Tuberkulose auf der Frühchen-Station im Uni-Spital

Über 70 Babys und 145 Mitarbeiter am Zürcher Uni-Spital mussten sich einem Bluttest unterziehen. Wie ist so ein Fall möglich?

Eine Erkrankte besuchte ihr Frühgeborenes regelmässig. Foto: Keystone

Eine Erkrankte besuchte ihr Frühgeborenes regelmässig. Foto: Keystone

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Sie sind noch kaum über­lebensfähig und schutz­bedürftiger als alle anderen Patienten – die Frühgeborenen auf der Neonatologie am Universitätsspital Zürich. Ausgerechnet hier hat sich ein ­Tuberkulosefall ereignet. Das ­bestätigt das Spital nach Recherchen der SonntagsZeitung.

«Bei der ­Patientin handelt es sich um eine Frau, die zwischen Juli und Oktober 2018 behandelt wurde und die regelmässig ihr Kind auf der ­ Neonatologie besucht hat», sagt Sprecherin Barbara ­Beccaro. ­Gemäss Recherchen soll es sich ­dabei um eine Eritreerin ­gehandelt haben.

Tuberkulose ist eine Infektionskrankheit, die zu Husten, Fieber und blutigem Auswurf führt und die ohne Behandlung meist tödlich verläuft. Weil sie durch den Husten über die Luft übertragen wird, wurden alle Personen, die mit der Patientin in Kontakt gestanden waren, umfassend untersucht. 145 Mitarbeitende, 70 Kinder der Neonatologie-Station und 74 Angehörige, Verwandte und Freunde der Patientin, mussten sich einem Bluttest unterziehen. «Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die untersuchten Personen in Kontakt mit Tuberkulosebakterien gekommen sind», heisst es bei der Medienstelle. Eine Mitarbeiterin habe deswegen vorbeugend Medikamente erhalten. Aber: «Es kam zu keiner Erkrankung.»

In der Schweiz treten pro Jahr rund 550 Fälle auf

In der Schweiz wird Tuberkulose zwar oft für ausgerottet gehalten – weltweit gesehen, fordert sie aber mehr Todesopfer als HIV und ­Malaria zusammen. 9 Millionen Menschen erkranken jährlich daran, grösstenteils in Entwicklungsländern. Tatsächlich ist etwa ein Drittel der Weltbevölkerung mit dem Erreger infiziert; zu Lebenszeiten erkranken davon aber nur 5 bis 10 Prozent. Gefährdet sind vor allem Kleinkinder und Personen mit Immunschwäche, beispielsweise Personen mit einer HIV-Infektion.

In der Schweiz treten pro Jahr rund 550 Fälle auf. Erst am Freitag wurde bekannt, dass zwei Schüler im Kanton Aargau an Tuberkulose erkrankten. Die Eltern der Mitschüler wurden per Brief informiert – alle Kinder werden zum Bluttest aufgeboten. Laut «20 Minuten» hat sich in einer Berufsschule in Brugg noch ein dritter Fall ereignet. Und im Mai erkrankte im Wallis ein Ober­stufenschüler. Er verbrachte mehrere Wochen im Spital. Rund 60 seiner Gspänli mussten sich daraufhin testen lassen.

Wie ist es möglich, dass Tuberkulose in einem Schweizer Spital mit strengsten hygienischen und medizinischen Vorschriften auftreten kann? Die Patientin war für die Geburt bereits im Juli 2018 auf der Station, wegen anderer Beschwerden kam die junge Mutter im September erneut ins Spital und wurde ein erstes Mal auf Tuberkulose getestet. Dieser Test war aber negativ, die Patientin durfte nach Hause. Erst nach weiteren Abklärungen im Oktober und November konnte die Tuberkulose diagnostiziert werden. «Dass ein Tuberkulosefall über so lange Zeit unentdeckt bleibt, ist sehr selten», sagt Sprecherin Beccaro. Meistens erkenne man einen Tuberkulosefall bereits beim Eintritt ins Spital. Betroffene würden dann standardmässig von anderen isoliert und unter speziellen Schutzmassnahmen betreut.

Fälle von Resistenzen gegen Medikamente nehmen zu

Der Nachweis von Tuberkulosebakterien könne aber schwierig sein, so Beccaro. «Häufig geben Proben negative Resultate.» Um das Risiko ganz auszuschliessen, müssten alle Patienten mit Husten oder Fieber untersucht und sofort in einem Einzelzimmer eingeschlossen werden. «Das wäre gegenüber dem geringen Risiko unverhältnismässig.»

Die meisten Erkrankungen in der Schweiz gehen auf Migranten zurück – wie in Zürich. Nach der Flüchtlingskrise ab 2015 stieg die Anzahl Tuberkulosefälle kurzzeitig an. Das machte SVP-Politiker Adrian Amstutz Sorgen. In zwei Interpellationen erkundigte sich der Berner Nationalrat nach den Gefahren für die Bevölkerung aufgrund eingeschleppter Infektionskrankheiten. Amstutz schrieb, ­Migration und grenzüberschreitender Personenverkehr hätten zuletzt die Tuberkulose «reaktiviert».

Laut dem Bundesrat besteht keine Gefahr. Er schreibt: «Die Zahl der Fälle bei Einheimischen ist seit Jahren tief.»

Was das Bundesamt für Gesundheit hingegen beunruhigt, sind zunehmende Resistenzen gegen Anti-Tuberkulose-Medikamente. Eigentlich müssen Erkrankte über sechs Monate spezielle Antibiotika einnehmen. Brechen sie die Therapie zu früh ab, können einzelne Bakterien überleben – Resistenzen bilden sich. Eine ­erneute Therapie ist dann umso schwieriger: Die Medikamente sind teurer, weniger effizient und die Nebenwirkungen schwer.



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Erstellt: 08.09.2019, 19:51 Uhr

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