Trotz Rückfallgefahr: Pädophiler auf freiem Fuss

Nach einem Behördenfehler kam William W. frei. Jetzt wurde auch die nachträgliche Verwahrung ausgesetzt – das Opfer ist fassungslos.

Der Tatort in Starrkirch: Die kleine Selina auf dem Trampolin, von wo William W. sie weglockte. Foto: Privatarchiv

Der Tatort in Starrkirch: Die kleine Selina auf dem Trampolin, von wo William W. sie weglockte. Foto: Privatarchiv

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Die Musik hilft, wenn das Kopfkino wieder anspringt. «I Was Made for Lovin’ You», ein Lied von Kiss, das sie gerade auf der Gitarre übt. Das vertreibt die Bilder. Es sind immer die gleichen. So deutlich, als sei alles erst gestern passiert. Wie sie mit ihm mitgeht, ahnungslos, ein achtjähriges Mädchen. Sie sieht die Bank in der Baubaracke, auf der sie liegt, während sich William W. stundenlang an ihr vergeht und auch nicht aufhört, als sie über Schmerzen klagt. Sie sieht die Fantaflasche auf dem Tisch neben der Bank, immer wieder diese Flasche, an der sie ihren Blick festhält, während sie von William W. schwer missbraucht wird, keine 100 Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Und sie sieht das Gesicht ihres Peinigers – mit diesem Dauerlächeln.

Elf Jahre ist es her, seit William W. die kleine Selina vom Trampolin im Garten ihres Elternhauses in Starrkirch weglockte, um sie brutal zu missbrauchen. Der Fall sorgte 2006 landesweit für Aufsehen. Das Amtsgericht Olten-Gösgen verurteilte William W. wegen versuchter Vergewaltigung, sexueller Handlungen mit einem Kind und sexueller Nötigung zu fünf Jahren Freiheitsentzug und einer Therapie. Im letzten September entschied das Obergericht des Kantons Solothurn, dass der pädophile Täter freizulassen sei – trotz hoher Rückfallgefahr. Der Grund: William W. sei untherapierbar.

«Was braucht es denn noch?»

Das Amt für Justizvollzug beantragte daraufhin seine nachträgliche Verwahrung, da man fürchtet, dass W. rückfällig werden könnte. Nächste Woche hätte die Verhandlung stattfinden sollen. Doch sie wurde jetzt ausgesetzt – die Staatsanwaltschaft hatte beantragt, dass Verfahren ein Jahr lang zu sistieren. William W. sei kein «Kernpädophiler», der sofort nach seiner Freilassung wieder rückfällig werde.

Selina ist fassungslos. «Offenbar muss zuerst erneut etwas passieren, bevor die Justiz handelt», sagt die heute 19-jährige Frau. «Dabei wissen die Behörden genau, wie gefährlich William W. ist. Was braucht es denn noch, bis man einen Täter verwahrt?»

Bereits bei seiner Verurteilung hielt das Gericht 2009 fest, dass aufrichtige Reue und Einsicht bei William W. nicht auszumachen seien. Gutachter stellten später fest, dass William W. im Strafvollzug jede Therapie verweigerte. Auch nach 239 Einzelsitzungen sei man bei ihm «keinen Zentimeter» weitergekommen. Der Mann sei nach wie vor überzeugt, dass er «gleichsam durch einen Unfall zu einem Kindsmissbraucher geworden sei». Die Wahrscheinlichkeit, dass William W. in den nächsten fünf Jahren erneut Sexualdelikte begehe, sei als «mittelgradig bis hoch» einzustufen.

Täter war bereits vorbestraft

Besonders stossend: Als der pädophile Täter die kleine Selina missbrauchte, war er bereits einschlägig vorbestraft. Das Gericht in Aarau verurteilte ihn im Mai 1999 wegen sexueller Handlungen mit fünf Kindern, drei Mädchen und zwei Buben, das jüngste im Vorschulalter. Zwei dieser Kinder hat William W. zudem geschändet. Dafür verurteilte ihn das Gericht zu einer bedingten Zuchthausstrafe von 18 Monaten und einer ambulanten Therapie.

Wegen der Rückfallgefahr lebt William W. seit seiner Haftentlassung letzten November in einem Wohnheim, trägt eine Fussfessel und wird mittels GPS-Sender überwacht. Selina traut diesem Setting nicht. «Serienvergewaltiger Markus Wenger trug auch eine Fussfessel und konnte trotzdem weiter Frauen missbrauchen.»

Dass die Gerichtsverhandlung über eine Verwahrung von William W. ausgesetzt wurde, kritisiert auch dessen Anwalt Konrad Jeker. Allerdings aus einem anderen Grund. Er hat für seinen Mandaten die Einstellung des Verfahrens beantragt. Dieser Antrag habe der Durchführung der Verhandlung nicht entgegengestanden, sagt Jeker. «Darüber hätte an der Verhandlung entschieden werden können und meines Erachtens auch entschieden werden müssen.»

Höhere Entschädigung für William W.

William W. hat vor Bundesgericht erfolgreich geklagt, dass man ihn zu lange inhaftiert habe. Dafür hat er Anspruch auf eine Entschädigung. Sein Anwalt fordert 200 Franken pro Tag. Damit könnte sich die Entschädigung auf bis zu 100 000 Franken summieren. Einen Bruchteil davon erhielt Selina: 17 108.10 Franken. «Mir tut die junge Frau leid, die mit ansehen muss, wie viel Zeit und Geld in den Täter investiert wird, obwohl eine hohe Rückfallgefahr besteht», sagt SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. Sie setzt sich in der Rechtskommission dafür ein, dass das Opferhilfegesetz nachgebessert wird.

Für Selina hat sich das Leben seit jenem Augusttag 2006 für immer verändert. Noch heute fühlt sich die 19-Jährige unwohl, wenn sich ein Mann neben sie setzt. «Ich habe Berührungsangst», sagt Selina. «Es ist für mich schwierig, ein normales Leben zu führen.» Aufgeben will sie nicht: «Ich werde weiter dafür kämpfen, dass William W. verwahrt wird.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.09.2017, 23:03 Uhr

Opfer Selina heute: Die schrecklichen Bilder bleiben. Foto: Gabi Vogt

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