Überforderte Beistände

72 Kesb-Fälle begleitet ein Berufsbeistand im Durchschnitt. Immer mehr stossen an ihre Grenze.

Schutzbedürftige Kinder: Nur selten übernehmen Angehörige die Beistandschaft. Foto: Keystone

Schutzbedürftige Kinder: Nur selten übernehmen Angehörige die Beistandschaft. Foto: Keystone

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Berufsbeistände treten in den schwierigsten Lebensphasen auf. Wenn Kinder ihren Eltern entzogen werden müssen. Wenn Kranke oder Süchtige gegen ihren Willen in eine Klinik kommen. Wenn Senioren nicht mehr über ihr Vermögen bestimmen dürfen. Dann sollen sie ihre Mandanten beraten und vertreten. Es sind hochsensible Aufträge, welche die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) anordnen. Ausführen darf sie laut Zivilgesetz nur, wer «die dafür erforderliche Zeit einsetzen kann».

Doch an dieser mangelt es den Berufsbeiständen. Jeder führt im Schnitt 72 Mandate gleichzeitig. Dies geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, welche die Schweizerische Vereinigung der Berufsbeistände (SVBB) nächste Woche vorstellt. «Pro Fall bleiben nur etwa 90 Minuten im Monat», sagt der designierte Präsident Ignaz Heim. «Das ist zu wenig, um vertieft auf die Betroffenen und ihre Bedürfnisse einzugehen.»

«Anforderungen auch qualitativ gestiegen»

Die Berufsbeistände stossen an ihre Grenzen. 90 Prozent gaben an, dass die Belastung im Job hoch sei. Jeder Zweite erlebte schon mehrmals übermässige Müdigkeit oder Erschöpfung. 20 Prozent erkrankten gemäss Umfrage an einem Burn-out. «Diese Quote ist bedenklich», sagt Heim. «Wir sprechen von einem anspruchsvollen Beruf mit sensiblen Aufgaben. Nur gesunde und motivierte Leute können diese erfolgreich erledigen.»

Die Schutzmassnahme, früher bekannt als Vormundschaft, kommt immer öfter zum Einsatz. 92'558 Beistandschaften waren 2006 in Kraft. Im letzten Jahr gab es bereits 104'964. Diese Zunahme der Mandate ist laut Heim aber nur eine Ursache für die akute Belastung. «Die Anforderungen sind auch qualitativ gestiegen.»

100 Jahre galt das Vormundschaftsrecht. Bis es 2013 durch das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht abgelöst wurde. Es soll eine möglichst hohe Selbstbestimmung gewährleisten. «Das ist sicher wünschenswert für die Mandanten», sagt Heim. «Aber möglich ist das nur bei einer sehr engen Begleitung.» Man müsse eine Person genau kennen, um zu wissen, was sie alleine kann und wo es welche Unterstützung braucht. «Diese massgeschneiderte Betreuung ist viel intensiver als früher.» Hinzu komme die Bürokratisierung. «Vieles lief in der Vergangenheit informell ab, mit einem kurzen Telefonat. Heute muss jede Handlung mit Einfluss auf den Mandanten genau dokumentiert sein.»

Bundesrat kündigt Abklärungen an

Für Entlastung könnten Private sorgen. Angehörige können Beistandschaften übernehmen, wenn sie dafür geeignet sind. Im Erwachsenenschutz ist dies oft der Fall: 46 Prozent aller Mandate übernehmen Personen aus dem eigenen Umfeld, wie eine Analyse im Auftrag des Bundes zeigte. Bei Kindern jedoch kommen zu 89 Prozent Berufsbeistände zum Einsatz. Der Bundesrat kündigte im März Abklärungen an, um den Einbezug nahestehender Personen bei Beistandschaften zu verbessern.

Die Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz unterstützt dies. «Die Ressourcen bei den Berufsbeistandschaften sind vielerorts eher knapp», sagt Generalsekretärin Diana Wider. «Man muss Prioritäten setzen und kann die Mandate nicht so führen, wie man es mit mehr Ressourcen könnte.» Man werde die Umfrageresultate des SVBB genau studieren. «Das Gelingen des Systems ist auf gut ausgebildete und motivierte Berufsbeistände angewiesen.»

Doch diese Motivation fehlt offenbar vielen Berufsbeiständen. 75 Prozent finden ihren Job grundsätzlich gut. Doch unter den aktuellen Bedingungen gaben 40 Prozent an, sich über eine berufliche Veränderung Gedanken zu machen. «Um das zu ändern, braucht es vor allem mehr finanzielle Mittel», sagt Ignaz Heim. Seine Forderung richtet sich an die Gemeinden. Diese entscheiden, welches Budget den Berufsbeistandschaften zur Verfügung steht. «Es müssen mehr Gelder gesprochen werden für zusätzliche Stellen und die Ausbildung.» Sonst werde die Belastung weiter zunehmen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.09.2017, 23:30 Uhr

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