«Eine der intensivsten Hitzewellen»

Weltweit messen Meteorologen beunruhigende Rekordtemperaturen. In vielen Gegenden werden diese gar lebensgefährlich.

Was die Klima­forscher voraussagten, ist nun Realität: Die Hitzewellen werden häufiger und schlimmer – mit den entsprechenden Folgen. Bild: EPA/Keystone

Was die Klima­forscher voraussagten, ist nun Realität: Die Hitzewellen werden häufiger und schlimmer – mit den entsprechenden Folgen. Bild: EPA/Keystone

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Die bösen Farben reichen schon gar nicht mehr. Von Gelb über Orange nach Rot geht die Temperaturskala bei der Wetterkarte von wxcharts.eu. Sie zeigt die Abweichung der Wärme vom statistischen Mittel in zunehmend bedrohlichen Tönen. Bei 8 Grad Celsius zu viel verfinstert sich die Farbe vom Roten ins Schwarze, von 12 Grad an hellt sie sich ins Graue auf. 16 Grad zu viel markieren dann nur noch ein eigentlich freundliches Mittelgrau.

Solche Hitze erlebten von diesem Mittwoch an der äusserste Norden Kanadas sowie die US-Staaten Minnesota, North und South Dakota. An manchen Orten dürfte das Thermometer 104 Grad Fahrenheit (40 Grad Celsius) zeigen. Im Südirak, im Iran sowie im Norden Pakistans könnten in zwei Meter Höhe sogar 52 Grad gemessen werden. In Südfrankreich herrschten am letzten Wochen­ende Temperaturen von 39 Grad, in der Schweiz kletterte das Quecksilber auf rund 30 Grad.

Die vergangenen Tage wurden in sehr vielen Ländern Temperaturrekorde geknackt. In Südkalifornien waren es mehr als 43 Grad, in Denver gut 40 und in Montreal fast 37. Glasgow und Shannon in Irland berichteten von 32 Grad – auch das historische Spitzenwerte in dem normaler­weise kühlen Klima. In Jerewan in ­Armenien erreichte das Thermometer 42 Grad, und Qurayyat in Oman vermeldete Ende Juni, dass die Temperatur dort über eine 24-Stunden-Periode nicht unter 42,6 Grad gefallen sei. Selbst an der Nordküste Russlands, am Polarmeer, seien Temperaturen von 32 Grad zu erwarten, hatte schon vor einer Woche der Wetterforscher Nicholas Humphrey gewarnt: «Das ist absolut unglaublich und wirklich eine der intensivsten Hitzewellen, die ich jemals so weit nördlich gesehen habe.»

So trocken wie seit über 100 Jahren nicht mehr

Klimaforscher fühlen sich durch die Ereignisse auf unangenehme Art bestätigt: «Wir haben das seit langem untersucht, jetzt werden unsere Projektionen Wirklichkeit», twitterte Katharine Hayhoe von der Texas Tech University. «Durch die Erderwärmung sind häufigere und schlimmere Hitzewellen und Extremniederschläge physikalisch zu erwarten, und Klimaforscher haben seit langem davor gewarnt», ergänzte Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. «Eine signifi­kante weltweite Zunahme solcher Ereignisse wurde bereits nach­gewiesen. Dieser Trend wird sich nur dadurch aufhalten lassen, dass das Pariser Klimaschutzabkommen endlich konsequent umgesetzt wird.»

Auch die Schweiz spürt das aufgeheizte Wetter. Laut Meteo­ Schweiz erlebten wir den viert­mildesten, lokal auch den dritt­mildesten Juni seit Messbeginn im Jahr 1864. Es war der dritte Monat in Folge mit weit überdurchschnittlicher Temperatur. Die Niederschläge hingegen blieben in der ersten Monatshälfte des Juni in ­einigen Gebieten weit unter dem Durchschnitt. Lokal war es der trockenste Juni seit über 100 Jahren. Ausgesprochen niederschlagsarm waren auch die beiden Vormonate Mai und April.

Ähnlich ist es in Deutschland. Bis einschliesslich 7. Juli, rechnete letzten Montag Sabine Krüger vom Deutschen Wetterdienst (DWD) vor, hatten viele Städte schon mehr Sommertage mit Temperaturen von mindestens 25 Grad erlebt als im Referenzzeitraum 1961 bis 1990 im ganzen Jahr. «Rein spekulativ liegt es im Bereich des Möglichen, dass der Sommer 2018 dem Rekordsommer 2003 den Rang abläuft», schrieb Krüger im täglichen Blog des DWD.Wie in der Schweiz leiden auch grosse Teile Deutschlands unter eineraussergewöhnlichen Trockenheit, die auch die vereinzelten Gewitter dieser Tage kaum mindern. Ursache waren beständige Hochdruckgebiete über Grossbritannien und dem Süden Skandinaviens. Tiefdruckgebiete wurden dadurch Richtung Nordmeer gesteuert und konnten in weiten Teilen West- und Mitteleuropas keinen beziehungsweise nur wenig Regen bringen. In Deutschland haben viele Bauern ihr Getreide notgeerntet.

Hohe Luftfeuchtigkeit setzt dem Körper stark zu

In den von der Hitze erdrückten Teilen Nordamerikas, Nordafrikas und des Nahen Ostens werden die Temperaturen für viele Menschen lebensgefährlich. Besonders wenn es nachts kaum abkühlt, belastet das den Organismus, weil der Schlaf gestört wird. Und Rekorde für die «höchste Mindesttemperatur» werden zurzeit ungefähr doppelt so häufig gebrochen wie für die «höchste Maximaltemperatur»: Die amerikanische Behörde für Ozeane und Atmosphäre zählte in den vergangenen 30 Tagen weltweit gut 5000 neue Spitzenwerte nachts und knapp 2700 tagsüber.

Hinzu kommt oft extreme Luftfeuchtigkeit, die den Effekt der Hitze auf den Organismus steigert. Kanadische Meteorologen haben dafür einen eigenen Index namens Humidex entwickelt, der am 1. und 2. Juli auf einen Wert von 45 kletterte – die Grenze von sehr unangenehm zu gefährlich. Solche Bedingungen herrschten auch immer wieder im Iran und in anderen Ländern der Region, erklärte Ende Juni Jos Lelieveld vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz bei einer Veranstaltung in Berlin. «Durch die Hitze trocknet der letzte Rest Feuchtigkeit aus dem Boden. Gleichzeitig verdunstet sehr viel Wasser aus dem flachen Roten Meer und dem Persischen Golf und wird über das Land geweht.» Auf diese Weise entstehen Bedingungen, in denen Menschen im Freien nicht mehr arbeiten können, weil ihr Körper die entstehende Wärme nicht an die Luft abgeben kann.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 15. Juli 2018 in der SonntagsZeitung.

Erstellt: 16.07.2018, 16:58 Uhr

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