Wer ist hier hässlich?

Viele Lebewesen dieses Planeten gelten aus menschlicher Perspektive als hässlich. Zeit, sie zu rehabilitieren.

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Man muss sich den Gestreiften Seewolf als freundliches Wesen vorstellen. Er kuschelt träge mit seiner Gefährtin in irgendeiner Unterwasserhöhle, nur zur Kopulation dehnen und strecken sich die beiden ein bisschen, was aber schnell erledigt ist.

Klar, der bis zu eineinhalb Meter grosse Fisch muss kräftige Hauer haben, um die Krebse und Muscheln zu knacken, von denen er sich ernährt. Trotzdem bröseln sie bald, weshalb ihm jeden Winter neue, scharfe Zähne wachsen, die ihm etwas schief im Gesicht stehen. Angler werden vor seinem Biss gewarnt.

Aber muss man ihm deshalb nach dem Fang den Kopf abhacken, bloss weil den Gourmets sein Anblick in der Fischtheke nicht zugemutet werden soll? Er wird in der Regel nur als Filet verkauft. Hässliche Lebewesen werden noch nach ihrem Tod unwürdig behandelt.

Das ist schäbig. Ist es denn überhaupt gerechtfertigt, andere Spezies mit dem Etikett der Hässlichkeit zu versehen? Wer weiss, wie angeekelt ein Anglerfisch wäre, wenn ihm in 3000 Meter Tiefe ein Mensch begegnen würde? Diese weissliche Haut, die unbrauch­baren Stummelzähnchen, die albern aussehenden, rudernden Gliedmassen – wieso hat Homo sapiens eigentlich diesen bizarren Höcker mitten im Gesicht? Und wie gelangt dieser bleiche Wicht ohne Kopflaterne an seine Beute?

Mit solchen Überlegungen schwämme der Tiefseefisch bereits mitten in der ästhetischen Diskussion, wie sie spätestens seit Heraklit (ca. 520–460 v. Chr.) geführt wird. Eine zentrale Frage war schon immer, ob es irgendwelche objektiven Kriterien für die Schönheit gibt, einen Goldenen Schnitt, der vielleicht eine kosmische, gar göttliche Ordnung widerspiegelt? Aber was wäre dann der Sinn der Hässlichkeit? Sie ist eine allgegenwärtige, aber leider zu wenig reflektierte und voreilig abgelehnte Eigenschaft unserer Welt. Und das ist nicht gut.

V-förmige Männer und Frauen mit Wespentaille

Nachvollziehbar ist die Angelegenheit nur, wenn es um menschliche Schönheit oder Hässlichkeit geht, zumindest, wenn man den Evolutionspsychologen glaubt. «Nichts in der Biologie macht Sinn, ausser im Licht der Evolution», hat der berühmte Biologe Theodosius Dobzhansky gesagt. Daraus schlies­sen die Anhänger der Evolutionären Ästhetik, dass Menschen solche Menschen schön finden, die ihren reproduktiven Interessen dienen.

Der gängigen, wenn auch etwas umstrittenen Theorie zu­folge finden Männer weltweit jene Frauen attraktiv, deren Quotient aus Taillen- und Hüftumfang (Waist-Hip-Ratio, WHR) unter dem Durchschnitt liegt; ein häufig genannter Idealwert ist 0,7. Frauen schätzten hingegen Männer, deren WHR möglichst nahe beim Durchschnitt liegt und die einen V-förmigen Körper haben.

Beide Geschlechter mögen Gesichter, die symmetrisch sind und in ihrer Form möglichst dem Durchschnitt entsprechen. All diese Eigenschaften deuten angeblich auf gute Gene und Fruchtbarkeit hin. Hässlichkeit wäre demnach eine starke Abweichung von dieser Norm, die Abscheu ihr gegenüber auf den ersten Blick eigentlich vernünftig.

Hässliche Menschen sollten unbedingt einem Chor beitreten.

Mit ähnlicher Logik lässt sich auch für andere Objekte menschlichen Schönheitssinns argumentieren. Einer wilden Spekulation zufolge liebt der Mensch offene, grüne Landschaften mit lockerem Baumbestand und Wasserläufen, weil sie den Savannen Ostafrikas gleichen, dem Ort seiner evolutionären Herkunft.

Malerei und Musik kann man als die Produktion sogenannter teurer Signale verstehen, mit denen man potenziellen Partnern zeigt, dass man es sich leisten kann, Energie in überflüssige Dinge zu stecken, so wie es der Pfau mit seinem Rad macht: «­Singing for sex» nennen das die Evolutionspsychologen und weisen darauf hin, dass Künstler angeblich bis heute mehr Sex haben als der Durchschnitt. Hässliche Menschen sollten unbedingt einem Chor beitreten.

Zum Problem wird dieser biologisch bedingte Schönheits­instinkt spätestens dann, wenn er sich auf Bereiche erstreckt, in denen es nicht um Fortpflanzung geht. So weiss man, dass weniger schöne Menschen seltener Karriere machen und weniger Geld verdienen – es sei denn, man macht es wie der französische Existenzialist Jean-Paul Sartre, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Gestreiften Seewolf hatte, mit seiner Hässlichkeit rang, sich von ihr aber auch für seine Philosophie inspirieren liess und trotzdem Erfolg bei den Frauen hatte.

Vielleicht ist das Universum einfach hässlich

Es liegt nicht im Interesse eines Unternehmens, wenn fleissige und talentierte Menschen nur deshalb nicht zum Zuge kommen, weil sie hässlich sind. So ist es vielleicht nicht nur scherzhaft gemeint, wenn erste Autoren in den USA eine verbindliche Quote für Hässliche fordern. Bleibt die heikle Frage, wer die ästhetische Bewertung der Bewerber übernimmt, die bei der Jobzusage ja nicht unbedingt ein Kompliment wäre. Vielleicht lässt sich ja ein neuronales KI-Netz an Tiefseefischen trainieren, das dann einen Score erstellt? Oder sollte man das einfach selber entscheiden dürfen? Ich bin so hässlich, wie ich mich fühle.

Womöglich führt das Streben nach Schönheit sogar in Gebieten wie der Grundlagenphysik in die Irre, wie die theoretische Physikerin ­Sabine Hossenfelder warnt. Sie vermutet, dass das Fach in den vergangenen 30 Jahren auch deshalb so wenig Fortschritt gemacht hat, weil Physiker und Mathematiker ständig nach Formeln suchten, die elegant oder symmetrisch sind. Schönheit sei aber eine ästhetische Kategorie, die in der wissenschaftlichen Theoriebildung schlicht nichts zu suchen habe, denn vielleicht sei das Universum einfach nur hässlich.

Probleme bereitet das mensch­liche Schönheitsempfinden auch in unserem Umgang mit den Tieren. Es fängt bereits in der Küche an. Wie schade wäre es doch, wenn wir uns vom Aussehen des Seewolfs oder des noch grausiger blickenden Seeteufels vom Genuss ihres Fleisches abhalten liessen. Hier wurde das Problem durch Filetierung gelöst. Aber schon mit dem Verzehr von Insekten haben die meisten Menschen in unseren Breiten ein Problem, obwohl sie reiche Proteinquellen sind, kostengünstig und umweltschonend gezüchtet werden können.

Menschen haben Angst vor Schlangen, nicht aber vor Autos. Obwohl diese gefährlicher sind.

Auch das menschliche Angstsystem funktioniert irrational. Obwohl Autos weltweit zehnmal mehr Menschen umbringen als Schlangen (Letztere verursachen jährlich geschätzte 20'000 bis 125'000 Todesfälle), leiden selbst in Mitteleuropa wenige Menschen an einer Auto-, aber relativ viele an einer Schlangenphobie.

Vielleicht, so berichteten die Biologen Pavol Prokop und Christoph Randler vor kurzem im Fachmagazin «Ethnozoology», weil Schlangen bereits vor 150 Millionen Jahren die kleinen Säugetiere jagten, aus denen sich später die ersten Primaten entwickelten. Die Schlangenangst steckt tief in Genen und Gehirn.

Erstaunlich ist allerdings, dass die Angst vor Spinnen noch weiter verbreitet ist, obwohl diese längst nicht so gefährlich sind. Maximal 0,3 Prozent von ihnen können einen Menschen töten, dennoch leidet jeder Dreissigste unter einer Spinnenphobie.

In der Wissenschaft wird viel über die Ursachen diskutiert, kulturelle Ansteckung vielleicht? Aber womöglich steckt wieder die Abscheu des Menschen vor dem Hässlichen dahinter. Schlangen wie Spinnen sind absolut fremde ­Lebensformen, noch fremder als die Wesen der Tiefsee, bereits gelandete Aliens. Der Mensch aber mag Tiere, die nach seinem Bild gemacht sind. Oder ihm zumindest ähneln.

Noch besser, sie bedienen das Kindchenschema. In einer wegweisenden Studie über die Evolution der Teddybären zeigten Forscher der University of Cambridge bereits 1986, dass die Stofftiere seit ihrer Erfindung 1903 durch Theodore Roosevelt trotz asexueller Fortpflanzung immer niedlicher wurden, die Schnauze kleiner, der Kopf runder, die Augen grösser.

Der Mistkäfer verarbeitet jeden Tag 4000 Tonnen Dung

Doch die hässlichen Tiere, die Tüpfelhyänen, Nacktmulle und Monsterfische, kann der Mensch bislang nicht umbauen. Deshalb ignoriert er sie meist. Auch Artenschützer haben sich früher zu wenig für sie eingesetzt, Spenden lassen sich eher mit den Flagship-­Tieren der Wildnis eintreiben, den Elefanten, Löwen oder Blauwalen, nicht mit den kleinen, unscheinbaren und hässlichen Tieren.

Dabei sind diese Arten häufig genauso wichtig für das Funktionieren von Ökosystemen. Kein Safari-Tourist fotografiert die Mistkäfer in der Serengeti. Dabei hängt der Fortbestand der Löwen, Zebras und Giraffen von ihrer mühevollen Arbeit ab. Sie verarbeiten jeden Tag rund 4000 Tonnen Dung und vergraben ihn im Boden, deshalb wächst das Gras so gut, von dem die Herden leben.

Viel wäre gewonnen, wenn die Menschen den hässlichen Wesen etwas mehr Sympathie entgegenbrächten. Und vielleicht geht die nächste Spende einmal nicht an die üblichen Verdächtigen, sondern an die tatsächlich existierende britische «Ugly Animal Preservation Society». Ihr Motto: «Wir können nicht alle Pandas sein.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.03.2019, 00:35 Uhr

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