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Unter «Du Hitler!» gehts nicht mehr

Tatsächlich hatte sich AfD-Chef ­Alexander Gauland bei seinem Gastbeitrag nicht bei Hitler bedient – sondern: beim «Tagesspiegel».

Aller Voraussicht nach wird die AfD heute bei der Bayernwahl jubeln können – und damit ganz Deutschland noch näher an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen. Einen Vorgeschmack darauf, wie sich die ohnehin schon überhitzte Debatte noch weiter anheizen lässt, lieferte diese Woche der «Tagesspiegel». Die ­Zeitung begnügte sich nicht mehr damit, die ­ungeliebte Partei und ihre Anhänger pauschal mit den Nationalsozialisten gleichzusetzen, wie es in den letzten Wochen und Monaten gang und gäbe geworden ist. Es musste eine weitere Eskalationsstufe erreicht und eine neue, noch bösere Diffamierung gefunden werden, um den mittlerweile etwas abgenutzten Nazi-Vergleich übertreffen zu können.

Die Gelegenheit dazu bot sich, als AfD-Chef ­Alexander Gauland in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» einen Gastbeitrag veröffentlichen durfte. Viele Kommentatoren fanden den Akt an sich schon verwerflich: Obwohl Gauland Anführer der grössten Oppositionspartei des Landes ist, soll er nicht wie andere Politiker in Zeitungen eigene Meinungsbeiträge publizieren dürfen, forderten sie. Der «Tagesspiegel» ging aber noch einen Schritt weiter, nahm eine Art journalistische Recherche in Angriff und titelte auf der Frontseite: «Gauland argumentiert wie Hitler».

Die Zeitung behauptete, dass Gaulands Text Ähnlichkeiten mit einer Rede Adolf Hitlers von 1933 besitze.

Die Zeitung behauptete, dass Gaulands Text Ähnlichkeiten mit einer Rede Adolf Hitlers von 1933 besitze. Tatsächlich raunten beide gegen die Globalisierung und die angebliche Heimatmüdigkeit der Elite. Während Gauland die «globalisierte Klasse» anprangerte, der es egal sei, ob sie in «Berlin, London oder Singapur» lebe – ging Hitler auf die «kleine, wurzellose, internationale Clique» los, die in «Berlin, Brüssel oder ­Paris» zu Hause sei. Jedenfalls gab es für den «Tagesspiegel» Hinweise genug, dass sich der AfD-Anführer bei niemand Geringerem als Adolf Hitler persönlich bedient haben musste. Statt «Du Nazi!» hiess es nun also: «Du Hitler!». Statt den politischen Gegner wie bisher nur als Teil der schlimmsten Verbrechergruppe der ­Geschichte identifizieren zu wollen, ist er jetzt der Leibhaftige in persona.

Das Problem an solch steilen Thesen heut­zutage ist, dass sie von den sozialen Medien nicht nur umgehend aufgenommen, sondern auch kritisch geprüft werden. Und tatsächlich hatte sich Gauland bei seinem Gastbeitrag nicht bei Hitler bedient – sondern: beim «Tagesspiegel». Ein dort vor zwei Jahren erschienenes ­Essay stimmte teils wortwörtlich mit Gaulands Text überein. So hiess es im «Tagesspiegel»: «Diese neue globalisierte Klasse sitzt in den Medien, in den Start-ups und NGOs ( . . . ) , und weil sie die Informationen kontrolliert, gibt sie überall kulturell und politisch den Takt vor.» Und bei Gauland: «Diese globalisierte Klasse sitzt in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie der UN, in den Medien, Start-ups, Universitäten, NGOs ( . . . ) , und weil sie die Informationen kontrolliert, gibt sie kulturell und politisch den Takt vor.»

Während Gauland jeglichen geistigen Diebstahl bestreitet, stellte der Autor des «Tagesspiegel»-Beitrages fest: «Das sind eindeutige Plagiate. Wie ein Fingerabdruck. Das hat mich erschreckt.» Auf die Schlagzeile «Tagesspiegel verwechselt Tagesspiegel mit Hitler» verzichtete die Zeitung jedoch.

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