Zürcher Kinderspital wegen Keimen gerügt

Hersteller von Medizinprodukten liefern mit Bakterien befallene Ware – und die Spitäler desinfizieren ihre Geräte nicht richtig.

Inspektionen zeigen: Spitäler desinfizieren nicht richtig. Bild: Getty Images

Inspektionen zeigen: Spitäler desinfizieren nicht richtig. Bild: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach einer Herzoperation glaubte Daniel Buchholz*, sein Leben würde nun einfacher werden. Vier Jahre vergingen, bis sich der Senior 2017 plötzlich krank fühlte, als hätte er sich eine Grippe zugezogen. Er wurde immer schwächer, die Ärzte kämpften um sein Leben – doch diesen Frühling starb der Mann. Laborwerte zeigten eine Infektion mit Mycobacterium chimaera, ein der Tuberkulose ähnlicher Bazillus.

Stefan Wagner* hingegen lebt, er kann seine Geschichte erzählen. Wagner weiss seit jungen Jahren, dass er eine undichte Herzklappe hat. Mit 48, als ihm beim Skifahren und Biken immer schneller die Luft ausgeht, lässt er im April 2014 sein Herz am Unispital Basel operieren.

Bald nimmt er das Fitnesstraining wieder auf. Er steht auf dem Crosstrainer und wundert sich: Der Puls ist höher als sonst, für dieselbe Strecke braucht er länger als früher. Im Frühjahr 2015 wacht er nachts schweissgebadet auf, sein Pyjama klatschnass. Wegen Kurzatmigkeit wird Wagner ins Spital eingeliefert. Nach einem monatelangen Ärztemarathon endlich die richtige Diagnose: Infektion mit dem Mycobacterium chimaera. Auch er.

Grafik vergrössern

Schuld ist mutmasslich ein mit Bakterien kontaminiertes Operationsgerät. In der Schweiz erkrankten mindestens 12 Patienten wegen des Bakteriums, weltweit über 100. Sie alle wurden am Herzen operiert, immer stand ein Kühlgerät des weltweit tätigen britischen Herstellers Livanova im OP. Wagners Anwalt, der Basler Nicolai Fullin, ist überzeugt: «Die Bakterien stammen aus einer Fabrik der Firma Livanova». Er will gegen den Hersteller vorgehen.

Spitalinfektionen raffen in Europa jedes Jahr rund 91'000 Menschen dahin. In der Schweiz gab es vom 1. Oktober 2015 bis zum 30. September 2017 über 57 000 Infektionsfälle nach Operationen in 168 Spitälern. Das zeigt der aktuelle Bericht des Nationalen Vereins für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken (ANQ) und der Swissnoso, dem nationalen Zentrum für Infektionsprävention.

Recherchen weisen auf eine mögliche Infektionsquelle hin, denn das Problem mit dem Herz-OP-Gerät ist kein Einzelfall. Von 2005 bis 2018 gab es bei der Schweizer Heilmittelbehörde Swissmedic insgesamt 690 Rückrufe wegen nicht steril gelieferter Medizinprodukte – das sind im Schnitt fünf Warnhinweise pro Monat. Darunter befanden sich 70 verschiedene Implantate und 65 Modelle von Herzkathetern. Das ergibt die Auswertung der dringenden Rückrufe durch das Recherchedesk und das Datenteam von Tamedia im Rahmen der «Implant Files».

Doch das ist nicht alles. Wenn Medizinprodukte in den Spitälern in Gebrauch sind, werden beim Desinfizieren Regeln missachtet. Dies zeigen Inspektionsberichte der Heilmittelbehörde Swissmedic, welche diese Zeitung gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz erhalten hat. Im ersten Halbjahr 2018 hat Swissmedic gegen drei Deutschschweizer Spitäler Massnahmen wegen grober Verstösse erlassen. Die Inspektionen fanden 2016 statt. Betroffen sind das Kantonsspital Aarau, das Kinderspital Zürich und die Klinik Hirslanden in Zürich. Swissmedic kategorisiert vier mögliche Stufen von Verfehlungen. Die höchste ist die sogenannte «Nichtkonformität». Das ist eine «schwerwiegende Abweichung» von Bestimmungen des Heilmittelgesetzes. Die Kontrolleure stiessen beim Kinderspital auf acht solcher Gesetzesverstösse, beim Hirslanden waren es vier und in Aarau drei.

Endoskope sind nicht steril

Ein besonderer Schwachpunkt ist die Wiederaufbereitung, also die Reinigung und Desinfektion von Endoskopen. Das sind Sonden, die Ärzte in das Innere des Körpers einführen, um beispielsweise den Darm oder die Lunge zu untersuchen und minimal invasiv kleinere Eingriffe vorzunehmen. Eigentlich sind sie ein Segen für die Patienten – wenn sie denn garantiert keimfrei wären. Die Kontrollen zeigen aber ein anderes Bild. Frédy Cavin, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Sterilgutversorgung, geht als Experte bei Inspektionen mit. Er sagt: «Manchmal ist es schockierend, was man vorfindet.»

Die Spitäler würden zum Teil zu schwache Desinfektionsmittel verwenden oder die Endoskope mit Geräten behandeln, die nicht gut genug seien, sagt Cavin. Oft seien die Maschinen nicht validiert. «Mit der Validierung müsste geprüft werden, ob das Gerät tatsächlich gut wäscht und desinfiziert.» Laut den Inspektions-Rapporten fehlten solche Validierungsberichte bei allen drei Spitälern. Das Kinderspital konnte zudem nicht zeigen, dass sein Spülwasser keimfrei war.

Die Folgen können gravierend sein. «Wenn man die Wiederaufbereitung von Endoskopen nicht richtig macht, sind noch die Keime des Patienten von vorher am Gerät», sagt Cavin.

Warnung auf der Website von Swissmedic: Ein nicht verschweisster Beutel eines Implantats.

Dazu muss man wissen: In den letzten Jahren ist die Zahl der Spitalinfektionen nach Darmeingriffen dramatisch gestiegen. Das zeigen die ANQ-Zahlen. Bei 270 Operationen von Oktober 2016 bis Oktober 2017 infizierte sich jeder fünfte Patient.

Auch die Aufbewahrung der Endoskope ist laut den Prüfberichten problematisch. Effektiven Schutz vor Keimen würden hermetisch abgeschlossene Schränke mit guter Lüftung und einem sogenannten Hepa-Filter gewährleisten, steht im Rapport. Doch die Sonden werden zum Teil sorglos in alte, nicht belüftete Holzschränke gesteckt. Ohne Schutzhüllen. Neben irgendwelchem anderen Material. So fanden es die Inspektoren in der Privatklinik Hirslanden und im Kinderspital vor. Sie bemängelten auch eine zu lange Aufbewahrungszeit. Im Kinderspital stiessen sie auf Verpackungsmaterial für sterile Produkte, das in der sogenannten Schmutzzone aufbewahrt wurde.

Die Spitäler weisen alle darauf hin, dass die Mängel inzwischen behoben seien. «Die Beanstandungen bedeuten nicht, dass es früher gefährlich oder unhygienisch war», sagt Isabelle Wenzinger vom Kantonsspital Aarau. Und im Hirslanden heisst es, der bemängelte Aufbewahrungsschrank für Endoskope sei prophylaktisch durch ein Modell aus Metall ersetzt worden.

Experte fordert härtere Sanktionen gegen Spitäler

Die Sanktionen gegen die Spitäler sind relativ harmlos. Bussen erhalten sie nicht. Swissmedic fordert sie auf, die Fehler umgehend zu korrigieren und Gebühren für den Aufwand der Behörde zu bezahlen. Das macht für die Klinik Hirslanden 1200 Franken. Die Kinderklinik des Zürcher Universitätsspitals muss 9200 Franken bezahlen. Sie benötigte fast zwei Jahre und mehrfache Mahnungen, bis sie die beanstandeten Fehler korrigierte.

Der Experte Cavin fordert härtere Strafen. Bisher habe die Idee vorgeherrscht, dass man die Spitäler sensibilisieren und die Leute schulen mu?sse, dann werde sich die Situation verbessern. Deshalb seien die Sanktionen eher milde. «Wir sollten strenger sein», sagt er. Swissmedic reagiert auf die Missstände: Bernhard Bichsel, Leiter der Abteilung Medizinprodukte, sagt: «Da wir bei Hygiene und Aufbereitung von Endoskopen immer wieder auf Mängel stossen, führen wir 2019 eine Schwerpunktaktion durch.»

*Namen geändert

Hinweise: recherchedesk@tamedia.ch

Die Hirslanden-Klinik präzisiert, dass es sich in ihrem Fall um Bronchioskope für die Untersuchung der Lunge handelte.

Erstellt: 29.12.2018, 23:23 Uhr

Spitäler melden schwere Vorfälle nicht

Die Patientensicherheit hängt davon ab, dass Fehler bekannt werden.

Kommen in einem Spital Implantate, medizinische Geräte oder Instrumente zum Einsatz, dann hängt die Gesundheit der Patienten davon ab, dass nebst den Herstellern auch Ärzte und Spitäler Fehler melden. Sie arbeiten täglich mit den zum Teil hochsensiblen Geräten und Prothesen. Sie können warnen, wenn Probleme auftauchen. Nur so erfahren die Behörden, wenn ein gefährliches Medizinprodukt auf dem Markt ist.

Doch Inspektionsberichte der Schweizer Heilmittelbehörde Swissmedic, die das Recherchedesk dank dem Öffentlichkeitsgesetz erhalten hat, zeigen, dass Spitäler dieser Verantwortung oft nicht nachkommen. Gegen das Kantonsspital Aarau, das Zürcher Universitäts-Kinderspital und die Privatklinik Hirslanden in Zürich hat Swissmedic deshalb in diesem Jahr Massnahmen verfügt. Die Inspektionen fanden 2016 statt. In den Berichten halten die Kontrolleure gravierende Unterlassungen fest. So hat die Klinik Hirslanden in den Jahren 2012 bis 2016 ein einziges schwerwiegendes Vorkommnis mit einem Medizinprodukt gemeldet. Im selben Zeitraum meldeten Hersteller hingegen 40 Vorfälle, die das Hirslanden betreffen. Swissmedic schreibt deshalb von einem «systematischen Problem».

Swissmedic verschärft Bussen gegen Ärzte und Spitäler

Ein ähnliches Bild zeigt sich im Kantonsspital Aarau. Von 2013 bis 2016 meldeten Hersteller 95 Vorfälle mit Medizinprodukten, die sich dort zugetragen hatten. Das Spital selbst schickte aber nur in 14 Fällen eine Warnung an Swissmedic. Auch beim Kinderspital wurde nur ein Drittel der schwerwiegenden Vorfälle gemeldet. Swissmedic zeigt sich verärgert über diese Situation. Die Spitäler würden «systematisch schlechter» melden als die Hersteller. «Und unter den Spitälern melden die Privatkliniken am schlechtesten», sagt Bernhard Bichsel, Leiter der Abteilung Medizinprodukte bei der Heilmittelbehörde.

Das Recherchedesk hat bereits im Frühjahr bekannt gemacht, dass die Uni-Spitäler Zürich und Basel sowie das Kantonsspital St. Gallen von einem Hersteller Kanülen mit Rostspuren, OP-Instrumente mit Metallsplittern oder verbogene Nasensauger kauften. Die krassen Mängel meldeten sie Swissmedic allerdings nicht. Die Spitäler wurden deshalb gebüsst – mit jeweils 5000 Franken.

Bei den drei neuen Fällen verzichtet Swissmedic auf ein Strafverfahren. Die Spitäler müssen lediglich Verbesserungen vorzeigen und Gebühren bezahlen. Doch die Schonfrist ist vorbei. Die Meldepflicht sei jetzt hinlänglich bekannt, sagt Swissmedic. Deshalb gelten ab 1. Januar 2019 schärfere Strafen. Neu können Personen für eine fahrlässig begangene Meldepflichtverletzung mit 20'000 statt wie bisher mit 10'000 Franken bestraft werden. Wurde vorsätzlich nicht gemeldet, liegt die Höchststrafe bei 50'000 Franken. Auch die Busse für Spitäler wird von 5000 auf 20'000 Franken erhöht. Swissmedic will künftig statt des Unternehmens vermehrt verantwortliche Angestellte oder Ärzte belangen.

Catherine Boss

Implant Files – Recherchen führten zu Untersuchungen



250 Journalisten aus 36 Ländern enthüllten weltweit Missstände bei Medizinprodukten. Der Recherchedesk der Tamedia hat eine Versechsfachung der Rückrufe und den Implantate-Skandal um die künstliche Bandscheibe Cadisc-L publik gemacht. Seither untersuchen eine Taskforce der Hirslanden-Gruppe und die Berner Staatsanwaltschaft den Fall.

Artikel zum Thema

Unantastbare Götter in Weiss

Kommentar Das System lässt es zu, dass die schwarzen Schafe meist unantastbar bleiben. Mehr...

Die Patienten werden zu Versuchskaninchen

Leitartikel Die Implant Files zeigen, wie schlecht getestete Implantate auf den Markt gelangen. Hochwertige Produkte würden sogar Kosten senken. Mehr...

Wofür erhielt der Chefarzt das Geld?

Ein Chirurg soll für den Einsatz von Implantaten einer St. Galler Medtech-Firma Provisionen bezogen haben. Die Zahlungen wurden als Honorare getarnt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...