Pensionskassen: Umverteilung viel grösser als bisher angenommen

Neue Zahlen zeigen, dass riesige Summen von den Erwerbstätigen zu den Rentnern fliessen.

Erst wenn sie in den Ruhestand treten, erfahren Erwerbstätige, wie viel von ihrem Geld umverteilt wurde. <nobr>Foto: Getty Images</nobr>

Erst wenn sie in den Ruhestand treten, erfahren Erwerbstätige, wie viel von ihrem Geld umverteilt wurde. Foto: Getty Images

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In der beruflichen Vorsorge wurden in den vergangenen zehn Jahren Gelder in der Grössenordnung von über 90 Milliarden Franken von den Erwerbstätigen zu den Pensionierten umverteilt. Das geht aus Daten hervor, die der Vorsorgeberater PPC Metrics für die SonntagsZeitung erhoben hat.

Diese Summe ist weit höher als bis anhin angenommen. Bisher waren nur jene Zahlen bekannt, welche die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge seit fünf Jahren erhebt. Danach wurden zwischen 2014 und 2018 rund 33,5 Milliarden Franken umverteilt, wie sie am Dienstag bekannt gab. Das entspricht im Durchschnitt 6,7 Milliarden pro Jahr.

Die Zahlen für die Jahre davor zeigen nun, dass die Umverteilung von 2009 bis 2013 noch höher war. Sie bewegte sich in der Grössenordnung von 12 Milliarden Franken pro Jahr. Das hat auch damit zu tun, dass die Vorsorgeeinrichtungen nach der Finanzkrise mit ihren Erträgen erst die Reservetöpfe füllen mussten, bevor sie dem Kapital der Erwerbstätigen wieder Zinsen gutschreiben konnten.

Erst bei Antritt des Ruhestands wird die Rechnung präsentiert

Die Umverteilung setzte allerdings schon vor 2009 ein. Wie aus einem Bericht der Oberaufsichtskommission hervorgeht, taten sich bereits ab 1997 Lücken bei der Finanzierung der Renten auf. Die Renditen der Pensions­kassen waren schon damals nicht in jedem Jahr hoch genug, um die Renten zu finanzieren. Nach den guten Börsenjahren der Neunzigerjahre hatten die Kassen ihre Reserven aber geäufnet und konnten die Lücken noch ­schliessen. Spätestens nach 2007 klafften die Renditen und die versprochenen Renten weit auseinander – und die Reserven hatten sich erschöpft. So mussten die Erwerbstätigen mit ihrem angesparten Kapital die Renten nachfinanzieren.

Reichts für ein gutes Leben? Sowohl die Erwerbstätigen wie auch die Rentner schauen aufs Geld in der zweiten Säule. Keystone

Die Erwerbstätigen selber wissen nicht, wie viel von ihrem Geld umverteilt wurde. Erst wenn sie in den Ruhestand treten, bekommen sie die Rechnung präsentiert: Um ihre Rente aus der beruflichen Vorsorge zu berechnen, wird ihr Vorsorgekapital mit dem Umwandlungssatz multipliziert – und beide Faktoren sind derzeit tief. Das Kapital der Erwerbstätigen ist nur langsam gewachsen, weil es aufgrund der Umverteilung oft tiefer verzinst wurde als jenes der Rentner. Zudem haben viele Kassen den Umwandlungssatz gesenkt – gemäss Vorsorgeberaterin Complementa auf durchschnittlich 5,6 Prozent im laufenden Jahr. Und sie werden bis 2024 weiter sinken, auf 5,3 Prozent.

Für Erwerbstätige macht es einen grossen Unterschied, ob sie mit einem Umwandlungssatz von 6,8 oder 5,6 Prozent in Rente gehen und wie gross ihr Kapital ist. Wer 500'000 Franken ansparen konnte und mit einem Umwandlungssatz von 6,8 Prozent in den Ruhestand verabschiedet wurde, erhält eine monatliche Rente von 2833 Franken aus der zweiten Säule. Wer wegen der Umverteilung nur auf 400'000 Franken kommt und dessen Rente mit einem Umwandlungssatz von 5,6 Prozent errechnet wurde, erhält nur 1866 Franken – knapp 1000 Franken weniger.

Versicherte werden in die ­Ergänzungsleistungen getrieben

Diese 1000 Franken Unterschied können darüber entscheiden, ob jemand auf Ergänzungsleistungen angewiesen sein wird oder nicht. Die Rente aus der AHV ist nicht riesig. Sie liegt für ­Einzelpersonen zwischen 1185 und 2370 Franken.

Angenommen, jemand erhält aus der ersten Säule den Mittelwert dieser beiden Zahlen, 1777 Franken, und aus der zweiten Säule die 1866 Franken, beliefe sich die Rente auf 3644 Franken. Mit einem solchen Einkommen über die Runden zu kommen, ist nicht nur in Städten eine Herausforderung.

«Die Vorsorgeeinrichtungen können heute die Rendite, die es braucht, um die versprochene Rente zu bezahlen, nur mit hohem Anlagerisiko erwirtschaften», sagt Marco Jost, Pensionskassenexperte von PPC Metrics. Und viele tun das auch, wie aus der Erhebung der Oberaufsichtskommission hervorgeht. 53 Prozent verfolgen eine Anlagestrategie mit einem eher hohen oder hohen Risiko. Wenn diese Strategie nicht aufgeht, bezahlen alleine die Erwerbstätigen dafür. Sie erhalten weniger Zins oder müssen gar helfen, ihre Kasse zu sanieren.

Anleger müssen froh sein, wenn sie keine Negativzinsen bezahlen müssen.

Allerdings sind jene Kassen, die nur die gesetzlich vorgeschriebene Minimal­rente versichern, gezwungen, einen Umwandlungssatz von 6,8 Prozent anzuwenden. Das Problem ist, dass der Gesetzgeber in den Achtzigerjahren ­davon ausging, dass die Kassen immer eine sichere Rendite von mindestens 4 Prozent erwirtschaften können. Er hat den Umwandlungssatz entsprechend festgelegt. Heute jedoch lässt sich ohne Risiko gar keine Rendite mehr sicher erzielen. Anleger müssen schon froh sein, wenn sie keine Negativzinsen bezahlen müssen.

Je länger diese Tiefzinsphase nun aber daure, desto grösser werde der Schuldenberg beziehungsweise die Verpflichtungen, welche die Pensionskassen mit den garantierten Renten eingegangen sind, sagt Marco Jost. Deshalb müsse man nun ehrlich darüber diskutieren, wie man ihn wieder abtragen kann.

Allerdings: Es gab auch Jahre, in denen in die andere Richtung umverteilt wurde, von den Rentnern zu den Erwerbstätigen hin. Das war in den Neunzigerjahren, als das Zinsniveau deutlich höher war als der Umwandlungssatz. Die Pensionskassen wussten damals fast nicht, wohin mit dem Geld und gewährten den Erwerbstätigen unter anderem «Beitragsferien».



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Erstellt: 19.05.2019, 00:23 Uhr

So wurde gerechnet

Wie viel Geld in der zweiten Säule umverteilt wird, ist keine feste Grösse, sondern kann nach verschiedenen Methoden abgeschätzt werden. Die Oberaufsichtskommission der Beruflichen Vorsorge (OAK) berechnet, zu welchen Sätzen das angesparte Kapital von Erwerbstätigen und Pensionierten verzinst wird. Und wie viel Geld den Rentnern zusätzlich zufloss, um trotz unerwartet tiefer Zinsen die ­versprochenen Renten zu gewährleisten. Das Ergebnis ist auch davon abhängig, wie die Pensionskassen ihre ­Verpflichtungen bewerten. Das Beratungsbüro PPC Metrics nähert sich dem Ausmass der Umverteilung von einer anderen Seite an, indem es errechnet, welcher Teil der Rendite dem Kapital der ­Erwerbstätigen in Form von Zinsen gutgeschrieben wurde.

Ein Quervergleich ergibt keinen grossen Unterschied zwischen den beiden Methoden: Gemäss OAK beläuft sich die durchschnittliche jährliche Umverteilung auf 6,7 Milliarden Franken, gemäss PPC Metrics auf 6,2 Milliarden Franken. Die umverteilte Summe von 2009 bis 2013 hat PPC Metrics aufgrund eigener Zahlen berechnet. Sie sind repräsentativ und beruhen auf Daten von 294 Pensionskassen mit über 3,2 Millionen Versicherten und einem Vorsorgevermögen von gesamthaft 655 Milliarden Franken. (jho)

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