Unter ­Rüpeln

Schminken im Zug, Sitzenbleiben im Tram, Schwatzen im Kino: Man gibt sich locker, ist aber bloss rücksichtslos.

Manche Menschen scheinen Schamgefühle und gute Manieren aus ihrem Alltag komplett verbannt zu haben. Illustration: Melk Thalmann

Manche Menschen scheinen Schamgefühle und gute Manieren aus ihrem Alltag komplett verbannt zu haben. Illustration: Melk Thalmann

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Der Zug ist voll von Pendlern, doch das kümmert die junge Frau nicht im Geringsten. Als wäre sie in ihrem privaten Badezimmer, deckt sie erst Pickel und Augenringe ab, zieht die Augenbrauen nach, trägt Lidschatten auf. Tägliche Make-up-Routine. Bevor sie zum Wimperntuschen ansetzt, wirft sie der Frau gegenüber einen warnenden Blick zu: Hey, wenns dich stört, ist das dein Problem! Die anderen gaffen derweil versteinert auf ihre Handys, tun so, als wäre Schminken im ÖV die normalste Sache der Welt. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis man Männer im Tram bei ihrer Morgenrasur bestaunen wird und eventuell sogar Hand bieten muss, weil sie das mit dem Haargel am Hinterkopf selber nicht hinkriegen.

Manche Menschen scheinen Schamgefühle und gute Manieren aus ihrem Alltag komplett verbannt zu haben. Erlaubt ist, was gerade behagt. Die Füsse auf das Sitzpolster zu knallen, ist längst kein Akt der Rebellion mehr, nein, man ist einfach so entspannt unterwegs und so easy drauf und mit sich selber derart im Einklang, dass es einem gar nicht mehr in den Sinn kommt, dass es eventuell nicht allen behagt, wenn man sich in der Öffentlichkeit benimmt, als wäre man daheim. Man gibt sich locker – ist aber bloss unanständig. Man macht auf liberal und handelt im Grunde rücksichtslos.

Seelenruhig das miefende Curry auspacken

Schminkenden oder nagelfeilenden Prolls kann man immerhin zugutehalten: Die tun ja niemandem was. Im Gegensatz zu jenen, die auch dann breitbeinig sitzen bleiben, wenn sich eine Person auf den halben Sitz neben ihnen zu quetschen versucht. Oder jenen, die ihre Tasche partout nicht vom freien Sitz nehmen, egal, wie voll der Bus noch wird. Nicht zu vergessen all die superrelaxten Digital Junkies, die sich lustige Youtube-Filme oder ­Ferienvideos ihrer Freunde ohne Kopfhörer reinziehen. Kopfhörer? Nein, habe keine dabei, wieso?

Nun ja, weil es stört. Weil es unverschämt ist. Die Antwort lautet dann, egal, wie charmant oder uncharmant man sich zur Wehr setzt: Dauert ja nicht lange! Was wiederum impliziert: Entspann dich, du Spiesserin. Eine Entschuldigung gibt es nur äusserst selten. Meist fehlt nämlich die Einsicht, dass man andere mit seinem Egotrip belästigen könnte. Völlig unvorstellbar offenbar auch, dass andere genauso Bedürfnisse und Rechte im Alltag haben wie man selbst. Nur so lässt sich erklären, warum manche im Wartezimmer beim Arzt ungeniert einen Fussballmatch mit Ton auf dem Smartphone schauen. Oder im Tram seelenruhig ihr miefendes Curry-Menü auspacken. Als gäbe es die anderen um sie herum gar nicht. Als wären all die Mitmenschen einfach Luft.

Selbst wenn es um Leben und Tod geht, fehlt es an Respekt.

Diese urbane Arroganz scheint derzeit immer weitere Kreise zu ziehen, wie eine ansteckende Krankheit, gegen die kaum jemand resistent ist. Wie du mir, so ich dir. Wenn du mir auf den Wecker gehst, dann nerve ich dich eben auch. Ätsch. Ob sich solche Unsitten tatsächlich epidemisch ausbreiten, lässt sich mit Zahlen jedoch kaum belegen. Videotelefonieren über Lautsprecher, Nichtaufstehen im Tram oder Schwatzen im Kino ist nicht strafbar. Darum taucht das Anstandsmanko auch in keiner Statistik auf. Soziologen beklagen aber einen zunehmenden Mangel an Solidarität und Rücksichtnahme: Es herrsche kein Konsens mehr darüber, was gute Manieren seien. Jeder entscheidet das mehr oder weniger individuell. Wer sich beschwert, dass Benimmregeln im Alltag nicht eingehalten werden, gilt deshalb immer öfter als hysterisch oder gar aggressiv.

Dass sich ausgerechnet Menschen in Ballungszentren benehmen, als wären sie allein auf dieser Welt, ist besonders skurril. Wie Kinder, die glauben, dass sie unsichtbar sind, wenn sie die Augen schliessen. Diese naive Trotzreaktion hat psychologisch betrachtet jedoch einen sehr plausiblen Grund: Reizüberflutung. Auch bekannt als Dichtestress. Die Menschenmassen, der ständige Lärm, der Dauerverkehr, die eigene schlechte Laune, das macht madig. Um in der Hektik überleben zu können, muss man das Umfeld zwischendurch ausblenden. Leider geht das oft auf Kosten von Empathie und Anstand, zumal man in einer anonymen Masse kaum Konsequenzen für seine Schroffheit zu befürchten hat. Manche schotten sich von der Umwelt derart konsequent ab, mit Kopfhörern auf den Ohren, den Blick unentwegt aufs Handydisplay gerichtet, dass sie gar nicht mehr wahrnehmen, wenn sich ein betagter Mensch direkt neben ihrem Sitz zittrig an die Stange klammert.

Rücksichtslosigkeit ist allerdings nicht nur eine Frage von Abstumpfung. Sie wird immer öfter auch anerzogen. Laut dem deutschen Konfliktforscher Andreas Zick leben wir in einer Gesellschaft, in der Kinder schon früh lernen, sich behaupten zu müssen, und in der Beziehungen nach Kosten und Nutzen beurteilt werden. Kein Wunder also, sind immer mehr Menschen überzeugt, dass sie zuerst ihre eigenen Interessen durchsetzen sollten. Rüpelhaftigkeit und Alltagsaggression sind dann mögliche Mittel, um zu seinem Recht zu kommen. Der Respekt schwindet sogar in Situationen, in denen es um Leben und Tod geht: Ärztinnen müssen sich in der Notaufnahme von Patienten anpöbeln lassen, weil diese nicht sofort an die Reihe kommen. Sogar Sanitäter werden laut Zick angeschnauzt, weil sie «im Weg stehen». Sie stören offenbar, auch wenn sie gerade Menschenleben retten.

Auf den Abend zu zweit folgt das totale Schweigen

Eine Verrohung der Gesellschaft diagnostiziert auch der Kolumnist und Autor Alex Hacke in seinem Bestseller «Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen». Der Mittelstand fürchte sich heute so sehr vor einem Statusverlust, dass die Eltern ihren Kindern statt Höflichkeit lieber beibringen, wie sie die Konkurrenz abhängen. Auf der Strecke bleiben nicht nur die Umgangsformen, sondern der Anstand in seiner elementarsten Funktion: als Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, so Hacke.

Dass dieses soziale Bindemittel immer öfter fehlt, macht sich auch in privaten Beziehungen bemerkbar. Auf Online-Datingplattformen ist es gang und gäbe, ungeeignete Kandidaten ohne ein einziges Wort des Abschieds, geschweige denn der Begründung zu löschen – obwohl man ein paar Tage davor noch einen netten Abend miteinander verbracht hat. In der analogen Welt kämpfen Beziehungswillige genauso mit Grobheiten und Unverbindlichkeiten, die in Filmen wie «Freunde mit gewissen Vorzügen» vorgelebt und sogar legitimiert werden. Dabei sind solche und andere betont zwanglose Liebesverhältnisse ziemlich asozial. Meist will man sich aus reinem Egoismus nicht für oder gegen etwas Festes entscheiden, hält den anderen je nach Lust und Tagesform in Wartestellung, lässt ihn aber fallen, sobald sich etwas Aussichtsreicheres ergibt. Das ist nicht locker. Das ist respektlos.

Zu viele denken nur ans Klima

Anstand ist weder spiessig noch anstrengend, wie man auf den ersten Blick meinen könnte, sondern genau das Gegenteil davon. Das Zusammenleben wird einfacher, wenn die Leute einander mit Wohlwollen begegnen. Gerade in der Stadt ist das besonders von Vorteil, denn hier müssen auf engstem Raum Gruppen miteinander klarkommen, deren Lebensweisen oft unvereinbar sind. Ökos und SUV-Fahrer, die Hipster und die aus der Agglo, Eltern und Singles, Velofahrer und Fussgänger, Linke und Rechte.

Sie alle reden derzeit von der Umwelt, wie wichtig es ist, ihr mehr Sorge zu tragen. Vielleicht sind es am Schluss bloss Worte, aber momentan gehört es zu einem anständigen Lifestyle, auf Flüge, Fleisch und Plastik zu verzichten. Da wäre es doch ein Anfang, beim Thema Umwelt nicht nur an das Klima, sondern ebenso an die Mitmenschen zu denken. Und auf diese genauso zu achten.

Es fühlt sich nämlich gut an, jemandem seinen Platz im Tram anzubieten. Es braucht Mut und Einfühlungsvermögen, einem Date respektvoll beizubringen, dass es mit der Beziehung nichts wird. Und wenn man auch noch einem kleinen Mädchen in der Badi den Vortritt lässt, weil es offenbar dringender auf die Toilette muss, dann macht das richtig glücklich.



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Erstellt: 17.08.2019, 18:04 Uhr

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