Trump wagte einen unvergleichlichen Schlag

Die Exekution von Qassim Soleimani ist ein grosses Risiko – die Situation ­könnte sich aber auch zum Guten wenden.

Illustration: Kornel Stadler

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Ausserhalb des Iran weinen die wenigsten Qassim Soleimani eine Träne nach. Der 62-jähriger Top-General, in Stücke zerfetzt in der Nacht auf Freitag von Lenkwaffen aus einer US-Drohne, war kein guter Mensch. Der Kommandant der berüchtigten Quds-Elitetruppe ging über Leichen, und in seinen dunklen Augen glühte bösartiger Scharfsinn.

Für das Verständnis der von US-Präsident Donald Trump befohlenen Exekution helfen Vergleiche. Moralisch betrachtet, war der Anschlag auf Soleimani so gerechtfertigt wie Barack Obamas Aktion von 2011 gegen Osama Bin Laden. Bloss war dessen Terrororganisation al-Qaida damals, zehn Jahre nach den spektakulär blutigen «9/11»-Angriffen, bloss noch ein Schatten ihrer selbst.

Soleimanis Tod ist das grössere Ereignis. Der Generalmajor baute ausserhalb des Iran potente paramilitärische Verbände auf. Neben den Al-Quds-Einheiten kontrollierte er verbündete Milizen im Libanon, in Gaza, Syrien, Afghanistan, im Jemen und Irak. Angeblich war er aus Beirut nach Bagdad eingeflogen, um mit dem gleichzeitig getöteten irakischen Hizbollah-Anführer neue Angriffe auf US-Einrichtungen abzusegnen.

Soleimani war der Architekt der iranischen Expansion in der Region. Nach seiner Strategie weitete Teheran den Einfluss des Iran vom Hindukusch bis ans Mittelmeer aus. Ohne ihn wäre Syriens Bashar al-Assad nicht mehr an der Macht und würde im Jemen kein Krieg geführt.

Die klug kalkulierenden Iraner werden sich kaum auf eine massive kriegerische Konfrontation mit der Supermacht einlassen.

Die jüngste Eskalation im US-iranischen Konflikt geht zu einem grossen Teil auf Soleimanis Konto. Unter seiner Regie explodierten dieses Jahr Sprengladungen an Öltankern im Golf von Hormuz, wurde eine US-Drohne vom Himmel geholt und ging ein saudiarabisches Ölfeld in Flammen auf. Trump sah zuerst von Vergeltungsschlägen ab, reagierte aber vor einer Woche mit Luftangriffen auf Stellungen der örtlichen Hizbollah-Miliz, nachdem deren Rakete einen US-Söldner getötet hatte.

Der amerikanische Anschlag auf Soleimani, wird behauptet, entspreche einem Attentat auf den US-Generalstabschef. Wer das sagt, macht nicht nur einen moralisch ungerechtfertigten Vergleich. Er unterschätzt auch Soleimanis Bedeutung, denn ein amerikanischer Top-Militär ist austauschbar. Soleimani aber war der unverzichtbare Mann des Iran.

Was tut ein Regime, wenn sein Militär enthauptet wird? Zu einem Vergeltungsschlag wird das Mullah-Regime in Teheran gezwungen sein. In einer ganzen Reihe von Ländern kann Ayatollah Ali Khamenei unter Amerikanern oder ihren Verbündeten Blutvergiessen anrichten.

Es ist jedoch nicht klar, wie weit Khamenei mit der Sühne für den ihm nahestehenden Soleimani gehen wird. Die klug kalkulierenden Iraner werden sich kaum auf eine massive kriegerische Konfrontation mit der Supermacht einlassen. Anstelle eines nahöstlichen Grosskriegs sind eher punktuelle Terroraktionen zu erwarten.

Unzweifelhaft war Soleimanis Exekution riskant. Trump griff zu diesem Mittel, obwohl zwei seiner Vorgänger wegen ihrer schwer abschätzbaren Folgen davor zurückschreckten. Doch unter den möglichen Folgen sind auch positive: Es könnte sein, dass Soleimanis Tod ein Element des Widerstands beseitigt und sich jetzt neue Türen zu einer Verständigung öffnen.

Es lügt, wer zu wissen vorgibt, was jetzt geschehen wird. Wenn sich die Gemüter kühlen, könnte langfristig sogar ein neuer Iran entstehen. Dann weint am Ende auch in Teheran niemand Qassim Soleimani eine Träne nach.



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Erstellt: 04.01.2020, 20:56 Uhr

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