Unverkrampfter Virtuose

Daniel Hope ist einer der Superstars der Klassik – diesen Sonntag erweitert der ­Musikdirektor des Zürcher Kammerorchesters seine Echo-Sammlung.

Daniel Hope kurz vor einem Auftritt in Zürich. Bild: Esther Michel

Daniel Hope kurz vor einem Auftritt in Zürich. Bild: Esther Michel

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zürich «Noch 15 Minuten.» Die Stimme aus dem kleinen Lautsprecher der Solistengarderobe des Zürcher Tonhalle-Provisoriums verrät Hektik. Stargeiger Daniel Hope schlüpft in perfekt polierte Schuhe, rückt erst die Hosenträger und dann die Krawatte zurecht, fingert an seinen Manschettenknöpfen in Form kleiner, runder Thermometer. Er hat sie «einfach nur, weil sie witzig sind». Es klopft. Jemand will wissen, ob der Solist noch etwas braucht: «Inspiration», scherzt der Brite und tritt vor den Spiegel. Letzte Kontrolle, ein kritischer Blick und auch ein bisschen Eitelkeit.

Strassenlärm dringt durch das offene Fenster in den container­artigen Raum, der nicht recht zum renommierten Virtuosen passen will – dem Bestsellerautor, dessen Biografie derzeit in «Der Klang des Lebens» im Kino zu sehen ist; dem Musikdirektor des Zürcher Kammerorchesters, dem am Sonntag an der Echo-Verleihung 2017 in der Hamburger Elbphilharmonie zwei Echos für Aufnahmen mit seinem Orchester verliehen werden – sieben Echo-Klassik-Awards hat er schon.

Obst, ein Stück Schokolade, Wasser und WLAN

Daniel Hope befestigt sein Tablet auf einem Ständer – seine Noten sind digital. «Ich geniesse Technologie», sagt er. Sie sei praktisch – etwa beim Blättern auf der Bühne. Das tut er diskret per Fussdruck auf ein kleines Pedal. «Technologie hilft uns aber auch, Menschen in der ganzen Welt zu erreichen –egal, wo wir spielen.» Begeistert erzählt er, wie dank des Internets Menschen in Asien seine wöchentliche Sendung im deutschen Radio WDR 3 mitverfolgen. «Ich will die Musik teilen – mit so vielen wie möglich.» Deshalb bedient er auch Facebook und Youtube.

Trailer zum Album «Escape to Paradise» von Daniel Hope. Video: Youtube/Deutsche Grammophon

Die Technologie verbindet Hope aber nicht nur mit der Welt, sondern auch mit seiner Familie, die in Berlin zu Hause ist. Darum darf in seiner Garderobe neben Wasser, Obst und einem Stück Schokolade die WLAN-Verbindung nicht fehlen. «Wenn ich kann, facetime ich mit meinem Sohn vor den Konzerten.» Ein bedeutendes Ritual, weil der Vierjährige dann meist auf dem Weg ins Bett ist. «Dieser kurze Plausch liegt mir am Herzen.» Wie wichtig ihm Familie ist, wurde Hope so richtig bewusst, als er für sein erstes Buch Ahnenforschung betrieb. «Familienstücke» heisst die Saga mit autobiografischen Elementen.

Seine Vorfahren flohen vor den Nazis nach Südafrika, wo Daniel Hope 1973 als Sohn eines Schriftstellers und Anti-Apartheid-Aktivisten zur Welt kam. Sechs Monate später kehrten seine Eltern dem Land den Rücken.

In London heuerte Hopes Mutter als Sekretärin beim Violinvirtuosen Yehudi Menuhin an. Dieser pflegte zu sagen: «Daniel fiel mir als Zweijähriger in den Schoss.» Unter den Fittichen Menuhins entdeckte der Junge seine Liebe zur Geige und stand später mit seinem Mentor auf der Bühne.

Aus dem Lautsprecher scheppert der Countdown: «Noch 10 Minuten bis Konzertbeginn.» Der Anlass heisst «Menuhins Erben». Behutsam wickelt Hope seine 1742 Guarneri del Gesù aus dem roten Samttuch. Wie teuer die Geige ist, verrät er nicht. Eine deutsche Familie liess ihn ein Instrument auswählen, kaufte es und stellt es ihm zur Verfügung.

Hope geht konzentriert einige Passagen durch, jene, «die noch ein bisschen Liebe brauchen», wärmt seine Finger auf. Dann entschuldigt er sich – der Gang aufs Klo muss sein. Im Treppenhaus eilt er an Musikern des türkischen Ensembles vorbei, das an diesem Abend mit dem Zürcher Kammerorchester auf der Bühne stehen wird. Wenige Tage zuvor spielte Hope mit ihnen in Istanbul. Die politische Situation des Landes beschäftige ihn zwar. Er sieht aber keinen Grund, das Land zu boykottieren: «Wir Musiker sind keine Politiker, und das werden wir auch nie sein.» Er will über Musik kommunzieren. Sie mache die Leute leiser und schaffe so die Möglichkeit, dass ein Dialog entstehe. «Ohne Dialog haben wir Menschen keine Chance.»

Am schlimmsten sind die letzten zwei Minuten

Zurück in der Garderobe, schlüpft Hope in sein Jackett. Auf der Bühne wird er der Einzige in Dunkelblau sein, Schwarz mag er nicht. «Noch fünf Minuten. Solisten und Dirigent zum Bühneneingang.» Im Treppenhaus tritt eine Querflötenspielerin von einem Bein aufs andere. Ein Cellist lässt seinen Zeigfinger unablässig die Saiten rauf und runter fahren. Dagegen wirkt der Brite cool. Sein Instrument lässig unter den Arm geklemmt, unterhält er sich vor der Bühnentür mit einem älteren Violinisten, tauscht mit ihm für ein paar Minuten das Instrument. Anderen klassischen Stars wird divenhaftes Getue nachgesagt, doch Hope bleibt trotz seines Erfolgs unprätentiös und unverkrampft. Und obschon drei Vollzeitmanager sich um seine Agenda kümmern, bleibt er nahbar und pflegt einen sympathisch-humorvollen Umgang mit seinem Publikum.

Hope geniesst und braucht das Kribbeln, den kleinen Adrenalinkick vor dem Konzert. «Das ist eine unheimliche Droge.» Manchmal ist er auch so richtig nervös, etwa vergangenen Sommer, als er in Nürnberg vor 80'000 Menschen auftrat – seine bisher grösste Zuhörerschaft.

Am schlimmsten sind für ihn die letzten zwei Minuten: «Dann will ich einfach nur noch da rausgehen und spielen.» Vergessen sind dann Streitigkeiten oder der durchgetaktete Terminkalender. Endlich ist sie da: die Sekunde, in der Daniel Hope seinem Publikum gegenübertritt und nur noch die Musik zählt.

Am 31.10. startet das Zürcher Kammerorchester in die Saison

Erstellt: 28.10.2017, 19:26 Uhr

Artikel zum Thema

Einer, der sich kümmerte

Der Schweizer Komponist Klaus Huber ist 92-jährig gestorben. Er gehörte zu den Grossen der Neuen Musik. Sein Werk sah er als Reaktion auf den empörenden Zustand der Welt. Mehr...

Musikalischer Protest

Die neuen Regeln zur Vergabe von Bundesgeldern bringen den Schweizerischen Tonkünstlerverein in Bedrängnis. Mehr...

Wie soll die Kirche heute klingen?

Es ist Konfirmationszeit: Die Gitarren werden gezückt, die Organisten spielen Hitparade. Das macht deutlich, dass die reformierte Kirchenmusik in einer Identitätskrise ist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Der grosse Sweet-Home-Geschenkeratgeber

Geldblog Medacta enttäuscht die Anleger

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...