Trump-Spender sollen auf schwarze Liste gesetzt werden

Hollywood-Prominente wollen Geldgeber des US-Präsidenten mit umstrittenen Methoden blossstellen – und werden scharf kritisiert.

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Nicht alle goutieren ihr Vorgehen: Debra Messing als Grace Adler in der Serie «Will & Grace». Foto: Getty Images

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In Amerikas fiebrigem Politsommer hat sich das «Trump Derangement Syndrome» weiter ausgebreitet. Der dafür typische Verlust von Verhältnismässigkeit erfasste in den vergangenen Tagen prominente Hollywoodstars: Die Filmschauspieler Eric McCormack und Debra Messing forderten in Tweets, Geldgeber von Präsident Donald Trump sollten namentlich aufgelistet und so angeschwärzt werden.

Die Stars der TV-Serie «Will & Grace» fanden es unerträglich, dass Trump in der Woche der Emmy-Preisverleihung am 17. September ausgerechnet in Beverly Hills einen Geldsammelanlass durchführen will. «Bitte drucken Sie eine Liste von allen Anwesenden», forderte Messing vom «Hollywood Reporter», dem sie die Nachricht entnommen hatte. «Die Öffentlichkeit hat ein Recht, dies zu wissen.»

Kollege McCormack machte in einem Tweet das Ziel klar: Die Zeitschrift solle «bitte über alle berichten, die an diesem Anlass teilnehmen, damit wir anderen uns klar werden können, mit wem wir nicht arbeiten wollen. Thx.»

Trump schlug umgehend zurück. Voller Sarkasmus erinnerte er auf Twitter daran, dass ihm ­Debra Messing wegen des Erfolgs seiner Reality-Serie «The Apprentice» überschwänglich gedankt und ihn sogar mit «Sir» angesprochen habe. «Wie sich die Zeiten geändert haben», ätzte Trump.

Hickhack um die korrekte Haltung gegen Trump

Während sie die Trump-Replik ­erwarten konnte, wurde Messing von der nachfolgenden Kollegenschelte überrascht. Die bekannte Schauspielerin und Fernsehpersönlichkeit Whoopi Goldberg zeigte auf, wie sehr die Namenliste an jene erinnerte, mit denen Senator Joseph McCarthy in den 1950ern Unterhaltungsstars wegen angeblicher Kommunistenverbindungen mit Berufsverboten belegte.

«Wir hatten etwas namens ‹schwarze Liste›», sagte Goldberg. «Viele gute Leute waren darauf. Niemand scherte sich darum, ob es stimmte. Sie wurden angeklagt, und sie verloren damit das Recht zu arbeiten.»

Goldbergs Vergleich mit McCarthys Kommunistenhatz muss den Hollywood-Twitterern eingefahren sein. Er sei «auf eine bestürzende Weise fehlinterpretiert» worden, schrieb McCormack auf Instagram. «Ich unterstützte auf keinen Fall schwarze Listen.» Trump indes doppelte gegen Messing nach. Am Donnerstag fragte er: «Wird Fake News NBC eine Rassistin im McCarthy-Stil weitermachen lassen?»

Zuweilen schlägt allzu radikaler Aktivismus auf die Berühmtheiten zurück.

Der verbale Schlagabtausch ist nicht der erste zwischen Trump und prominenten Progressiven. Schon vorher war in New York die Kontroverse um einen Pro-Trump-Geldsammelanlass in den Hamptons entbrannt. Diesen hatte ­Stephen Ross organisiert, einer der grössten Immobilienmagnate der Stadt. Auch in seinem Fall wurde die Veröffentlichung der Spendernamen gefordert. Zudem weigerten sich Modeschöpfer aus Protest gegen Ross, an der Fashion Week ihre Laufstege in einem seiner Veranstaltungsräume aufzustellen.

Das Hickhack um die korrekte Haltung gegen Trump belegt, wie die Politik inzwischen alle Lebensbereiche erfasst hat. Im Zuge der «Woke» genannten moralischen Rechtschaffenheit bleibt Toleranz gegenüber Andersdenkenden auf der Strecke. Wer auf Trumps Seite steht, wird aus dem Kreis der ­Erlauchten ausgeschlossen und an den Pranger gestellt.

Zuweilen schlägt allzu radikaler Aktivismus auf die Berühmtheiten zurück. Unflätige Wortwahl führe nur zu weiterer Spaltung, glaubt zum Beispiel der republikanische Berater John Brabender. Seine Beispiele sind Robert de Niro, der auf der Bühne «fuck Trump» schrie, oder die Komikerin Saman-tha Bee, die Trumps Tochter ­Ivanka als «nichtsnutzige Fotze» beschimpfte und mit Herpes verglich. «Sie leben in dieser kulturellen Blase», sagt Brabender, «wo sie unter sich reden und den unglaublich irrigen Schluss ziehen, die übrige Nation müsse so denken wie sie.»

Auch Demokraten treiben die Verrohung voran

Der gesellschaftliche Trend zur Intoleranz wird auch von Politikern betrieben. Mitschuldig ist daran natürlich Trump selbst, dessen rücksichtsloser Wahlkampfstil vor wenigen Tabus haltmacht. Die Verrohung treiben aber auch Demokraten voran. So veröffentlichte der texanische Kongressabge­ordnete Joaquin Castro, Zwillingsbruder des Präsidentschaftskandidaten Julián, Anfang August auf Twitter eine Liste mit 43 Namen von Trump-Geldgebern aus seinem Wahlbezirk.

Weil es sich dabei nicht um Reiche oder Promis handelte, wurde die Liste breit kritisiert. Zum Teil bewirkte am Ende auch Castros Schuss das Gegenteil: Als Reaktion darauf organisierte einer der Geouteten eine neue Sammelaktion und bekam eine zusätzliche Million Dollar für Trump zusammen.

Befürworter der Offenlegung verweisen auf das Prinzip der Transparenz bezüglich der Wahlkampffinanzierung. Womöglich noch wichtiger sei aber, dass das Recht auf politische Meinungsäusserung ohne Angst vor Einschüchterung wahrgenommen werden könne, befand das Oberste Gericht 1995. In ihrer Urteilsbegründung schrieben die Richter: «Anonymität ist ein Schild gegen die Tyrannei der Mehrheit.»



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Erstellt: 08.09.2019, 12:43 Uhr

Donald Trump setzte immer auf Konfrontation. Seine Gegner tun es jetzt auch.

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