Toll, dass du da bist!

In der ersten Verliebtheit verteilen wir oft und gern Komplimente. Und danach? Wird zu vieles selbstverständlich. Feiert euch mehr, findet unser Autor.

Die Zeit des Händchenhaltens ist vorbei: Umso wichtiger ist es, einander wissen zu lassen, wie sehr man sich schätzt. Bild: Getty Images

Die Zeit des Händchenhaltens ist vorbei: Umso wichtiger ist es, einander wissen zu lassen, wie sehr man sich schätzt. Bild: Getty Images

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Ein normaler Wochentag: Um 15 Uhr hole ich unsere zweijährige Tochter von der Kita ab, dann ab auf den Spielplatz und vielleicht noch rasch einkaufen. Um 17 Uhr sitzen wir im Wohnzimmer auf dem Boden und spielen. Dann kommt meine Frau nach einem Zwölfstundentag in der Klink nach Hause, sie hat mit alkoholisierten Patienten in der Notaufnahme gerungen und sich durch den Feierabendstau gekämpft. Und mein einziger Gedanke? Das hat aber lange gedauert. Warum sage ich nicht: Toll, dass du da bist!

Wie jedes Elternpaar im Jahr 2019 suchen wir nach einem Weg, Kind und Karriere, Beruf und Beziehung zu vereinen. Eigentlich klappt das sehr gut, finde ich. Wir arbeiten beide 80 Prozent. Manchmal hat meine Frau lange Wochenenddienste. Manchmal habe ich verrückte Deadlines. Oft sind wir beide total erschöpft. Wir führen nicht streng Buch, aber immer wieder drängt sich doch dieser innere Buchhaltermonolog in den Vordergrund, der leise Verdacht, dass man mehr leistet als der andere.

Warum feiern wir uns nicht mehr?

Was mir bei Berichten von ähnlichen Paaren auffällt: dass sie zwar viel von Excel-Listen, harten Debatten am Küchentisch und Macken reden – aber selten darüber, wie toll der andere ist. Eigentlich ist das doch eine irre Leistung: Beide arbeiten, kochen, machen den Abwasch, kümmern sich um die Kinder, reden abends im Bett über Bücher, die sie gelesen haben, und haben sogar ab und an Sex. Warum feiern wir uns nicht mehr? Warum ist ausgerechnet die Liebesbeziehung der Ort, an dem man am wenigsten lobt und motiviert?

Ich nehme mir also vor, meiner Frau bewusst und öfter positives Feedback zu geben, statt zu schmollen und Arbeitsstunden aufzuaddieren. Und hoffe insgeheim, dass ich dadurch einen positiven Prozess in Gang setze. Denn ich werde auch sehr gerne gelobt. Wie wirkungsvoll ein Lob sein kann, ist gut erforscht: Studien haben gezeigt, dass Kunden beim Dönerstand oder in der Gelateria gut zehn Prozent mehr Glace und Fleisch bekamen, wenn sie den Verkäufern ein Kompliment vor der Bestellung machten («Bei Ihnen schmeckt es am besten!»).

Achtet man auf Positives, verändert sich die Sichtweise

Die Kraft des Lobes kenne ich. Am Anfang unserer Beziehung kochte ich nur sehr selten. Ich wollte diese schöne Frau nicht mit verkochtem Reis belästigen. Meine Frau lobte mich aber überschwänglich. Weil ich ein eitler Mensch bin, gefiel mir das. Ich kochte also immer öfter. Und bin heute ein mindestens durchschnittlicher Koch. Ich weiss nicht, ob meine Frau das bewusst tat. Aber vielleicht geht es in Beziehungen auch nicht immer darum, den Partner zu überzeugen. Manchmal reicht es auch, ihn elegant zu überlisten.

Das Lob-Experiment führt natürlich nicht sofort zu Wandel. Manchmal bin ich immer noch ungeduldig oder schlecht gelaunt. Aber mir geht es ja auch um eine Veränderung der Grosswetterlage. Da braucht man Geduld. Ich hatte gedacht, dass sich durch das Loben die Laune meiner Frau verbessern müsste, jetzt merke ich, dass sich vor allem meine eigene Laune hebt. Wenn man auf die positiven Dinge achtet, verschiebt sich die Perspektive. Statt sich darüber aufzuregen, was nicht klappt, blickt man auf die schönen Dinge: den Aufopferungswillen, wenn sich meine Frau zum kranken Kind legt, weil sie weiss, dass ich am nächsten Tag dringend diesen Text fertig schreiben muss. Wie sie mit chirurgischer Präzision und unglaublich liebevoll die Fingernägel unserer schlafenden Tochter schneidet.

«Lob hat in Beziehungen nichts verloren. Das gibt dem Gegenüber das Gefühl, von oben herab behandelt zu werden.»David Wilchfort, Paartherapeut

Das Lob ist keine Beurteilung einer Leistung, sondern eher ein: Baby, du bist super, einzigartig, wunderschön. Und das fühlt sich gut an. «Häufig sind es Kleinigkeiten, Alltagsgewohnheiten, über die wir eine Beziehung verändern können», schreibt der Psychologe Oskar Holzberg in seinem Buch «Schlüsselsätze der Liebe»: «Eine kritische Anmerkung, die wir uns verkneifen. Ein Lob, das wir sonst auslassen.» Und: «Je stärker wir erleben, dass wir etwas bewirken, umso weniger starr müssen wir auf unseren Positionen beharren. Wir werden versöhnlicher.»

Meine Frau hat sofort gemerkt, dass etwas anders ist. Sie fällt mir nicht um den Hals, sondern guckt eher verwundert und amüsiert: Was hat er jetzt wieder vor? Nach einigen Wochen konsultiere ich Paartherapeut David Wilchfort. Ich hatte mich darauf eingerichtet, gelobt zu werden: Wie einfühlsam! Was für ein moderner Mann! Wilchfort jedoch ist entsetzt: «Lob hat in Beziehungen nichts verloren. Das gibt dem Gegenüber das Gefühl, von oben herab behandelt zu werden.» Er schlägt mir vor, nicht zu sagen: «Das hast du gut gemacht», sondern: «Schön, dass du das gemacht hast.» Oder: «Das hat mich jetzt richtig gefreut.» Und besonders: «Ja, stimmt, da hast du recht.» Weil es dann um Gefühle und um die emotionale Beziehung geht. Und nicht um Dinge wie Produktivität oder Termintreue.

Die Hauptsache ist, Begeisterung zu zeigen

In gewisser Hinsicht stimmt Wilchfort mir aber zu. Auch er findet, dass Paare sich zu wenig feiern: «Wir glauben nach der Werbungsphase kommt die Besitzphase. Aber das Standesamt ist nicht das Grundbuchamt. Wir besitzen die Beziehung nicht wie ein Grundstück.» Es gelte die Haltung, die man in der Verliebtheit hatte, lebendig zu halten – und die Begeisterung für den anderen so oft wie möglich zu zeigen. Vielleicht ist es egal, wie man das nennt: Lob, positives Feedback, Kompliment, Bestätigung oder Anerkennung. Hauptsache, man zeigt auch im Zustand der totalen Erschöpfung, dass man sich schätzt und liebt.

Das Lob-Experiment dauert nun etwa drei Monate. Es sieht gar nicht schlecht aus. Natürlich streiten wir uns ab und zu, aber ich finde, weniger verbittert und rechthaberisch. Ich schaue mit einem freundlicheren Blick auf den Alltag und auf meine Frau. Und ich meine zu spüren, dass sie nicht anders kann, als diesen Blick zu spiegeln. Vor kurzem war ich mit der Tochter auf einem Waldspielpatz. Ein warmer, heller Frühwintertag. Meine Frau kam zu spät, ich zeigte ihr die kalte Schulter. Sofort tat es mir leid. Es wurde dann doch ein schöner Tag. Auf dem Heimweg legte ich den Arm um sie und lobte sie für ein Detail, das ich mittlerweile vergessen habe. Sie lachte: «Das hast du nur gesagt, weil du dir vorgenommen hast, mehr zu loben.» Stimmt, sagte ich, «aber das macht es ja nicht weniger wahr».

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.01.2019, 13:17 Uhr

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