Wenn plötzlich das ­lebensrettende Medikament fehlt

Lieferengpässe bei Antibiotika, Herz- und Krebsmitteln nehmen zu – ein aktueller Fall betrifft Aspirin cardio, das Herzinfarkten und Schlaganfällen vorbeugt.

Der Pharmariese Bayer will die Produktion von Aspirin cardio bald wieder aufnehmen. Bild: Adrian Moser

Der Pharmariese Bayer will die Produktion von Aspirin cardio bald wieder aufnehmen. Bild: Adrian Moser

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Jetzt also Aspirin cardio. Ein Medikament, das Hunderttausende von Menschen in der Schweiz nehmen, ist seit vergangener Woche nicht mehr lieferbar, weil der Hersteller die Fabrik modernisiert. Im «Hochpreisland» Schweiz fehlt dieses Medikament für rund sieben Franken. Es wirkt lächerlich, aber das Problem dahinter ist ernst.

Die Lieferengpässe bei Medikamenten häufen sich weltweit. In der Schweiz gibt es aktuell rund 390. Davon sind nicht nur Allerweltsmedikamente betroffen wie eben Aspirin cardio, das Herzinfarkten und Schlaganfällen vorbeugt. Betroffen ist regelmässig auch Lebensrettendes: Wirkstoffe, die Patienten in einem Notfall helfen (etwa bei einer Bienenstich­allergie), unverzichtbare Antibiotika, Krebs- und Herzmedikamente.

Welche Probleme das birgt, zeigen diese Beispiele:

  • Patient erwacht während Operation. Der Arzt will die wertvollen Restbestände gut einteilen und dosiert das Narkosemittel zu niedrig.
  • Patient stirbt. Das passende Antibiotikum war nicht erhältlich.
  • Mehrere kranke Früh- und Neugeborene bekommen Hautekzeme wegen Zinkmangel. Aufgrund ihrer Erkrankung müssen sie per Infusion ernährt werden, aber das lebenswichtige Spurenelement Zink ist nicht lieferbar.
  • Patient muss auf die Intensiv­station, weil er versehentlich die zehnfache Dosis Morphium erhält. Wegen eines Lieferengpasses wurde auf ein anders dosiertes Präparat ausgewichen.
  • Operationen werden gestrichen, Chemotherapien verschoben.

Alle Beispiele stammen aus Nordamerika. Seit 2007 hat sich in den USA die Anzahl der Lieferengpässe bei Medikamenten versiebenfacht. Manche dauerten nur Tage, andere über zwei Jahre.

In der Schweiz zählen zum Beispiel die Apotheker am Universitätsspital Basel die ­Lieferengpässe: 2010 waren «nur» 145 Präparate betroffen, 2013 gab es schon 310 Engpässe. «In der täglichen Praxis stehen immer öfter etablierte Arzneimittel nicht zur Verfügung», sagt Herbert Plagge, der dortige Leiter Pharmalogistik & Prozesse.

Abfluss des Pissoirs neben sterilem Herstellungsbereich

Auf der privat betriebenen Website www.drugshortage.ch gingen letztes Jahr 1467 Meldungen von Lieferengpässen aus der ganzen Schweiz ein, dieses Jahr sind es bisher 1140 (wobei manchmal nur einzelne Packungsgrössen fehlen). Von den als absolut notwendig geltenden Medikamenten, die der Bund erfasst, waren letztes Jahr total 77 (meist Antibiotika und Impfstoffe) durchschnittlich jeweils 130 Tage lang nicht lieferbar.

Was Arzneimittel betrifft, hängen westliche Nationen längst am Tropf von billiger produzierenden Ländern. So stammen zum Beispiel die Wirkstoffe für die meisten Antibiotika weltweit heute von wenigen Herstellern in China und Indien. Brennt es dort in einem Werk – wie 2016 passiert – gibt es weltweit Mangel. Und vor wenigen Wochen erst wurde eine krebserregende Substanz im populären Blutdrucksenker Valsartan entdeckt. Der verunreinigte Wirkstoff stammt von einem chinesischen Hersteller. Deshalb wurden nun in 22 Ländern Generika zurückgerufen. In der Schweiz betrifft das vier Firmen. Die in Europa hergestellte Substanz ist nicht betroffen.

Was Kontrolleure in Asien zum Teil antreffen, ist hier unvorstellbar: In einer indischen Fabrik, die Medikamente zum Spritzen herstellte, lag der offene Abfluss des Pissoirs sechs Meter entfernt vom sterilen Herstellungsbereich. Wird eine Fabrik stillgelegt, können die Konkurrenten nicht einfach rasch mehr produzieren. Denn die Produktionspläne sind meist auf Monate hinaus gemacht.

Steigender Kostendruck und sinkende Margen

Was das in Zahlen bedeuten kann, zeigte 2017 eine Studie im US-Fachblatt «Jama»: Demnach starben während einer Adrenalin-Krise an 26 US-Spitälern, die im Februar 2011 begann, 0,7 Prozent mehr Schwerkranke. Adrenalin stabilisiert im Schock den Kreislauf. Hochgerechnet auf die USA, starben also Tausende Menschen – wobei offen ist, ob dies dem Mangel an Adrenalin oder der Ersatztherapie geschuldet war.

Hauptgründe für die Lieferschwierigkeiten sind der steigende Kostendruck und sinkende Gewinnmargen. Entsprechend betreffen Lieferengpässe kaum teure Medikamente. «Wir erwarten Billigstpreise bei gleichzeitig höchster Qualität. Das geht nicht auf», sagt Plagge. Sein Rat: «Die Preispolitik hinterfragen. Im Gegenzug müssten die Hersteller eine Garantie geben, dass sie den kleinen Schweizer Markt zuverlässig beliefern.»

Kindermedikamente werden als Erste gestrichen

2005 etwa gab es noch 22 Arzneimittel mit dem bewährten und unverzichtbaren Antibiotikum Cotrimoxazol. Zehn Jahre später waren noch drei Präparate für Erwachsene auf dem Schweizer Markt. Und (vorübergehend) keines für Kinder. Wegen des geringen Marktanteils werden Kindermedikamente oft als Erste gestrichen.

Für die Apotheker kommen die Engpässe meist unvorhersehbar. Eine Meldepflicht seitens der Hersteller besteht bei uns nur für die 70 Wirkstoffe, die der Bund als essenziell einstuft. «Die Situation ist sehr unbefriedigend. Und es scheint nicht besser zu werden», sagt Ueli Haudenschild, der beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung dafür zuständig ist.

Import als schnelle Lösung

Rund 1,5 Stunden brauchen Plagge und seine Kollegen pro Engpass durchschnittlich für die Bear­beitung. «Bisher haben wir fast immer eine Lösung gefunden. Es sind noch nie Patienten zu Schaden gekommen», beruhigt er. Die Lösung besteht meist darin, auf die Schnelle andere Lieferanten zu finden, Medikamente aus dem Ausland zu importieren oder mehr zu lagern.

Bei Aspirin cardio sorgt der Hersteller Bayer nun dafür, dass die Produktion schneller als geplant wieder läuft. «Bayer bedauert die Unannehmlichkeiten, die sich daraus für Patienten sowie für Ärzte und Apotheker ergeben. Wir empfehlen betroffenen Patienten, ihren Arzt zu konsultieren, um alternative Behandlungsmöglichkeiten zu besprechen», sagt Sprecherin Irène Stephan. Von den fünf anderen Herstellern desselben Wirkstoffs können zwei im Moment noch liefern – fragt sich nur, wie lange.

Erstellt: 21.07.2018, 19:09 Uhr

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