Tod auf der Rennbahn

Die Generation seiner Töchter muss viel tun, um der Welt ihre Menschlichkeit wiederzugeben, erkennt Milo Rau.

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Vergangene Woche war ich mit meinen Töchtern auf der Kölner Pferderennbahn. Beide sind Pferdenärrinnen, in ihren Lieblingsfilmen geht es um die Freundschaft rebellischer Mädchen zu stolzen Rössern. Sobald wir in der Schweiz sind, eilen wir zum Pferdehof bei meinen Eltern um die Ecke. Dass wir früher oder später auf einer Pferderennbahn landen würden, war klar.

Galopprennen kannte ich nur aus Filmen. Intelligente Hengste und Stuten, die ihre Geheimagenten-Namen mit der Würde alter Stamm­bäume tragen, durch Operngläser beobachtet von adligen Damen mit Sonnenhüten – so stellte ich mir das vor. Doch natürlich war alles anders. Zwischen den Frittenbuden fand sich ein Publikum ein, das sich sonst zu den Spielen des glücklosen FC Köln versammelt. Viel Sonnenbrand und Bratfett, von Adel keine Spur.

Die Pferde, die zu Gladiatorenmusik an den Start trabten, schwitzten, der Schaum stand ihnen vor den Mäulern, einige mussten mit Gewalt in die Startboxen gezwungen werden. Nachdem wir die komplexe Logik des Wettsystems durchschaut hatten, setzte meine kleinere Tochter ihr Taschengeld auf das Pferd mit dem leichtesten Jockey. Gemäss ihrer Einschätzung käme das Tier, das am wenigsten zu tragen ­hätte, am schnellsten ins Ziel.

Der Sport ist viel grausamer als gedacht

Dann begann das Rennen. Die Pferde rasten aus den Boxen, ein paar Sekunden später waren sie um die erste Kurve. Ich fürchtete schon, dass alles zu schnell gehen würde und für eine Überraschung keine Zeit wäre. Aber als das Feld auf die Schlussgerade einschwenkte, löste sich auf einmal eines der Pferde aus dem Gewimmel.

Es wirkte wie ein Fabelwesen, so absurd war seine Geschwindigkeit, so zwergenhaft der Jockey, als sie an den Favoriten vorbeiflogen. Und dann stürzte das Pferd, direkt vor unseren Augen. Nein, es war einfach weg, so plötzlich war sein Sturz, und genauso plötzlich stand es mit panisch aufgerissenen Augen wieder vor uns. Aber nur kurz, denn eines seiner Beine war gebrochen. Immer wieder stürzend, mit dem an einem Fellfetzen hängenden Körperglied um sich schlagend, wurde es schliesslich überwältigt. In einem Schuppen wurde es eingeschläfert, während auf den Leinwänden die Kölner Sparkasse sich als Spender des Preisgeldes feierte.

Die Kinder in der ersten Reihe waren in hysterisches Weinen ausgebrochen. Nie hat mich ein Ort – nicht einmal ein Schlachthof – mit solch instinktiver Abscheu erfüllt. Der verständnislose, verzweifelte Blick des Pferdes, das keinen Halt mehr fand, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. «Das ist ein dummer und bösartiger Sport, da gehen wir nie wieder hin», sagte ich zu meiner älteren Tochter, als wir wieder auf unseren Fahrrädern sassen.

«Das bringt nichts», antwortete sie kühl, «wir müssen diese Sache irgendwie beenden.» Mir wird ganz schwindlig, wenn ich mir vorstelle, was ihre Generation alles wird ändern müssen, um unserer Welt ihre Menschlichkeit zurückzugeben.



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Erstellt: 16.06.2019, 01:57 Uhr

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