Transsexuell? Transrassisch!

Wenn Menschen ihr Geschlecht frei wählen dürfen, warum dann nicht auch die Hautfarbe?

Die blonde Weisse ist Vergangenheit: Martina Big alias Malaika Kubwa in ihrer neuen Identität als Schwarze. Foto: Getty Images

Die blonde Weisse ist Vergangenheit: Martina Big alias Malaika Kubwa in ihrer neuen Identität als Schwarze. Foto: Getty Images

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Natürlich handelt es sich um einen Künstlernamen: Martina Big heisst anders, aber «big» ist halt ­Programm – die Deutsche mit den grotesk grossen Silikonimplantaten gilt als Frau mit den grössten Brüsten Europas. Eine mediale Sensation ist sie aber nicht allein deswegen. Sondern vielmehr, weil sie, die Weisse, sich im Herzen als Schwarze fühlt und deshalb dabei ist, sich sichtbar in eine solche zu verwandeln.

Das geht Big mit Bräunungsinjektionen an – die sind überaus effektiv, aber verboten, weil gefährlich – und letzte Woche erklärte sie am britischen Frühstücksfernsehen, sei wolle sich nach den Lippen demnächst auch die Nase entsprechend operieren lassen. Auch hat sie sich einen afrikanischen Namen zugelegt: Malaika Kubwa.

«Transracial», transrassisch, heisst das, was Big/Kubwa fühlt. Oder ist. So, wie sich für transsexuelle Menschen das angeborene Geschlecht falsch anfühlt und sie sich mittels Operationen an dasjenige anpassen, das ihnen besser entspricht, fühlt sich für sie ihre angeborene Hautfarbe falsch an.

Das kannte man bisher nur von Michael Jackson, der sich seine schwarze Nase chirurgisch anpassen liess und dessen Haut immer weisser wurde. Oder von Asiatinnen, die ihren Teint mittels Bleichcremen aufhellen und ihre schmalen Augen mit einer Lidfalte vergrössern lassen. Es waren Anpassungen ans westliche Schönheitsideal, einen Namen hatte das Ganze nicht.

Vermeintliche African American wurde des Betrugs angeklagt

Nun gibt es offenbar aber auch das Umgekehrte, und das ist wesentlich heikler. Da geht es nicht mehr nur um die Oberfläche, nun wird es politisch. Einer breiten Öffentlichkeit wurde das erstmals 2015 bewusst, als herauskam, dass die Amerikanerin Rachel Dolezal, damals Präsidentin der Nationalen ­Organisation für die Förderung ­farbiger Menschen, mitnichten schwarz ist, sondern weiss. Rachel Dolezal war, genauso wie Martina Big, ein blonder Teenager gewesen, der dann einen Transformationsprozess durchlaufen und ihr Erwachsenenleben als Schwarze lebte. Dolezal sagte damals: «Ich gebe zu, dass ich als Weisse geboren wurde, weisse Eltern habe, aber ich identifiziere mich als Schwarze. Ich betrachte mich selbst als schwarz.» Der Aufschrei war enorm. Dolezal musste zurücktreten, wurde später wegen Betrugs angeklagt.

2017 wurde das Thema vom führenden feministischen Philosophie-Magazin «Hypatia» aufgegriffen, und Autorin Rebecca Tuvel löste damit eine Debatte aus, die weit über die akademische Welt hinausgehen sollte. Tuvel befand in ihrem Artikel, dass dieselben Argumente, die für eine trans­sexuelle Identität sprächen, auch für die Möglichkeit einer trans­rassischen Identität sprächen. Sie schrieb: «Der Wechsel der Rasse sollte gesellschaftlich so akzeptiert sein wie der Wechsel des Geschlechts.»

Das kam gar nicht gut an. 800 Intellektuelle protestierten in einem offenen Brief, nannten Tuvels Stück unausgegoren und unwissenschaftlich, ein Teil der Herausgeberinnen von «Hypatia» erklärte eilig, der Text hätte nie er­scheinen dürfen. Man warf Tuvel vor, ihre Haltung sei der Gipfel der Arroganz, «eine einzige Manifestation der weissen Privilegiertheit». Jene, die fanden, es handle sich dabei einfach um eine weitere Form der grassierenden Selbstidentifikation, waren deutlich in der Minderheit.

Dennoch hatte Tuvel offenbar einen Nerv getroffen. Vorletztes Jahr wollte das Erziehungsdepartement des US-Bundesstaates Delaware ein neues Diskriminierungsverbot für Schulen verabschieden. Es hätte festgehalten, «dass jedes Kind sein Geschlecht sowie seine Rasse frei wählen kann». Das war dann aber doch zu viel an Fortschrittlichkeit. Die freie Wählbarkeit der Rasse musste nach heftigen Protesten aus dem Papier gestrichen werden.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.02.2019, 17:57 Uhr

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