauf. So hofft man, genügend Mittel in Bauten investieren zu können, die langfristig benötigt werden.

Die Eidgenossenschaft bleibt auf Armee-Liegenschaften sitzen

«Wir müssen Angst haben, dass den Soldaten die Dächer auf den Kopf fallen», warnte Ex-Verteidigungsminister Ueli Maurer vor zehn Jahren. Auch die Finanzkontrolle des Bundes kritisierte den «beschleunigten Wertverlust». Um die Armeebauten zu erhalten, wären laut den Finanzpru?fern bis 2035 jedes Jahr Unterhaltsarbeiten für 480 Millionen Franken nötig gewesen. Davon ist man weit entfernt. 2019 beispielsweise investiert der Bund in den Werterhalt der Armee­bauten lediglich 180 Millionen Franken.

Auch die bereitgelegte Exit-Strategie – die Verkleinerung des Kernbestands an ­Armee-Liegenschaften – scheint zu miss­lingen. Laut der jetzt publik gewordenen Armasuisse-Unternehmensstrategie kann das Immobilienportfolio «mit grosser Wahrscheinlichkeit» in nächster Zeit nicht massgeblich reduziert werden. Die Lasten des im Kalten Krieg aufgeblähten Sicherheitsapparats wird der Bund so rasch also nicht los. Das bedeute – so das interne Papier – für das Rüstungsamt heute ein «wesentliches strategisches Risiko».

Erstellt: 21.09.2019, 22:25 Uhr

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