«Toxisches Arbeitsklima» bei Amnesty

Mitarbeiter berichten von Rassismus und Machtmissbrauch bei der Menschenrechts-Organisation. Nach dem Suizid von zwei Angestellten müssen nun fünf Topmanager gehen.

Nicht nur ein Job, sondern eine Lebensaufgabe: Es gehöre dazu, die eigene Gesundheit für die Organisation zu opfern, sagt ein Mitarbeiter. Foto: Keystone

Nicht nur ein Job, sondern eine Lebensaufgabe: Es gehöre dazu, die eigene Gesundheit für die Organisation zu opfern, sagt ein Mitarbeiter. Foto: Keystone

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Die Arbeitsbelastung: für viele Angestellte viel zu hoch. Das Vertrauen zu Vorgesetzten: fehlt fast vollständig. Machtmissbrauch und Diskriminierung: an der Tagesordnung. Hinzu kommen Fälle von Mobbing, Sexismus und Rassismus. 39 Prozent der Mitarbeiter leiden als direkte Folge der Arbeit an psychischen oder physischen Gesundheitsproblemen.

Es geht ausgerechnet um die Organisation, die weltweit für die Menschenrechte kämpft: Amnesty International. In einem Bericht («Staff Wellbeing Review») werden die Arbeitsbedingungen bei der Non-Profit-Organisation als «toxisch» bezeichnet. Der Report untersuchte sowohl die Zentrale in London als auch die zahlreichen Aussenstellen, etwa in Hongkong, Delhi oder Genf.

Der Bericht zeigt auch auf, dass die Arbeit für viele Mitarbeiter nicht nur ein Job ist, sondern eine ­Lebensaufgabe darstellt. Über­stunden, Stress und tyrannische Vorgesetzte werden deshalb eher hingenommen. So spricht ein Mitarbeiter von einem «Märtyrerkult». Es gehöre dazu, die eigene Gesundheit für die Organisation zu opfern.

Schwerwiegende gesundheitliche Probleme

In der vergangenen Woche hat Generalsekretär Kumi Naidoo durchgegriffen. Fünf von sieben Mitglieder der Generaldirektion mussten die Organisation verlassen. Grund für die Untersuchung waren zwei Suizide von Mitar­beitern – eine davon arbeitete im Genfer Büro der Organisation. Am 1.Juli 2018 nahm sich eine britische Amnesty-Praktikantin in ihrer elterlichen Wohnung in London das Leben, nachdem sie in Genf ein halbjähriges Praktikum absolviert hatte.

Amnesty International hat den ­Suizid in einem separaten Bericht untersucht. Dieser kommt zum Schluss, dass die Arbeitsbedingungen nicht für die Selbsttötung verantwortlich waren. Die Praktikantin soll schwerwiegende gesundheitliche Probleme gehabt haben, die aus Vertraulichkeitsgründen nicht weiter dokumentiert wurden.

Allerdings bestand eine Konfusion bezüglich ihrer Krankenversicherung. Die Praktikantin wusste zunächst nicht, wie sie sich in der Schweiz versichern lassen konnte, und erhielt von der Zentrale in London und der Schweizer Sektion, die unabhängig davon ­organisiert ist, widersprüchliche Informationen. Gemäss dem Bericht ist es möglich, dass sie deshalb nur zögerlich medizinische Behandlung aufsuchte.

Stellenabbau absehbar – trotz steigenden Einnahmen

Nun hat Amnesty Schweiz die Organisation der Praktikumsstelle überarbeitet, wie Manon Schick, die Chefin von Amnesty Schweiz, bestätigt. Die Praktikantinnen und Praktikanten des UNO-Büros in Genf seien bislang von Amnesty International in London angestellt gewesen, aber Amnesty Schweiz war für die administrative Abwicklung zuständig. «Neu ist allein ­Amnesty International in London für die Praktikantenstelle in Genf verantwortlich. Damit werden alle administrativen Fragen schneller beantwortet», sagt Schick.

Manon Schick war auch Teil des Oversight Committee, das den ­Bericht für Amnesty International begleitet hat. «Nach dem Bericht war klar, dass es einen Wechsel an der Spitze geben musste», sagt sie. Die britische «Times» berichtet von grosszügigen Abgangsentschädigungen, die Amnesty den Top­managern ausbezahlt habe. Ein Vorwurf, den Schick zurückweist. «Die Entschädigungen waren tiefer als diejenigen, die Gewerk­schaften für einfache Mitarbeiter ausgehandelt haben, die das Unternehmen verliessen.»

Nur mit dem Wechsel an der Spitze ist die Arbeit für Amnesty aber nicht getan. Die Organisation befindet sich in einer schwierigen Lage. Gemäss Jahresberichten haben die Spenden zwar zugenommen: 2017 konnte die Organisation 295 Millionen Euro gegenüber 279 Millionen im Vorjahr einnehmen. Allerdings sind auch die Ausgaben gestiegen.

Schick erklärt sich dies auch mit vermehrten Druckversuchen gegen Mitarbeiter: «Es wurden Prozesse gegen unsere Leute geführt und Konten eingefroren, wie zum Beispiel in Indien oder der Türkei», sagt sie. «Die finanzielle Lage bei Amnesty International ist schwieriger geworden.» Die Ländersektionen konnten weniger Geld an das internationale Sekretariat überweisen, als im Budget vorgesehen war. «Deshalb müssen vermutlich Stellen abgebaut werden.»



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Erstellt: 03.06.2019, 06:28 Uhr

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