Tod einer Katze

Warum Kongolesen nicht über Sperlinge weinen.

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Vergangene Woche ist der Kater meiner Töchter gestorben, ein unzuverlässiger Streuner, ereilt von einem tödlichen Virus. Ich hielt also einem sterbenden Tier die Pfote, zum ersten Mal in meinem Leben. Denn seltsamerweise habe ich noch nie ein Säugetier sterben sehen, aber schon unzählige Male davon gelesen. Für den «Literaturclub» lese ich pro Sendung eine Handvoll Bücher, aber das eigentliche Vergnügen besteht darin, in der Literaturproduktion des 21. Jahrhunderts einigermassen den Überblick zu behalten.

Denn jeder Erdteil konzentriert sich, der Globalisierung zum Trotz, auf jeweils eigene Themen und Erzählweisen. Was Westeuropa angeht, so gibt es erstaunlich viele Beschreibungen sterbender Tiere. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts überwiegen die Nutztiere, vor allem die sterbenden Pferde, ein Genre, das im Weltkriegsroman «Die Strasse von Flandern» des Nobelpreisträgers Claude Simon gipfelt. Aber schon der römische Dichter ­Catull lässt, 2000 Jahre zuvor, in einem seiner berühmtesten Gedichte ein Haustier sterben: «Der Sperling meines Mädchens ist gestorben.»

Natürlich geht es dabei nicht um die Tiere, sondern um die hinterbliebenen Menschen. In den Augen von Claude Simons sterbendem Pferd, nieder­gemäht von deutschen Maschinengewehren, spiegelt sich der Untergang der französischen Kavallerie – und der alten Welt der Pferde und Pferdehalter überhaupt. Auch der Römer Catull ­betrauert nicht den Sperling, sondern seine Geliebte: «Durch deine Schuld sind die Augen meines Mädchens vom Weinen rot geschwollen.»

«Mich beeindruckte, wie nah Leben und Tod zusammenliegen.» 

Die genaueste und ehrlichste Beschreibung eines sterbenden Haustiers hat übrigens der Schweizer ­Autor Tim Krohn verfasst. In seinem Monumentalroman «Menschliche Regungen» beschreibt er über ein Kapitel hinweg den Tod einer Ratte: wie das Tier sich verkriecht, die Einsamkeit sucht, schliesslich sein Leben aushaucht. Mehr vermag Literatur nicht, universaler kann sie nicht sein.

Mich, der also kürzlich die Pfote eines sterbenden Katers hielt, beeindruckte, wie nah Leben und Tod zusammenliegen. Gerade noch lebte der Streuner, knurrte gegen das Sterben an. Und dann, übergangslos, war er tot, jede Stimme und jedes Bewusstsein war ihm fortgenommen. Es ist, wie wenn man in den Benelux-Staaten Auto fährt: Gerade ist man noch in Belgien, schon ist man in Luxemburg; ohne dass man es gemerkt hat, hat man die Grenze überquert.

Zufällig klingelte zehn Minuten nach dem Tod des Katers der Untersuchungsleiter des «Kongo Tribunals» an meiner Haustür. Für den kongolesischen Anwalt waren meine weinenden Töchter, wie er mir später sagte, «vor allem soziologisch interessant». Denn je höher der Wohlstand einer Gesellschaft, desto enger sind wir mit unseren Haustieren verbunden: Wer würde im Kongo, wo in den letzten 20 Jahren 7 Millionen Menschen ermordet wurden, über einen Kater oder einen Sperling weinen? (SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.12.2017, 21:24 Uhr

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