Und alle fielen auf sie rein

Anna Sorokin gab sich als steinreiches It-Girl aus und narrte die New Yorker Schickeria.

September 2013, Mercedes Fashion Week in New York: Anna Sorokin alias Anna Delvey. Foto: Rex/Shutterstock/Dukas

September 2013, Mercedes Fashion Week in New York: Anna Sorokin alias Anna Delvey. Foto: Rex/Shutterstock/Dukas

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Das Leben schreibt die besten Geschichten, heisst es, und die allerbesten Geschichten werden gern in Filmen und Serien nacherzählt – nur, dass die Schauspieler meist besser aussehen als die echten Betrüger, Diebe oder Mörder. Eine solche Story hat sich nun die amerikanische Serien-Queen Shonda Rhimes («Grey’s Anatomy», «Scandal») für ihre erste Netflix-Produktion ge­sichert – und was Rhimes tut, wird meistens zum Erfolg.

Sie handelt von der Gaunerin Anna Sorokin, die sich als Millionenerbin ausgab und diverse reiche und wichtige Menschen, hauptsächlich aus der New Yorker Kunst- und Medienszene, sowie Hotels und Banken um Hunderttausende von Dollar betrogen hat. Bis vergangenen Oktober alles aufflog. Seitdem sitzt die 27-Jährige in Rikers Island, einer Gefängnisinsel im New Yorker East River, und hat offenbar schon verlauten lassen, wer sie in der Netflix-Produktion verkörpern soll: Sie hätte gern entweder Margot Robbie oder Jennifer Lawrence. Beide ihrem Alter Ego auf Instagram würdig.

Dort posiert Anna Sorokin vor Privatjets, räkelt sich auf teuren Hotelbetten und imposanten Jachten und zeigt sich immer wieder mit schillernden und wichtigen Leuten an exklusiven Orten und Events wie der Biennale in Venedig oder der Art Basel in Miami. Ihre Freunde sonnten sich nur zu gern im Glamour dieser schwerreichen jungen Frau, die offenbar nicht wusste, wohin mit all ihrem Geld. Sorokin war clever genug, diese Schwäche für sich auszunutzen. Ihre Geschichte ist daher auch eine Geschichte über die Oberflächlichkeit der High Society und der Social-Media-Welt.

Sie wirkte nicht wie jemand, der viel Geld hat

Mit ihrem Instagram-Ich hat Anna Sorokins Gefängnis-Ich allerdings nicht mehr viel gemein. Das herzförmige Gesicht ist aufgedunsen, das lange, rotbraune Haar strähnig, und von ihrer Silhouette, die sie sich für Tausende Dollar von einer Personal-Trainerin hat formen lassen, ist unter den unförmigen Gefängnisklamotten nicht viel zu erkennen. Besonders gut und besonders reich sah sie allerdings nie aus. Offenbar war genau das einer ihrer Trümpfe. Weil sie nicht wirkte wie jemand, der Unmengen Geld hat, vermuteten alle, sie hätte umso mehr davon.

Wie Sorokins Doppelleben endete, schildert ein ausführlicher Artikel im «New York Magazine», den die Netflix-Produktion verfilmen wird. Es begann mit einem 100-Dollar-Schein, den eine junge Frau im Februar 2017 der Concierge im neuen Boutique-Hotel 11 Howard in Manhattan zuschob. Sie stellte sich als Anna Delvey vor, sagte, sie werde einen Monat bleiben – das Zimmer kostet etwa 400 Dollar pro Nacht – und fragte nach einem Tipp für «das beste Essen in SoHo».

Für eine Diplomatentochter gehalten

Es war einer von vielen 100-Dollar-Scheinen, die Anna Sorokin als Anna Delvey zückte. Für den Pagen, der ihr die vollen Einkaufs­taschen von Balenciaga oder Céline ins Hotelzimmer trug: 100 Dollar. Für den Uber-Fahrer: 100 Dollar. Für die Nagelartistin, die ihre Fussnägel mit ihrer Lieblingsfarbe – «ein helles Wes-Anderson-Rosa» – lackierte: 100 Dollar. Bis ins kleinste Detail erzählt das «New York Magazine», wie Anna Sorokin alle blendete und viele betrog: den Kunstsammler Michael Xufu Huang, den Hedgefondsmanager Martin Shkreli alias «Pharma Bro», Rachel Williams, Fotoredaktorin bei «Vanity Fair», den Architektensohn Gabriel Calatrava und viele mehr.

Die einen hatten gemeint, sie sei eine Diplomatentochter, andere dachten, ihr Vater sei ein hohes Tier in der Ölindustrie. Sie selbst sagte, sie wolle ein Zentrum für visuelle Kunst gründen, für Künstler wie Damien Hirst oder Jeff Koons; Christo habe versprochen, das Gebäude zur Eröffnung einzupacken, was offenbar niemand hinterfragte – auch, weil sie sich dafür tatsächlich mehrfach mit einflussreichen Leuten traf. Sie erzählte allen, sie stamme aus Köln; dass sie nicht gut Deutsch sprach, irritierte aber niemanden – nichts Ungewöhnliches bei reichen Kids, die überall und nirgends auf der Welt zu Hause sind. Es machte auch niemanden stutzig, wenn sie wieder mal «vergass», ihren Freunden First-Class-Flüge oder teure Dinners zurückzuzahlen. Kann ja mal passieren, wenn man sich um Geld keine Gedanken machen muss.

«Es gibt nur eine begrenzte Anzahl talentierter Menschen»

Die Wahrheit geht laut dem «New York Magazine» so: 1991 in Russland geboren, zog Anna Sorokin als Teenager mit ihren Eltern und dem jüngeren Bruder nach Deutschland. Ihr Vater arbeitete als Camionfahrer und später als Chef einer Transportfirma, bis diese bankrottging. Mit 20 zog sie nach London, dann nach Paris, wo sie ein Praktikum beim renommierten Kunst- und Modemagazin «Purple» erhielt. In diesem Moment nahm sie ihre neue Identität als Luxusgirl Anna Delvey an. Ihre unwissenden Eltern schickten ihr regelmässig Geld. Dass sie allen etwas vormachte, merkte als erstes das 11-Howard-Hotel. Ihre wochenlangen Aufenthalte wurden nie beglichen. Nach und nach kamen immer mehr gefälschte Überweisungsquittungen, ungedeckte Checks und überzogene Kreditkarten ans Licht.

Nun wartet Anna Sorokin alias Anna Delvey auf ihr Urteil und auf die Netflix-Serie über sie. Der Journalistin sagte sie bei einem Gespräch im Gefängnis: «Wissen Sie, es gibt unendlich viel Geld auf der Welt. Aber es gibt nur eine begrenzte Anzahl talentierter Menschen.» Dafür gibt es umso mehr Menschen, die sich von Geld und Glamour blenden lassen. Das machte es für Anna Sorokin so einfach. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.06.2018, 18:20 Uhr

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