Gibt es Hoffnung für das «Nordkorea Afrikas»?

In Eritrea verzweifeln viele an einem Staatsdienst, der Sklaverei nahe kommt. Dank der Aussöhnung mit Äthiopien könnte dieser nun enden. Besuch in einem Land im Aufbruch.

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Wenige Minuten vor Asmara sieht es kurz so aus, als würde dieser historische Flug sein Ziel doch nicht erreichen, nach dem sich viele an Bord seit Jahrzehnten sehnen. Es ist kurz nach Mittag am Mittwoch vergangener Woche, die grosse Boeing 787 Dreamliner der Ethiopian Airlines nähert sich der Hauptstadt Eritreas, der erste Direktflug seit 20 Jahren. Es sind nur noch Minuten bis zur Landung, man sieht schon Menschen auf den Strassen, aber noch immer stehen Passagiere in den Gängen, trinken Champagner, filmen mit Handys. Auch nicht durch die zunehmend eindringlichen Durchsagen sind sie auf ihre Plätze zu bewegen – eine Landung im Stehen, erst im letzten Moment werden sie von den Stewardessen auf ihre Sitze geschubst, alle lachen.

An Bord sind Menschen, die ihre Kinder, Väter und Mütter seit zwanzig Jahren nicht gesehen haben, deren engste Verwandte zu Feinden wurden, als Äthiopien und Eritrea 1998 in den Krieg gegenander zogen, zu denen es keinen Kontakt mehr geben durfte. Manche hatten nicht mehr geglaubt, ihre Liebsten je wiederzusehen, es gab bis vor wenigen Wochen keinerlei Grund, zu glauben, dass sich daran etwas ändern sollte.

«Ich war am Leben, aber doch schon tot», sagt Adisalem Abu. Ein hagerer Mann, der seinen besten Anzug angezogen hat für diesen Tag, mit einem Kugelschreiber in der Tasche des Jacketts, so, als gebe es etwas zu notieren. Seit 16 Jahren hat er seine Töchter nicht mehr gesehen, seit 16 Jahren, sagt er, «war mein Leben ohne Geschmack, ohne Bedeutung». Abu ist Äthiopier, er hatte eine Eritreerin geheiratet, es war eine von vielen Ehen über die Grenzen hinweg, die auf den Karten existierten, aber nicht in allen Köpfen.

Als der Krieg ausbrach, war seine Frau nicht mehr erwünscht, durfte nicht arbeiten und ging 2002 ins Nachbarland mit den beiden Töchtern. Die Grenzen schlossen sich. «Ich habe mir oft gewünscht, ich wäre tot», sagt Abu im Flugzeug. Am Flughafen wartet das neue Leben, stehen die beiden Töchter und nehmen den Vater in den Arm, es gibt keine Worte, nur Tränen.

Das «Nordkorea Afrikas»

Es ist ein Schauspiel, das sich jeden Tag wiederholt, mit jedem Direktflug ändern sich Schicksale, finden Leben wieder zusammen. Die Menschen drücken sich so fest, als könnten sie selbst nicht glauben, was da passiert. «The State of Eritrea» steht auf den Visa-Formularen am Flughafen von Asmara, wo nun die Neuankömmlinge in der Schlange stehen. «The State of Eritrea» hat im Englischen eine interessante Doppeldeutigkeit, weil es den Staat benennt, aber auch den Zustand des Landes.

Hunderttausende Eritreer haben in den vergangenen Jahren mit den Füssen über den Zustand ihres Landes abgestimmt: Aus keinem anderen afrikanischen Land fliehen so viele in die Schweiz. Sie fliehen vor dem Wehrdienst, der ein Leben lang dauern kann, und einer Zukunft, die nur aus Warten besteht. Diejenigen, die geblieben sind, wollen nun wissen, ob sich das Bleiben gelohnt hat.

«Wie seht ihr uns?», fragt ein Junge auf dem Basketballplatz, ein Jugendclub in einem Hinterhof in Asmara. Zwei Körbe stehen da und eine kleine Tribüne, auf der eine Handvoll Jugendlicher herumhängt und darauf wartet, dass das Leben losgeht. «Wie seht ihr uns?», bedeutet letztlich: Wo stehen wir? Gibt es Hoffnung? Viele Jahre lang galt Eritrea als das «Nordkorea Afrikas», in dem die Zustände derart katastrophal sind, dass Flüchtlinge von dort meist ohne grosse Prüfung anerkannt wurden. Die Erzählungen über die Zustände kamen meist von denen, die gerade geflüchtet waren – und wenig Interesse hatten, das Bild auch nur ein wenig aufzuhellen.

Asmara gilt vielen als die schönste Hauptstadt Afrikas

Was man in Asmara nun aber sieht, entspricht nicht dem Nordkorea Afrikas, man ist eher in der Toskana gelandet. Asmara gilt vielen als die schönste Hauptstadt Afrikas, die Italiener kamen 1882 hier an und gründeten ihre erste Kolonie, gegen den heftigen Widerstand der Eritreer. Die Italiener sind seit ihrer Niederlage im Zweiten Weltkrieg wieder weg, geblieben sind ihre Gebäude und ein Teil der Lebensart.

Die koloniale Attitüde, die Rassentrennung und die Grausamkeiten haben die Eritreer den Italienern nicht verziehen, den Latte macchiato, die vielen Cafés und die grandiose Architektur haben sie aber gerne behalten und gepflegt. Es wird flaniert, mit einem Panino in der Hand, es ist so angenehm und gemütlich wie in kaum einer anderen afrikanischen Metropole. Es macht nicht den Eindruck, als geschähen hier unangenehme Dinge, ausser dass der Cappuccino manchmal zu kalt serviert wird.


Bilder: Eritrea und Äthiopien schliessen Frieden


«Das Leben hier ist die Hölle, wir haben keine Hoffnung», sagt der Junge auf dem Basketballplatz, der seinen Namen nicht nennen will. Seit Jahren sieht er seine Freunde wegziehen, seit Jahren überlegt er, ob er mitgehen soll. Er ist 23 Jahre alt, seit mehr als fünf Jahren ist er im National Service, einer Art Wehr- und Arbeitsdienst, der nach Ansicht von Menschenrechtlern der Versklavung recht nahe kommt – und der Hauptgrund ist, warum Eritreer in Europa so häufig Asyl bekommen. Nach dem Gesetz darf der Dienst nur 18 Monate dauern, das Regime hat ihn aber für jeden unbegrenzt verlängert, den Menschen das Recht genommen, über ihr eigenes Leben zu bestimmen. «Ich kann mir nichts eigenes aufbauen, ich muss kommen, wenn man mich ruft», sagt der junge Mann.

Wer Glück und gute Beziehungen hat, der sitzt den Dienst in einer gemütlichen Amtsstube eines Ministeriums ab. Wer Pech hat, der muss in die Küstenebene, wo die Sonne töten kann, muss mit Spitzhacke und ohne Wasser Strassen bauen. Man trifft in Asmara jeden Tag Menschen, die der Dienst zu Krüppeln gemacht hat, mit kaputten Rücken, ausgeleierten Gliedern, seit Jahrzehnten in Ketten gelegt vom Staat. Egal, wen man fragt, die Alten in den Gassen oder die Jugendlichen auf dem Basketballplatz: Das Ende des National Service ist das Erste, was sich alle wünschen.

Osmanen, Ägypter, Italiener, Briten und Äthiopier

Dabei begann dieser Dienst einmal als gute Idee. Es war das Jahr 1991, Eritrea war gerade das erste Mal eigenständig geworden, hatte die Unabhängigkeit von Äthiopien erhalten, war zum ersten Mal in der Geschichte frei, so haben es damals viele empfunden. Es gibt wohl nur wenige Nationen auf der Welt, deren Bürger ein so empfindsames kollektives Gedächtnis haben. In Eritrea kann fast jeder die Epochen der Geschichte aufzählen, in denen man unter Fremdherrschaft stand: Osmanen, Ägypter, Italiener, Briten und Äthiopier – sie alle dachten zuerst an sich, nicht an Eritrea.

Mit der formalen Unabhängigkeit 1993 sollte alles anders werden, der National Service ein patriotischer Beitrag aller für alle, ein Dienst zum Aufbau der Nation. Es waren ein paar goldene Jahre voller Euphorie, voller Glück, das Schicksal in der eigenen Hand zu haben. Dann zogen Eritrea und Äthiopien wegen des Zugangs zum Meer, ein paar Grenzstreitigkeiten und der Dickköpfigkeit ihrer Führer in den Krieg – zwei Jahre lang mit 80'000 Toten.

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Seitdem rechtfertigt das Regime den ewigen Frondienst mit der Bedrohung durch den aggressiven Nachbarn. Schiebt den ganzen Zustand des Landes auf den Feind. Ganz falsch ist das nicht. Nach dem Krieg hatten beide Länder vereinbart, einen neutralen Schiedsspruch zur Grenzfrage anzuerkennen. Als der zugunsten Eritreas ausfiel, überlegte es sich Äthiopien anders.

Immer wieder forderten die Eritreer die UNO auf, den Schiedsspruch umzusetzen, immer wieder passierte nichts. Die USA und andere Grossmächte hatten sich auf die Seite Äthiopiens geschlagen, den Partner im Kampf gegen Terror, der selbst seine Bevölkerung terrorisierte. Eritrea zog sich zurück, machte die Bedrohung von aussen zur Staatsräson.

Aus Befreiungskriegern wurden Unterdrücker

Nun ist die Bedrohung auf einmal weg. Seit April regiert ein neuer Ministerpräsident in Äthiopien, der Liebe anstatt Hass predigt, der Frieden schliesst und Demokratie verspricht. Der dem Regime in Eritrea die Handlungsgrundlage der vergangenen Jahrzehnte unter den Füssen weggezogen hat. «Wir müssen das erst einmal verdauen», sagt Yemane Gebremeskel, der Informationsminister Eritreas. «Für uns kommt das völlig überraschend.»

Gebremeskel sitzt in seinem Büro, ein riesiges Ministerium auf einem grossen Hügel, den damals die Italiener als ersten eingenommen hatten. Von hier aus kontrolliert der Informationsminister nun das, was Zeitungen, Radio und Fernsehsender verbreiten. Alle Medien des Landes sind – um die Arbeitswege zu verkürzen – gleich im selben Gebäude untergebracht. Jahrelang war die Botschaft klar, Äthiopien war der Feind und Präsident Isayas Afewerki der strenge Vater der Nation, dem zu widersprechen Verrat am Befreiungskampf ist.

«Die Freude ist riesig»: Eritreas Informationsminister Yemane Gebremeskel. Bild: Reuters

In diesen Tagen sieht man den Präsidenten oft lächeln im Fernsehen, einmal sogar in Tränen, für viele Eritreer bisher undenkbar und schon allein ein Zeichen der Hoffnung, dass sich etwas ändert. Aber tut es das auch? Kann sich ein Regime, das sich bisher jedem Wandel widersetzte, selbst reformieren? «Der National Service wird normalisiert, das Gesetz ist klar, es sind nur 18 Monate», sagt der Informationsminister. Der jetzige Zustand sei eine Folge des Kriegszustandes, der nun aber beendet werden soll. Wann genau? «Das kann ich nicht sicher sagen», sagt der Minister.

Nach der Unabhängigkeit hatten die Befreiungskrieger in der Hauptstadt Asmara eine riesige Sandale aufgestellt, Monument und Symbol der Kampfes, in dem alle gleich waren, alle das gleiche Schuhwerk trugen. Mit den Jahren wurde das System ungleicher und korrupter, aus Befreiungskriegern in der Regierung wurden Unterdrücker. Die Sandale verschwand plötzlich von ihrem Sockel, sollte modernisiert und mit einem zeitgemässen Design versehen werden – was bis heute nicht gelang, der Platz auf dem Sockel ist leer.

Das Regime muss nun wohl versuchen, das zu schaffen, was mit der Sandale bisher nicht gelang: den Übergang in eine neue Zeit. Nur wie soll das gehen? «Niemand hat vorhergesagt, dass sich die Dinge in diesem Tempo bewegen. Die Erleichterung und Freude ist riesig», sagt der Informationsminister. Er drückt aber auch nicht unbedingt aufs Tempo. «Niemand kann sagen, was in fünf Monaten ist.»

Der junge Premier in Äthiopien gibt den Takt vor

Und niemand kann sagen, ob die Eritreer der Regierung noch so lange Zeit geben. Der junge Premier in Äthiopien, den alle Eritreer jeden Tag im Fernsehen der Nachbarn schauen, gibt den Takt vor, verkündet jeden Tag eine Reform, öffnet jeden Tag das Fenster zur Freiheit einen weiteren Spalt. Der lächelnde Präsident im eigenen Land hat in den Augen mancher zwar Sympathien zurückgewonnen. «Wir erwarten nun aber, dass er sich von den korrupten Ministern in der Regierung trennen wird, und glauben auch, dass er das tut», sagt ein junger Mann auf dem Basketballplatz.

Bisher hat die Regierung mit keinem Wort deutlich gemacht, ob sie das auch so sieht. Alles ist anders in Eritrea, das plötzlich in Frieden lebt mit dem alten Feind. Und alles ist gleich, alle warten auf ein klares Wort des Präsidenten, der bisher wenig geredet und für seine Verhältnisse viel gelächelt hat. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.07.2018, 19:56 Uhr

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