Peinlicher Kleinkrieg am Zürcher Paradeplatz

Der hollywoodreife Streit zwischen Tidjane Thiam und Iqbal Khan wirkt befremdend.

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Dieser Text stammt aus der SonntagsZeitung vom 29. September 2019.

Zwei falsch gepflanzte Bäume auf einem privaten Grundstück in Herrliberg am Zürichsee. Das ist alles, was es brauchte, um eine Grossbank bis auf die Knochen zu blamieren. So zumindest sieht es bis dato aus. Verursacht wurde das Debakel von zwei rivalisierenden Männern, die zuerst Freunde waren und dann über Kreuz gerieten: Tidjane Thiam, Konzernchef der Credit Suisse, und Iqbal Khan, Ex-Leiter der internationalen Vermögensverwaltung der CS.

Sie gerieten im Januar aneinander. Nicht etwa im Büro, sondern in der Villa von Thiam in Herrliberg. Dort zoffte man sich an einer Cocktailparty. Mit hineingespielt haben sollen unter anderem sichtversperrende Grünpflanzen. Der Zufall will es, dass die Khans und Thiam direkt nebeneinander wohnen. Bis hierhin hat die Geschichte noch eine amüsante Note. Nachbarschaftsstreit über Sträucher zwischen Grundstücken sind ein Klassiker. Nun haben wir die beruhigende Erkenntnis, dass sich auch Topmanager in den Niederungen solcher Konflikte bewegen.

Privat blieb in der Posse eben gar nichts

Und doch ist man als unbedarfte Beobachterin der Geschehnisse auch irritiert und fragt sich: Warum zum Teufel lässt sich Iqbal Khan ausgerechnet neben dem Haus seines obersten Chefs nieder? Wollte er zeigen, dass er mit ­Thiam Schritt halten kann? Nach dem Motto: Wer von uns hat das grössere Häuschen? Oder sollte die unmittelbare Nähe zum Boss seine Karrierechancen erhöhen? Das Motiv bleibt sein Geheimnis und ist letztlich Privatsache.

Nur: Privat blieb in dieser Posse eben gerade gar nichts. «Der Streit zeigt, dass die Grenzen zwischen Professionellem und Privatem verwischt wurden», schreibt die «Financial Times». Iqbal Khan rapportierte den Eklat vom Ja­nuar offenbar prompt an den Verwaltungsrat. Tidjane Thiam seinerseits hatte sich angeblich bei CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner und in der Geschäftsleitung über den Baulärm beklagt, den ihm sein Untergebener Khan in Herrliberg beschert hatte.

Auch hier wundert man sich: Was, bitte schön, geht das die CS-Oberen eigentlich an? Rohner versuchte dennoch, zwischen den beiden Leithammeln zu vermitteln. Wie genau, wissen wir nicht. Das Resultat war offensichtlich negativ. Nachdem Khan lang in der Gunst von Thiam gestanden hatte, befanden sich die beiden fortan in einer Art kaltem Krieg, den sie – wie selbstverständlich – auf das berufliche Territorium ausweiteten.

Männer neigen in der Konfliktbewältigung am Arbeitsplatz häufiger zu destruktivem Verhalten als Frauen.

Dort sahen sich die beiden laut einem früheren Bericht der SonntagsZeitung auch zunehmend in einem Rennen um die beste Performance als Banker; der ehrgeizige Khan wollte mehr Kompetenzen, verlangte, dass Thiam ihm das gesamte Asien-Geschäft in seinen Verantwortungsbereich übergibt.

Trotz, passives Verhalten, abfällige Bemerkungen – alle Register wurden am Ende gezogen, um den Rivalen zu bekämpfen. Man fühlt sich anhand der Erzählungen («auf Mails wurde nur mit Verspätung reagiert») an Reibereien unter Primarschülern erinnert, aber nicht an zwei fürstlich entlöhnte Profis einer global tätigen Bank.

Das Verhalten von Thiam und Khan bestätigt aber auch Hinweise aus Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass Männer in der Konfliktbewältigung am Arbeitsplatz häufiger zu destruktivem Verhalten neigen als Frauen – mit den entsprechenden Konsequenzen.

Abschreckende Wirkung auf die Mitarbeitenden

Womit wir beim zweiten ernsthaften Problem dieser Zürcher Sitcom wären: der Wirkung dieser Auseinandersetzung auf die Mitarbeitenden beider Grossbanken oder auf künftige Jobanwärterinnen und -anwärter. Es ist hinlänglich bekannt, dass der Finanzplatz mit einem Frauenmangel auf den oberen Führungsstufen kämpft. 94 Prozent der Frauen, die bei Schweizer Banken angestellt sind, sehen in der männlich geprägten Kultur am Finanzplatz ein Haupthindernis für ihren Aufstieg.

Das hat eine Bankerin im Rahmen ihrer Masterarbeit am Swiss Finance Institut herausgefunden, für die sie 1000 Frauen befragt hat. Ebenso ist bewiesen, dass sich Mitarbeitende stark am Vorbild der obersten Chefs orientieren. Das archaische Gockelverhalten von Tidjane Thiam und Iqbal Khan dürfte unter diesem Aspekt eine ungünstige Wirkung haben.

Nicht nur auf Frauen, sondern auf junge Menschen und alle Männer, die sich eine geschlechterneutralere, weniger hierarchisch orientierte Bankenkultur wünschen und die dem Starkult um Überflieger wie Iqbal Khan («Regenmacher») wenig abgewinnen können.

Der Aktienkurs ist längst nicht da, wo er sein sollte. Und was macht die CS-Spitze? Sie ist mit den Auswüchsen angeblich falsch gepflanzter Bäume in Herrliberg beschäftigt.

Ins Bild einer testosterongesteuerten Unternehmenskultur passt auch der Höhepunkt der Story: Nachdem Khan im Juni bei der CS entnervt gekündigt hatte, liess ihn sein Arbeitgeber beschatten, um zu verhindern, dass er Mitarbeiter abwarb. Die Sache lief am Ende erneut aus dem Ruder und endete in einer dilettantischen Verfolgungsjagd in der Innenstadt von Zürich. Irgendwie wirkt das alles so aus der Zeit gefallen wie die Lederjacke von Privatdetektiv Josef Matula aus «Ein Fall für zwei».

Nun ist der Kollateralschaden da, und der Verwaltungsratspräsident steht unfreiwillig unter Handlungsdruck. Womit wir beim dritten Problem des Skandals wären: der Verhältnismässigkeit. Die Banken sind massiv unter Druck. Negativzinsen, die Kryptowährung Libra und branchenfremde Techgiganten bedrohen das traditionelle Geschäftsmodell.

Der Aktienkurs der Credit Suisse ist auch noch lange nicht da, wo er sein sollte. Die Leistungen und Gebühren der Banken werden zunehmend kritisch hinterfragt, die hohen Gehälter sowieso. Und was macht die CS-Spitze? Sie ist mit den Auswüchsen angeblich falsch gepflanzter Bäume in Herrliberg beschäftigt.

Erstellt: 29.09.2019, 21:21 Uhr

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