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Tod in der Badewanne: Erst Unfall, jetzt Mord?

Der Ex-Mann der verstorbenen 43-jährigen Mutter befindet sich wegen dringenden Tatverdachts in Haft.

In diesem Haus in Küsnacht wurde die Frau im Badezimmer ihrer Wohnung leblos aufgefunden Foto: Michele Limina
In diesem Haus in Küsnacht wurde die Frau im Badezimmer ihrer Wohnung leblos aufgefunden Foto: Michele Limina

Hinter den Giebelhäusern liegen Wiesen, dahinter beginnt der Wald. Eine ruhige Wohngegend an bevorzugter Lage. Für die Kinder gibt es einen Spielplatz mit Ruschbahn und Schaukel. Nichts deutet in dieser friedvollen Umgebung darauf hin, dass sich hier ein Drama abgespielt haben könnte. In diesem gutbürgerlichen Idyll an der Zürcher Goldküste wird die 43-jährige S.*, Mutter eines damals vierjährigen Sohnes, am 16. April 2014 tot in der Badewanne ihrer Wohnung in Küsnacht aufgefunden.

Zunächst gehen die Behörden von einem Unfall aus. Die Rechtsmediziner der Universität Zürich kommen in einem Gutachten zum Schluss: Wahrscheinlichste Todesursache sei Ertrinken durch einen Sturz ins heisse Badewasser, verursacht durch einen epileptischen Anfall. Die Staatsanwaltschaft See/Oberland stellt die Untersuchung ein. Der Tod von Frau S. wird rasch ad acta gelegt.

Versicherung nahm eigene Abklärungen vor

Inzwischen aber gibt es einen furchtbaren Verdacht. Er richtet sich gegen den 46-jährigen Informatiker M.* aus Meilen ZH. Er ist der Ex-Ehemann von Frau S. Seit letztem Oktober sitzt er in Untersuchungshaft. Eine Haftbeschwerde von M., für den die Unschuldsvermutung gilt, lehnte das Bundesgericht am 1. Dezember ab. Es bestehe «dringender Tatverdacht», dass er seine Frau getötet habe, begründen die Richter ihren Entscheid.

Was die Behörden übersahen, deckt erst die Zürich-Versicherung auf. Als M. die Todesfall-Risikoversicherung seiner verstorbenen Ex-Frau kassieren will, nimmt sie eigene Abklärungen vor und findet Indizien, die auf ein Verbrechen hinweisen könnten. Die Versicherungsgesellschaft gibt beim Institut für Rechtsmedizin in ­Aarau ein Gutachten in Auftrag. Dieses schliesst beim Tod von S. auf mögliche Fremdeinwirkung . Die Zürcher Rechtsmediziner halten an ihrer Einschätzung fest, wonach ein Unfall die wahrscheinlichste Todesursache sei. Die Rechtsmediziner in Aarau bestehen ebenfalls auf ihrem Gutachten. Die Zürich-Versicherung gibt ein drittes Gutachten in Auftrag beim Institut für Rechtsmedizin an der Universität Innsbruck. Dieses kommt zum Schluss, dass die forensische Analyse «eine Reihe von Unstimmigkeiten und offenen Fragen» ergebe. Auch die Rechtsmediziner in Innsbruck schliessen Fremdeinwirkung nicht aus.

Da stösst die Zürich-Versicherung auf einen weiteren mysteriösen Vorfall. Am 17. Dezember 2012 reiste S. mit ihrem damaligen Ehemann M. und ihrem kleinen Sohn nach Mallorca. Dort hatte die Familie eine Finca gemietet. In der Nacht vom 17. auf den 18. Dezember wurde S. schwer verletzt auf dem Vorplatz der Finca aufgefunden. Sie hatte Augen-, Kieferhöhlen- und eine Nasenfraktur erlitten, eine Fettembolie unter Einbezug des Gehirns, auch die Oberschenkel und beide Kniescheiben waren gebrochen. Neben diesen schwersten körperlichen Verletzungen erlitt sie eine Amnesie: Sie konnte sich nicht erinnern, wie es zu diesen Verletzungen gekommen war. Die näheren Abklärungen bringen weitere Ungereimtheiten ans Licht – und damit den Fall ins Rollen. In Zürich übernimmt nun die Staatsanwaltschaft IV, die auf Gewaltdelikte spezialisiert ist, das Verfahren.

In ihrem Auftrag erstellt Hans Jürgen Bratzke, emeritierter Professor für Rechtsmedizin der Uni Frankfurt, ein Aktengutachten zum Tod von Frau S. Er gilt als Koryphäe seines Fachs. «Herr der Toten», wird er in deutschen Medien genannt. Gleichzeitig erstattet die Arbeitsgruppe für Unfallmechanik ein biomechanisches Gutachten zum Vorfall auf Mallorca.

Nach einem Bericht der Polizei alarmierte M. den Notruf und erklärte, seine Frau habe epileptische Anfälle.

Darüber, was in jener Nacht auf der spanischen Insel geschah, gibt es unterschiedliche Darstellungen. Nach einem Bericht der Polizei alarmierte M. den Notruf und erklärte, seine Frau habe epileptische Anfälle. Bei der Befragung sagte M. aus, seine Frau sei in den frühen Morgenstunden aufgewacht und habe hysterisch geschrien. Er habe geglaubt, dass sie ihm und dem zweijährigen Sohn etwas antun wolle. Er habe sie deshalb in einen fensterlosen Raum gesperrt und sei mit dem Sohn im Auto weggefahren. Die Rettungskräfte hätten ihm dann mitgeteilt, dass seine Frau auf dem Boden vor dem Haus gefunden worden sei – ein Fenster habe offengestanden. Mehr wisse er nicht.

Suche nach Nanny wegen «Ausfall der Mutter»

Gegen diese Version sprechen für die Zürcher Justizbehörden «schwerwiegende Indizien». Gemäss dem Gutachten der Arbeitsgruppe für Unfallmechanik sind die Verletzungen von S. nicht mit einem Sturz aus dem Fenster vereinbar. Hingegen seien sie damit vereinbar, dass S. mit einem Personenwagen der Marke Ford angefahren wurde, den die Familie gemietet hatte. Auch die Kopfverletzungen, so das Gutachten weiter, seien kaum mit einem Aufprall erklärbar, sondern mit einem anderen Ereignis – zum Beispiel einem Faustschlag.

Die bisherigen Untersuchungen der Staatsanwaltschaft «ergaben sowohl für den Vorfall auf Mallorca als auch für den Tod der Verstorbenen in der Schweiz einen dringenden Tatverdacht», sagt Sprecherin Corinne Bouvard. Der Beschuldigte sei deshalb in Haft genommen worden. Dessen Anwalt äussert sich nicht zu den Vorwürfen. Nachdem seine Ex-Frau in ­Küsnacht gestorben ist, schaltet M. auf dem Job-Portal der Uni Zürich zwei Inserate. Er sucht eine Nanny. Als Grund nennt er: «Ausfall der Mutter». Auf die Bewerberin warte eine «angenehme Aufgabe». Bei ­Bedarf, heisst es im ersten Inserat, könne eine Einzimmerwohnung in Küsnacht zur Verfügung gestellt werden. * Namen der Redaktion bekannt

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