«Trumps Anwalt Rudy Giuliani ist ein Lügner»

In der Ukraine-Affäre attackiert das Trump-Team einen Mann ganz besonders. Im Exklusivinterview wehrt er sich gegen die Vorwürfe.

Angeblicher Verschwörer: Serhi Leschtschenko. Foto: Getty Images

Angeblicher Verschwörer: Serhi Leschtschenko. Foto: Getty Images

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Im Telefongespräch vom 25. Juli verlangte US-Präsident Donald Trump vom neuen ukrainischen Präsidenten, er möge ihm «einen Gefallen» tun. Neben Informationen über seinen Rivalen Joe Biden solle er untersuchen, ob Personen in seinem Land 2016 aufseiten der Demokraten in den US-Wahlkampf eingegriffen hätten. Trumps Anwalt Rudy Giuliani nennt einen der angeblichen Verschwörer regelmässig am TV mit Namen: Serhi Leschtschenko, 39, ukrainischer Journalist und Ex-Politiker.

Herr Leschtschenko, im Memo des Whistleblowers, der diese Affäre bekannt gemacht hat, werden Sie mehrfach erwähnt. Was ging in Ihnen vor, als Sie das hörten?
Für mich war es eine Überraschung. Sofort wurde mir klar: Jetzt bezahle ich dafür, dass ich in den letzten Jahren Korruption in meinem Land bekämpft habe. Wenn man gegen sehr mächtige Menschen mit viel Geld kämpft und ihre korrupten Machenschaften publik macht, schlagen sie eines Tages zurück.

Trumps Anwalt Rudy Giuliani verlangt Ermittlungen gegen Sie. Er sagt, nicht die Russen hätten sich 2016 in den US-Wahlkampf eingemischt, sondern Leute wie Sie.
Rudy Giuliani hat mich ein paar Wochen vor dem Telefongespräch zwischen Trump und dem neuen ukrainischen Präsidenten bei Fox News als Feind der USA und von Trump bezeichnet.

Warum?
Nach der Maidan-Revolution 2014 flüchtete der damalige Präsident Wiktor Janukowitsch nach Russland. Als später seine Parteizentrale brannte, fand man dort 800 Seiten Dokumente, insbesondere ein schwarzes Buch mit handschriftlichen Notizen über illegale Zahlungen. Wir wissen nicht, wer das Buch dort rausgeholt hat und es geheim hielt während zweier Jahre. 2016 wurden 22 Seiten aus diesem Buch an mein Büro geschickt, über 800 Seiten gingen zur Privatadresse des Chefs des Nachrichtendiensts der Ukraine.

Später haben diese Papiere Trumps damaligen Wahlkampfchef Paul Manafort den Job gekostet. Waren Sie dafür verantwortlich?
In den 22 Seiten, die ich erhielt, war sein Name nicht drin. Da ging es um korrupte Zahlungen an Richter, Politiker oder Journalisten. Im Frühjahr 2016 machte der Nachrichtendienst bekannt, dass er im Besitz der restlichen 800 Seiten sei. Und im August begann die «New York Times» zu recherchieren und suchte in der Ukraine nach Dokumenten über Manafort.

Was fand die Zeitung?
Der ukrainische Nachrichtendienst bestätigte der Zeitung, dass Manafort in dem ominösen Buch 22-mal vorkomme und es dabei um Zahlungen in der Höhe von 13 Millionen Dollar gehe. Diese Information veröffentlichte die «New York Times». Erst danach habe ich meine Dokumente und mit der Zeit detaillierte Informationen über Manafort veröffentlicht.

Also haben nicht Sie den Skandal damals losgetreten. Warum interessierten Sie sich für Trumps Wahlkampfchef?
Ich war wütend auf ihn, weil er für Janukowitsch arbeitete, dem korruptesten Präsidenten, den die Ukraine je hatte. Er ist nicht nur korrupt, er ist auch ein Verräter. Er bat Russland, die Armee an die ukrainische Grenze zu schicken. Er hat zudem ein Blutbad anrichten lassen in den Strassen von Kiew während der Maidan-Revolution. 100 Menschen starben. Manafort verhalf Janukowitsch zur Macht.

Manafort sitzt heute im Gefängnis. Rudy Giuliani sagt jetzt, es seien gefälschte Dokumente gewesen, die dazu geführt hätten.
Giuliani ist ein Lügner. Es gibt keine Zweifel, dass die Dokumente aus dem schwarzen Buch echt sind. Giuliani weiss ganz genau, dass Spezialisten die handschriftlichen Notizen analysiert und als echt beurteilt haben.

Warum verbreitet er diese Behauptungen?
Früher dachte ich, er sei falsch informiert. Doch heute sehe ich, dass er diese Verschwörungstheorie gegen mich und gegen die Ukraine ständig wiederholt, obwohl er es besser weiss. Nur um seinem Klienten, Donald Trump, im Wahlkampf nützlich zu sein.

Giuliani wirft Trumps jetzigem Rivalen Joe Biden vor, er habe 2016 in der Ukraine zugunsten seines Sohn interveniert. Wie sehen Sie das?
Biden versuchte zu erreichen, dass der ukrainische Generalstaatsanwalt gefeuert wird, unter anderem weil der nicht gegen den Besitzer der Firma, in der Bidens Sohn damals sass, vorging. Auch der US-Botschafter kritisierte das. Die Amerikaner haben die Ermittlungen nicht gestoppt, sondern härteres Vorgehen verlangt.

Wird Ihr Präsident nun dem Druck nachgeben und Ermittlungen gegen Biden junior und Sie veranlassen?
Alle sagen, dass Biden keine ukrainischen Gesetze gebrochen hatte. Nur wenn die Amerikaner in den USA ein Verfahren gegen ihn eröffnen und die Ukraine offiziell um Rechtshilfe bitten, würde man hier untersuchen. Gegen mich gibt es keine Ermittlungen. Alle Gerichtsverfahren sind eingestellt worden. Auch wenn Giuliani das Gegenteil behauptet.

Ihr Präsident ist zwischen Hammer und Amboss. Gibt er nach, ist er Trumps Marionette. Wenn nicht, verscherzt er es sich mit dem Weissen Haus. Was kann er tun?
Ich glaube, es gibt keine gute Lösung mehr. Am wenigsten ­schädlich ist es, jetzt auf Distanz zu gehen. Wir dürfen keiner der beiden ­Seiten im US-Wahlkampf einen Gefallen tun. Wir wollen, dass die USA die Ukraine als Partner sieht. Die Ukraine darf nicht länger eine Geisel sein in dieser verfahrenen ­Situation.

Und wie geht es für Sie weiter?
Ich war Berater des neuen Präsidenten für den Kampf gegen Korruption, doch Giulianis Einmischung war der Grund, dass ich das Team verlassen musste. Wenn mich dieser als Trumps Feind deklariert, bin ich für die neue Regierung natürlich nicht mehr tragbar. Ich habe den US-Kongress gebeten, mich vorzuladen. Ich bin bereit, alle Informationen unter Eid offenzulegen.



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Erstellt: 28.09.2019, 23:13 Uhr

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