Ueli Maurer ist uns näher als Roger Federer

Der Auftritt des Bundespräsidenten auf CNN war eine Blamage. Aber für die Schweiz irgendwie auch angebracht und überfällig.

Illustration: Kornel Stadler

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Okay, Ueli Maurer kann nicht so gut Englisch. Das wissen wir jetzt. Aber das grosse Rätsel dieses Landes bleibt auch nach dieser Woche ungelöst: Warum sagen ältere Schweizer durchwegs Donald Trömp, oder Pöb, Bös, Fön, Öpdate, Böngalo und Könntri-Musik (ganz zu schweigen vom Koboi und dem Schtiik)? Entweder ist in den 60er- und 70er-Jahren im Schweizer Englischunterricht mächtig etwas schiefgelaufen. Oder die ungeschliffene, alteingesessene helvetische Zunge kann einfach nicht anders.

Ohnehin lohnt es sich, bei dieser Geschichte einmal kurz innezuhalten – es ging alles so schnell: Zum ersten Mal in der Geschichte der Eidgenossenschaft war ein Bundespräsident ins Weisse Haus geladen, das Zentrum der politischen Macht. Und Gastgeber war niemand Geringerer als Donald Trump, die umstrittenste Figur der Zeitgeschichte. Es war das Politereignis des Jahres, zweifellos ein Treffen von historischem Ausmass.

Mindestens so denkwürdig war auch der Ablauf: Die Reise passierte derart spontan, die Auftritte waren teils so legendär – dass irgendwie alle immer noch überrumpelt sind und sich die Augen reiben. Wäre das Treffen von langer Hand geplant und angekündigt gewesen, hätten Politiker aller Couleur wochen-, wenn nicht monatelang Forderungen gestellt und das Dafür und Dawider eines Trump-Kontakts abgewogen. Das alles ist uns zum Glück erspart geblieben.

Umso grösser wird die Nachwirkung des Ereignisses sein. Denn nicht nur die institutionelle Zusammenkunft Schweiz-USA, auch Maurers Auftritt allein war für die Geschichtsbücher. Vor allem die missglückte Liveschaltung zu CNN. Hätte Viktor Giacobbo nochmals als ehemaliger SVP-­Präsident verkleidet dieses Interview inszeniert, das Publikum ­hätte die Satire für masslos gehalten.

Nach dem Treffen mit Trump hat Maurer bei CNN einige Fragen beantwortet. Video: Tamedia

Es geht hier nicht darum, Maurer für sein Englisch zu kritisieren. Das wurde bereits zur Genüge getan, da hat er sich live auf CNN zweifellos zu viel zugemutet. Die ­daraus entstandene Blamage, diese Emil- und Buchhalter-Nötzli-Nummer eines Schweizer Bundespräsidenten auf der grossen ­Bühne, wäre mit etwas mehr Vorbereitung und Geschick zu verhindern ­gewesen.

Aber es hat eben auch einen eigentümlichen und etwas störrischen Charme, wenn der «Präsident Switzerland» (Maurer in Trumps Gästebuch) international eine solche Falle macht. Es ist ja kaum so, dass es zu viele Originale gibt in der Politik und zu wenig austauschbare Anzugträger, die sich nach den ewig gleichen PR-Regeln inszenieren und ihr geschliffenes Englisch für Weltoffenheit halten.

Jedenfalls war Maurers Auftritt kaum peinlicher – und ­zweifelsohne authentischer – als Alain Bersets letztjährige eitle Selbstinszenierung als Bundespräsident auf Weltreise in einem schwarzweissen Fotoband. Tatsächlich stiess Maurers CNN-Blamage in den sozialen Medien und in TV-Umfragen auf erstaunlich viel Verständnis, Nachsicht und Sympathie.

«Zu den Klischees über unser Land kommt jetzt die Unbeholfenheit hinzu.»

Die Schweizer lieben eine ­gewisse Hemdsärmeligkeit ihrer Volksvertreter – vielleicht erkennen sie sich darin wieder. Zwar ­reisen sie mit ihrem roten Pass so häufig wie kein anderes Volk der Welt, doch sind die meisten von ihnen trotzdem kauzige Bergler geblieben (was jeder bestätigt, der gelegentlich Schweizer im Ausland beobachten darf).

Jedenfalls gibt es keinen Grund, sich zu schämen. Zu den bekannten Schweiz-Klischees wie Pünktlichkeit, Korrektheit und Neutralität kommt jetzt halt die Verschrobenheit und Unbeholfenheit ­hinzu, die unser Bundespräsident live auf CNN offenbart hat.

Unbeabsichtigt schuf ­Maurer damit das längst ­überfällige Gegengewicht zu Roger Federer, dessen Weltgewandtheit und Perfektion der Wahrheit über uns Schweizer weniger entspricht, als wir gelegentlich zu hoffen ­glauben.



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Erstellt: 18.05.2019, 22:37 Uhr

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