«Uns hassen jetzt alle. Scheissegal»

Der Ruf von GC ist ruiniert, die Schuld sieht der harte Kern der Fans vor allem bei den Medien. Unterwegs im Extrazug nach Bern.

Ankunft in Bern: Nur gerade 50 GC-Fans sind angereist, um ihre Mannschaft im Spiel gegen die Berner Young Boys anzufeuern. <nobr>Fotos: Raphael Moser</nobr>

Ankunft in Bern: Nur gerade 50 GC-Fans sind angereist, um ihre Mannschaft im Spiel gegen die Berner Young Boys anzufeuern. Fotos: Raphael Moser

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«GC Züri fahrt uswärts, es gad ufwärts», aus einer Lautsprecherbox schallt der Song des Zürcher Rappers zMz. In den Abteilen riecht es nach Tabak und Haschisch, der Boden ist vom verschütteten Bier verklebt. Die Stimmung ist heiter, der Sonderzug für die GC-Fans grösstenteils leer. Nur um die 50 Passagiere machen sich an diesem Donnerstag auf den Weg nach Bern, ans Spiel gegen den Meister YB.

Vier Tage ist es her, seitdem GC-Chaoten den zweiten Abbruch eines Spiels innerhalb einer Saison erzwangen. Beim Stand von 0:4 gegen den FC Luzern stiegen die Ultras über den Zaun, Polizisten marschierten auf das Spielfeld. Die Situation lief aus dem Ruder.

Ankunft in Bern Wankdorf. Wenig überraschend: Das Polizeiaufgebot ist massiv. Der Weg vom Bahnhof zum Stadion ist abgesperrt. Von einer Seite beobachten Zivilpolizisten, die alle wegen ihres Knopfes im Ohr leicht zu erkennen sind, das Fan-Grüppchen.

Der Fanarbeiter schweigt, die Kurve verharmlost

Was sagen die Fans zu den Ereignissen in Luzern? «Mir sind imfall kei Nazis!», ruft eine junge Anhängerin Richtung Eingang, wo die Fans später vom Sicherheitspersonal abgetastet werden. Vor dem Spiel irritiert die Fanvereinigung Sektor IV mit einer Medienmitteilung, die ziemlich selbstgerecht erscheint: «Lange haben wir zugewartet, versucht die Mannschaft zu unterstützen – leider sahen wir uns nach dem Tor zum 4:0 gezwungen, die Reissleine zu ziehen.» Wie ­viele Fangruppierungen ist Sektor IV nur über eine allgemeine Mailadresse kontaktierbar. Eine Gesprächsanfrage blieb unbeantwortet.

Von den mitgefahrenen Fans sagen die meisten, sie seien gegen Luzern nicht im Stadion gewesen. Ein Teenager meint, er sei weggelaufen, als es ungemütlich wurde. Ein Mitgereister, der auch in Luzern dabei war, ist Fanarbeiter Mattias Cadonau. Auf den Bildern ist er klar zu erkennen, wie er neben dem mittlerweile schweizweit bekannten Hooligan-Anführer Stefan N. steht und schlichten will. Am Freitag sagt Cadonau auf Anfrage, er müsse sich zuerst mit GC-Präsident Stephan Rietiker austauschen, ob er Fragen der SonntagsZeitung beantworten könne. Danach meldet er sich trotz Nachfrage nicht mehr.

Fast leere Ränge: «Wir sind dann mal im Knast», steht auf einem aufgehängten Transparent.

Zu den 50 Fans aus dem Extrazug sind in der Kurve etwa 30 weitere dazugestossen. Viele tragen die typischen Ultra-Kleider: weisse Reebok-Schuhe, schwarze Jacke oder Kapuzenpullis. In vielen Stadionkurven dient die identische Kleidung dazu, die Fans auf Kamerabildern schwerer identifizierbar zu machen. An diesem Donnerstag ist das aber nicht nötig. Es gibt weder Gewalt noch Pyros noch Krawall. Kein einziger der Fans verhält sich daneben. Die Chaoten bleiben offensichtlich zu Hause.

Die Hauptschuldigen an der Misere sehen sie nicht bei den fehlbaren Fans in den eigenen Reihen, sondern anderswo: bei den Journalisten. «Hätte es einen Terroranschlag in Zürich gegeben, wäre weniger darüber geschrieben worden», sagt einer. Auf der Toilette gibt es Kritzeleien gegen Polizei und Medien: «1312» – der Code für «All Cops Are Bastards» – und «Blick: Figget eui Müetere» steht da mit Filzstift geschrieben. Grosses Thema ist ein Artikel von «20 Minuten», in dem ein anonymer Ex-Hooligan zitiert wird, der «z Gröbschte» für das Spiel heute befürchtet. «Typisch Medien, immer alles übertreiben», sagt einer. Ein anderer meint: «Uns hassen jetzt alle. Scheissegal.»

Nach dem zweiten Gegentor kippt die Stimmung

Während des Spiels ist die Stimmung anfangs beschwingt. «Scheiss BSC – mir günned ja eh!» singen die Fans. Als ausgerechnet Roger Assalé, der kleinste Spieler auf dem Feld ein Kopftor erzielt, kippt es. «Mier sind GC, was sind ier?», ertönt es. Auch Trainer Uli Forte muss Schmähgesänge erdulden. In der 88. Minute, es steht unterdessen 1:6, fordert ein Anführer die Fans auf, den Sektor zu räumen. Das übliche Verabschieden des Teams vor den Fans entfällt. Nur Torhüter Heinz Lindner geht zu einem Buben hinter dem Tor und gibt ihm seine Handschuhe.

Auf der Rückfahrt steigt der Alkoholpegel der meisten Fans nochmals an, sie bleiben aber ruhig. GC ist am Boden, seine verbliebenen Fans scheinen resigniert. Als der Zug kurz nach Mitternacht in Zürich eintrifft, ruft ein Grüppchen: «Grasshoppers, Grasshoppers!» Ein anderer freut sich auf das Spiel am Mittwoch gegen Sion. Nur: Das Letzigrund-Stadion wird er nicht betreten dürfen. Am Freitag hat die Swiss Football League GC mit zwei Geisterspielen bestraft. Es wird ein leiser Abstieg. Ohne Fangesänge, aber auch ohne Ausschreitungen.



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Erstellt: 18.05.2019, 22:00 Uhr

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