«Trotz Morddrohung gegen Kinder gab Facebook keine Daten heraus»

Jolanda Spiess-Hegglin hat viel Hass erlebt – heute weiss sie, wie man Wutbürger im Internet stoppt.

Hat selbst viel Hass erlebt: Jolanda Spiess-Hegglin. Bild: Keystone

Hat selbst viel Hass erlebt: Jolanda Spiess-Hegglin. Bild: Keystone

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Jolanda Spiess-Hegglin ist Geschäftsführerin des Vereins #NetzCourage, der gegen Hassreden, Diskriminierung und Rassismus im Internet kämpft. Sie selbst hat im Internet viel Hass erlebt. Im Interview erklärt sie, wie man Wutbürger stoppt.

Gibt es typische Beschimpfungen in sozialen Netzwerken?
Bei Frauen geht es fast immer gegen den Körper oder ihre Sexualität. Herabsetzungen wie «Schlampe» oder «Hure» sind gängige Bezeichnungen, um eine fehlende Sexualmoral zu thematisieren, auch wenns frei erfunden ist. Typisch ist auch Bodyshaming, wenn Frauen keine Modelmasse haben zum Beispiel. Ebenfalls häufig sind Vergewaltigungsandrohungen. Bei Männern gibt es dies fast nie – ausser sie sind schwul.

Und wer sind die typischen Opfer?
Ich berate über 90 Prozent Frauen, die tendenziell links stehen. Bürgerliche Frauen haben eher Hemmungen, sich Hilfe zu holen, weil sie glauben, so eine Schwäche zu zeigen – und sie darum denken, sie würden von ihren männlichen Kollegen weniger ernst genommen. Ich habe aber auch schon SVP-Männer beraten und auch schon eine Anzeige geschrieben für einen Jung-SVPler gegen einen Juso-Mann.

Können Sie den klassischen Täter beschreiben?
Plakativ gesagt, ist der Beschimpfer im Netz der alte, weisse Rentner, SVP-Wähler oder -Mandatsträger. Natürlich ist das nicht immer so, aber doch beängstigend oft. Der typische Wutbürger wohnt im Kanton Aargau oder Thurgau, auch mal im Zürcher Oberland – sicher auf dem Land, in den SVP-Hochburgen.

Bericht: So viel Hass gab es im Internet noch nie Rund 10'000 Anzeigen wegen Beschimpfungen in einem Jahr: Jetzt gehen private Gruppierungen gegen Wutbürger vor.

Warum wüten diese Männer?
Sie haben in der Regel einfach zu viel Zeit und kennen die Regeln des Internets noch nicht. Die jüngere Generation lernt die Regeln und Grenzen ja in der Schule kennen. Für die Senioren ist das Internet Neuland. Die Alternative zum Stammtisch im Dorf ist attraktiv, denn plötzlich gibts in den Hetzergruppen Applaus von Dutzenden oder Hunderten Gleichgesinnten.

Wie wehrt man sich gegen Beschimpfungen?
Das Wichtigste ist, einen Screenshot zu machen und den Link zu kopieren. Dann gibt es eine digitale Spur. Das kann später der Polizei helfen, die Täter zu finden.

Also braucht es immer eine Strafanzeige?
Nicht unbedingt. Auf Facebook zum Beispiel haben wir gute ­Erfahrungen gemacht mit unseren Meldegruppen, wo teilweise 150 Leute drin sind. Gibt es beleidigende Kommentare, posten wir den Link dazu in der Gruppe – dann werden viele aktiv und melden dies. Das funktioniert fast immer, manchmal entfernt Facebook die Kommentare schon nach wenigen Minuten.

Und wann klappt es nicht?
Am schwierigsten ist es mit Verleumdungen oder Gerüchten. Diese werden von Facebook kaum gelöscht. Und bei Twitter lässt sich kaum etwas entfernen.

Wann ist trotzdem eine Anzeige nötig?
Selbst Äusserungen wie «Blöde Kuh» oder «Kleekuh» können strafbar sein. Trotzdem rate ich nur in krassen Fällen dazu. Dann muss es aber sein. Leider fehlt der Polizei und den Opferberatungsstellen auch heute noch oft das Know-how. Gerade bei der Polizei heisst es dann: «Das ist doch nicht so schlimm.»

Gibt es noch andere Mittel gegen Hass im Netz?
Es bringt viel, den Kontakt zu den Wutbürgern zu suchen. Erstaunlich viele sind einsichtig, wenn sie mit ihren Taten konfrontiert werden oder merken, dass die Betroffenen Menschen sind und nicht bloss Accounts.

Aber oft erfolgen die Beschimpfungen und Verleumdungen auch anonym.
Ja, solche Hasskommentare sind ein zusätzliches Problem. Wenn Betroffene dagegen vorgehen wollen, müssen sie eine Anzeige einreichen. Und um Konzerne wie Facebook zu zwingen, einen Post zu löschen oder die Nutzerdaten eines anonymen Accounts herauszugeben, braucht es Rechtshilfeersuchen der Schweiz.

Das dauert sehr lange.
Ja, und meistens läuft gar nichts. Meine Erfahrungen zeigen, dass Facebook nur Daten an Schweizer Behörden herausgibt, wenn es um Terrorismus geht. Auf Facebook stiess einmal ein Nutzer Morddrohungen gegen meine Kinder aus. Trotz eines Rechtshilfeersuchens weigerte sich Facebook, die Nutzerdaten des betreffenden Profils herauszugeben.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.01.2019, 16:15 Uhr

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