Tourismus-Streit im Engadin: Front gegen St. Moritz und Jenny

Nach dem Rücktritt des Verwaltungsrats der Tourismus AG wird die Dominanz von St. Moritz kritisiert.

Der Schein trügt: St. Moritz liegt sich mit anderen Engadiner Gemeinden in den Haaren. Foto: Urs Jaudas

Der Schein trügt: St. Moritz liegt sich mit anderen Engadiner Gemeinden in den Haaren. Foto: Urs Jaudas

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Er wurde als Politiker ­gewählt, um frischen Wind zu bringen: Christian Jott Jenny, der ­Gemeindepräsident von St. Moritz und Gründer des Jazzfestivals. Nun hat Jenny einen Orkan ­ausgelöst, und das sorgt im ­Oberengadin für Misstöne.

Diese Woche kündigte der ­siebenköpfige Verwaltungsrat der ­Engadin St. Moritz Tourismus AG (ESTM) den Rücktritt auf die ­Generalversammlung im April 2020 an. Die Demission ist eine ­Kapitulation vor der Macht des grössten Aktionärs, der ­Gemeinde St. Moritz. Diese hält 34,4 Prozent der Aktien. Die anderen 10 Gemeinden sind deutlich kleinere ­Aktionäre.

Der Gemeindevorstand von St. Moritz unter Jenny hatte dem ­Verwaltungsrat das Vertrauen entzogen, nachdem ein Defizit von 600'000 Franken bei der Tourismusorganisation aufgetaucht und der Geschäftsführer Gerhard ­Walter im September fristlos entlassen worden war.

Auch die anderen Gemeinden waren aufgefordert worden, sich zur Vertrauensfrage zu äussern. Mit Ausnahme von Silvaplana, das sich enthielt, äusserten sich die ­anderen positiv – zumindest vordergründig. Pontresina, dritt­grösster Aktionär, hatte sich offenbar in ­seinem Schreiben an den Verwaltungsrat gewunden. Warum, scheint offensichtlich: Der ­Ehemann einer Verwaltungsrätin sitzt im Gemeindevorstand von Pontresina. Solche Interessenkonflikte entstehen durch die Nähe im Tal häufig. Die Verbandelungen sind zahlreich.

Happige Vorwürfe, aber bisher keine Belege

Klar ist: Das forsche Vorgehen von St. Moritz sorgt für Konsternation. «St. Moritz muss sich selbst fragen, ob es die eigenen Interessen nicht zu stark gewichtet und durch sein Verhalten die übrigen Gemeinden und Partner vor den Kopf stösst», sagt Marcus Geschwend, Noch-Verwaltungsratspräsident der ESTM. Tatsächlich will St. Moritz seinen Einfluss stärken, drängt nun auf eine Statutenrevision und will ­profilierte Persönlichkeiten für den Verwaltungsrat portieren – zusammen mit den anderen Gemeinden.

Zurückbinden will der Hauptaktionär den Einfluss der Bergbahnen – auch durch eine räumliche Trennung. An dieser Frage hat sich offenbar unter anderem der Streit mit Ex-CEO Gerhard Walter ­entzündet. Walter wollte weniger ­Mittel in die Bewerbung des Bergangebots investieren und stiess auf Widerstand: Verwaltungsratspräsident Gschwend ist Geschäftsführer der Bergbahnen Graubünden. Der Finanzchef arbeitet für beide Organisationen. An dieser Konstellation stösst sich St. Moritz.

Markus Meili, der Geschäftsführer der Engadin St. Moritz Mountains AG (Bergbahnen), ­formulierte in der «Südostschweiz» happige ­Vorwürfe – bei der ESTM sei «Geld ohne Budget abgezweigt» worden.

Belege dafür fehlen bisher. Ex-Tourismusdirektor Walter bereitet denn auch eine Klage gegen die ESTM vor. Auch die Gemeinde St. Moritz stösst sich daran, dass sie bis heute keine Unterlagen ­erhalten hat, die Auskunft über die Entstehung des Defizits geben könnten.

Spätestens an der Generalversammlung muss die ESTM ­Fakten liefern. Sonst droht dem abtretenden Verwaltungsrat die Verweigerung der Decharge.



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Erstellt: 26.01.2020, 20:51 Uhr

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