Top-Banker: «Die Löhne sind massiv zu hoch»

Während die Gewinne der Banken einbrechen, verdienen die Chefs immer noch Millionen. Das stört sogar Banker selber.

«Lächerlich viel» verdient ein Banker laut eigener Aussage – er will aber anonym bleiben. Symbolbild: Keystone

«Lächerlich viel» verdient ein Banker laut eigener Aussage – er will aber anonym bleiben. Symbolbild: Keystone

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In den Schweizer Banken werden in diesen Tagen die Bonuszahlungen ausgehandelt. Wie ­immer im Januar bestimmen die Chefs die Grösse des sogenannten Bonustopfs, jene Geldsumme, die als variabler Lohnanteil mit dem Februarlohn auf die Konten der Bankangestellten überwiesen wird.

Es ist davon auszugehen, dass es bei den diesjährigen Bonus­ausschüttungen zu keinen grossen Überraschungen kommen wird. Bei der Credit Suisse könnte es ein leichtes Plus geben, bei der UBS ein leichtes Minus, dies jedenfalls ist die Einschätzung von Mitarbeitern, welche die SonntagsZeitung kontaktiert hat. Doch die Bonuspläne sind noch nicht im Detail ­erstellt, die Mitarbeiter auch noch nicht informiert.

Die Boni bewegen sich je nach Funktion und Kaderstufe in einem breiten Band von wenigen Tausend bis mehreren Millionen Franken. Sie können einen Monatslohn oder weniger betragen – oder ein Vielfaches davon. UBS-Chef ­Sergio Ermotti, der bestbezahlte Banker der Schweiz, erhält zum Grund­gehalt von 2,5 Millionen Franken mehr als den dreifachen Betrag als Bonus obendrauf. Ein Gesprächspartner, der sich weit oben in der Hierarchie befindet, beziffert sein Grundgehalt auf 800 000 Franken und ein Mehrfaches davon als ­Bonus: «Mehrere Millionen also – lächerlich viel.»

Ein via Whatsapp angefragter Kadermann im Range eines ­Managing Directors einer Grossbank sagt: «Die Löhne der Banker sind immer noch massiv zu hoch. Die Banken verdienen ihre Kapitalkosten nicht, vernichten also Wert, die Eigenkapitalrendite hat sich halbiert, die Dienstleistungen werden immer schlechter, aber die Gebühren sind gleichzeitig stark gestiegen, und die Kompensationen verharren auf zu hohem Niveau.»

«30 Prozent weniger wären für mich auch okay»

Sein Fazit nach vielen Jahren bei der Grossbank: Es macht Sinn, in einer Bank zu arbeiten, aber nicht in eine zu investieren, jedenfalls nicht in Europa. «Wir können es einfach nicht, gerade im Investmentbanking», so der Kadermann, der sich jeden Tag in den Finanzmärkten bewegt – und der über sich selbst sagt, dass er mit seinen über 300 000 Franken pro Jahr auch zu viel verdiene. «30 Prozent weniger wären auch okay.» Doch das gehe nicht, weil dann sein Chef auch weniger verdienen würde und dessen Chefs auch.

Die Worte des Bankers mögen harsch sein, doch sie treffen einen Nerv. Seit Jahren sind die Erträge der Grossbanken rückläufig. Die Gewinne sind gegenüber den ­Zeiten vor der Finanzkrise um zwei Drittel gefallen. Im gleichen Umfang sind auch die Aktienkurse der beiden Grossbanken ­eingebrochen. Dagegen wurden die Lohnkosten nur um etwa ein ­Drittel gesenkt, teils durch Entlassungen, teils durch tiefere Löhne und Boni.

In den Jahren 2005 und 2006, also kurz bevor die Finanzkrise ausbrach, belief sich die Lohnsumme auf weniger als das Doppelte des Reingewinns bei UBS und Credit Suisse. Heute sind die Lohnkosten etwa viermal so hoch wie der Reingewinn der Banken. Wollten die Banken wieder gleich hohe Gewinnmargen wie vor 2007 erzielen, müssten sie die Löhne halbieren oder die Hälfte des Personals entlassen.

Dass Schweizer Banken ein hartnäckiges Kostenproblem haben, wurde auch im jüngsten Bankenbarometer der Beratungsfirma EY deutlich. Viele Bankmanager geben an – und das ist ein Novum in den zehn Jahren, seit EY die Befragung durchführt –, künftig bei den Löhnen das Messer ansetzen zu wollen. Beinahe drei Viertel (71 Prozent) der befragten Institute sagen, dass die Saläre mittel- bis langfristig geringer ausfallen werden. «Margenerosion im Kerngeschäft, stagnierende Erträge und seit längerem weit unterdurchschnittliche Aktienkursentwicklungen – es gibt durchaus gute Gründe für ­sinkende Vergütungen im Banksektor», schreiben die Studienautoren.

Im Bankenwesen erinnert nichts an die Roaring Twenties

Eine Erholung des Geschäfts ist nicht in Sicht. Ein Drittel der Befragten rechnet kurz- und mittelfristig mit einem Rückgang ihrer Ergebnisse. Schuld daran sind vor allem die anhaltend tiefen Zinsen, die sich immer tiefer in die ­Erträge hineinfressen. Die Banker sind zunehmend ratlos, wie sie in Zukunft Geld verdienen sollen.

In den vergangenen Jahren ­erhöhten sie die Gebühren. Laut dem Landesindex für Konsumentenpreise sind allein die Kontoführungsgebühren seit 2016 um 8 Prozent gestiegen. Doch ewig lässt sich das nicht machen. Über 80 Prozent der Befragten glauben, dass ­Gebührenerhöhungen eine ­zeitlich beschränkte Massnahme sind. ­Mittel- und langfristig werde es ­angesichts der neuen Konkurrenz durch Fintechunternehmen ­immer schwieriger, überhaupt noch Gebühren zu verlangen. Nichts erinnert im Bankensektor derzeit an die Roaring Twenties, die vor 100 Jahren anbrachen.

Erstellt: 12.01.2020, 19:16 Uhr

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