Steuertrick: 1000er-Noten abheben im Dezember

Regelmässig vor dem Jahreswechsel heben Schweizer Kunden tüchtig Geld von ihren Konten ab. Warum?

Grosser Wert, aufbewahrt in gebündelter Form: Tausendernoten bieten viele Möglichkeiten. Foto: Keystone

Grosser Wert, aufbewahrt in gebündelter Form: Tausendernoten bieten viele Möglichkeiten. Foto: Keystone

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Heute stellt die Schweizerische Nationalbank die neue Tausendernote vor. Bereits klar ist: Sie wird ein Renner. Denn die grösste Schweizer Banknote ist beim Publikum extrem beliebt. In nur elf Jahren hat sich die Nachfrage auf 48,6 Millionen Stück verdoppelt, trotz Boom des bargeldlosen Zahlungsverkehrs.

Der Wert der ausgegebenen Tausendernoten im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt ist seit 2007 von 4,2 auf 7,4 Prozent gestiegen, weit stärker als bei den anderen Banknoten. Mittlerweile machen die Tausendernoten rund 60 Prozent des gesamten Franken-Bargelds aus. Der 1000er ist heute die wertvollste international gängige Banknote der Welt – und ein ideales Wertaufbewahrungsmittel für alle, die einen Teil ihres Vermögens in grosser Sicherheit und absoluter Anonymität halten wollen.

Doch nicht nur. Es besteht auch der Verdacht, dass die Tausendernote eine wichtige Rolle bei der Steuerhinterziehung spielt. Diesen Verdacht nährt eine auffällige saisonale Spitze im Dezember. Regelmässig vor dem Jahreswechsel heben Schweizer Kunden tüchtig Geld von ihren Konten ab – hauptsächlich in Tausendernoten –, und im Januar tragen sie es zum grössten Teil wieder zurück auf die Bank. Das zeigen Zahlen der Nationalbank.

Dass vermögende Schweizer Tausendernoten unter den Weihnachtsbaum legen oder ihre Geschenke mit grossen Noten bezahlen, vermag den starken Ausschlag über den Jahreswechsel nicht zu erklären. Es wurde immer wieder spekuliert, dass die Tausendernote ein ideales Instrument zur Vermeidung von Vermögenssteuern darstellt. Denn es ist extrem einfach, in der Steuererklärung das Bargeld zu «vergessen».

Die Schweiz ist eines der wenigen Länder mit einer kantonal unterschiedlichen und stark progressiven Vermögenssteuer. In Ländern ohne Vermögenssteuern gibt es die extreme Spitze im Dezember nicht, etwa bei der 500-Euro-Note.

Nachfragestau, weil viele auf die neue Note warten

Wie wichtig das Motiv der Steuervermeidung ist, zeigt eine Untersuchung von Ökonomen der Europäischen Zentralbank, der Schweizerischen Nationalbank und der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden zur «Verwendung von Banknoten mit grossen Stückelungen in der Schweiz». Die Forscher untersuchten mit verschiedenen Methoden, in welchem Ausmass die Tausendernote zur Wertaufbewahrung statt für Zahlungszwecke eingesetzt wird.

Bis zum Jahr 2000 galt in den meisten Kantonen eine zweijährige Steuerveranlagung. Die Steuerpflichtigen mussten also die Steuererklärung nur alle zwei Jahre ausfüllen, der Vermögensstand wurde nur am Ende der geraden Jahre erhoben. Und genau dieses Muster spiegelt sich in der Nachfrage nach Tausendernoten wider, stellten die Forscher fest: Im Durchschnitt betrug der Unterschied zwischen den ungeraden und den Steuerveranlagungsjahren 2,9 Prozent.

Dies stellt allerdings bloss eine Untergrenze dar für die vor der Steuer versteckten 1000-er, wie die Forscher feststellen. Zum einen praktizierten nicht alle Kantone eine zweijährige Steuerbemessung, zum anderen stellten manche Kantone – zum Beispiel Basel, Thurgau und Zürich – früher als die anderen auf den Einjahresrhythmus um. Gemäss dieser Schätzung würden also mindestens 1,4 Milliarden Franken in Tausendernoten über den Jahreswechsel vor den Steuerbehörden versteckt. Der Basler Wirtschaftsprofessor Yvan Lengwiler schätzte die Summe des versteckten Bargelds mit 100er-, 200er- und 1000er-Noten vor zwei Jahren grob auf 3 Milliarden Franken.

In Wirklichkeit dürfte die Summe höher sein. Vor Ausbruch der Finanzkrise stieg die Nachfrage nach Tausendern im Dezember jeweils zwischen 8 und 16 Prozent an, im Januar ging sie dann wieder um 5 bis 12 Prozent zurück. Seit der Finanzkrise bringen die Leute jedoch ihre Tausendernoten im Januar kaum mehr zurück. Wegen der tiefen Zinsen lohnt es sich nicht mehr, das Geld wieder auf die Bank zu tragen.

Möglicherweise hat die neue 200er-Note dem Tausender die Show gestohlen.

Der Anteil der Tausendernoten, die zu Hause oder im Schliessfach gehortet werden, hat stark zugenommen, wie die Forscher feststellen. Von Mitte der 1980er- bis Mitte der 1990er-Jahre wurden nur etwa ein Drittel zur Wertaufbewahrung gehalten, die anderen zwei Drittel für Zahlungszwecke. Mit der Einführung des Euro und nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 in New York stieg der Anteil der Hortung auf über 60 Prozent, seit der Finanz- und Eurokrise sogar auf 73 Prozent. Die Tausendernote dient heute also in erster Linie zur Wertaufbewahrung, nicht als Zahlungsmittel.

Ende vergangenen Jahres wurde der Boom der Tausendernote allerdings gestoppt, wie die neusten Daten der Nationalbank zeigen. Von Oktober bis Dezember war die Nachfrage geringer als im gleichen Monat des Vorjahres. Das hat es seit 1995 nie mehr gegeben. Möglicherweise hat die neue 200er-Note dem Tausender die Show gestohlen. Deren Stückzahl zog nach der Lancierung im August stark an. Denkbar ist auch, dass die Nachfrage nach Tausendern nur aufgestaut ist: Die Sparer warten auf die neue Tausendernote.

Erstellt: 05.03.2019, 10:35 Uhr

6 Besonderheiten des 1000ers

Die zweitteuerste Banknote der Welt
2014 hat Singapur die Produktion ihrer 10'000-Dollar-Note eingestellt; sie soll aus dem Verkehr gezogen werden. Damit ist nur noch eine wertvollere Banknote als die Schweizer 1000-Franken-Note in Gebrauch: Die 10'000-Dollar-Note des Ölstaats Brunei ist zurzeit etwa 7400 Franken wert.

Die Tausendernote ist leicht zu transportieren
Eine Million Franken in Tausendernoten wiegt rund 1,14 Kilo und ergibt einen Stapel von zehn Zentimeter Höhe. Die gleiche Summe in 500-Euro-Scheinen wiegt fast zwei Kilo und in 100-Dollar-Scheinen etwa zehn Kilo. Wer gar Gold im Wert von einer Million Franken transportieren möchte, muss gut 24 Kilo schleppen.

Die 5000-Franken-Note wird es nicht geben
Vor drei Jahren verlangten zwei Zuger SVP-Kantonsräte in einer Motion, der Regierungsrat solle sich beim Bund mittels Standesinitiative für die Ausgabe einer 5000-Franken-Note einsetzen – als Zeichen gegen Bestrebungen, den Bargeldgebrauch einzuschränken. Das Kantonsparlament war dagegen, verabschiedete jedoch eine Standesinitiative, um die aktuelle Stückelung der von der Nationalbank ausgegebenen Banknoten im Gesetz zu verankern. Der Ständerat lehnte dies jedoch ab.

Die Tausendernote soll ewig gültig sein
Wenn die Nationalbank neue Banknoten herausgibt, verlieren die alten Serien nach einer Umtauschfrist von zwanzig Jahren ihre Gültigkeit. Der Bundesrat, unterstützt von der Nationalbank, möchte die Umtauschfrist aus dem Gesetz streichen. Der Ständerat war dagegen. In der Frühlingssession kommt die Vorlage in den Nationalrat. Dessen vorberatende Kommission empfiehlt, die Umtauschfrist zu streichen.

Wie der 1000er genutzt wird
Die Nationalbank hat vor zwei Jahren eine gross angelegte Umfrage zur Bargeldnutzung durchgeführt. 40 Prozent der Befragten gaben an, innerhalb der vergangenen zwei Jahre mindestens eine 1000er-Note besessen zu haben. Viele brauchen die Tausendernote vor allem für das Bezahlen von Rechnungen am Postschalter. Nur 37 Prozent der Befragten gaben an, neben dem Barbestand im Portemonnaie auch Bargeld zu Hause oder in einem Schliessfach aufzubewahren. Allerdings wäre es naiv anzunehmen, die Leute würden in einer Umfrage auch das vor dem Steuervogt versteckte Bargeld erwähnen.

Geschäfte dürfen den 1000er ablehnen
Die Tausendernote ist ein gesetzliches Zahlungsmittel. Aber ein Geschäft kann selbst entscheiden, ob es sie akzeptiert. Es muss den Kunden die Nichtakzeptanz lediglich mitteilen, zum Beispiel mit einem Hinweis an der Kasse oder in den allgemeinen Geschäftsbedingungen. Es gibt viele Läden, Restaurants und Tankstellen, die keine 1000er-Noten, keine grossen Mengen von Kleinmünzen oder zum Teil sogar Bargeld überhaupt ablehnen.

Armin Müller

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